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8. November 2018

Lehrplan Mathematik irritiert


Stellungnahme zum Mathematik-LP 21          FAZIT

von Dr. sc. Math. ETH Albert Fässler, Evilard

Version vom 1.11.2018

Der Mathematik-LP 21 ist dilettantisch und chaotisch. Mathematik hat wenig mit Basteln zu tun. Theorie und Anwendungen gehören zusammen und nicht in verschiedene Kompetenzschubladen. Es gibt nur eine Mathematik. Abgesehen davon ist die Ausbeute an motivierenden Anwendungen mager. Er vermittelt den fundamental falschen Eindruck, dass Mathematik aus einer unüberblickbaren Menge von eher zusammenhanglosen Kompetenzen besteht. Klare Anweisungen in der Sprache der Mathematik sind rar (Sind beispielsweise lineare und Exponentialfunktionen analytisch herzuleiten oder nicht?).
Stellungnahme zum Mathematik-Lehrplan 21, 1.11. von Albert Fässler

15. Februar 2017

Wenig Anreize für die Naturwissenschaften

Im Dezember letzten Jahres wurden die neuesten Pisa-Ergebnisse publiziert. Die Schweiz schnitt dabei wie üblich ziemlich gut ab. In Mathematik erzielte sie von allen europäischen Ländern das beste Resultat. Und auch bei den Naturwissenschaften, die das Schwerpunktthema der neuesten Pisa-Studie bilden, gehören Schweizer Schülerinnen und Schüler zu den besten in Europa. Doch trotz diesen guten Resultaten haben wir einen Mangel an Studenten und Lehrlingen bei sogenannten Mint-Fächern. Schülerinnen und Schüler aus der Schweiz erzielen bei Naturwissenschaften gute Resultate, aber der Anteil an jungen Menschen mit naturwissenschaftlichen Wunschberufen liegt, wie auch in Finnland, Deutschland, den Niederlanden oder Japan, unter 20 Prozent.
Niedrige Löhne und geringes Sozialprestige, NZZ, 15.2. Gastkommentar von Mathias Binswanger

26. November 2015

Breite Allianz gegen missratene Reform

Als die Frankfurter Einsprüche gegen die Ökonomisierung des Bildungswesens 2005 vorgetragen wurden, bildete sich zum ersten Mal eine breite Koalition der Kritiker gegen die seit Beginn der Jahrtausendwende mit der Agenda der OECD und PISA sowie der Verbetrieblichung der Bildungsanstalten massiv durchgesetzte Reform.
Glaubten die Reformer zu Beginn des Protestes noch, sie könnten die Kritiker als ewig Gestrige und Besitzstandwahrer ins Abseits stellen, so zeigte sich mit dem Missgestalten der Reform bald der Schaden, den die Ökonomisierung mit sich brachte: Niveausenkung, Entfachlichung, Entmutigung, Entfremdung, De-Humanisierung. Die Leitbegriffe der Reform, Exzellenz, Kompetenz, Wettbewerb, Humankapital, Outputorientierung gerieten in immer groteskeren Gegensatz zur Realität.
10 Jahre Frankfurter Einsprüche gegen die Ökonomisierung des Bildungswesens. Sehen Sie sich die Vorträge als Videos hier an. Quelle: Gesellschaft für Bildung und Wissen e.V.

19. Oktober 2014

"Die Lehrer fühlen sich als Deppen"

Mitte November präsentiert die Erziehungsdirektorenkonferenz der Deutschschweiz den überarbeiteten Lehrplan 21. Ökonom Mathias Binswanger rät, die Übung ganz abzublasen. Bloss abspecken reiche nicht.




"Der Lehrplan strotzt vor nichtssagenden Worthülsen", Bild: fhnw.ch


"Die Lehrer fühlen sich als Deppen", Neue Luzerner Zeitung, 18.10. von Kari Kälin

8. Mai 2014

"Kompetenzorientierung führt zu pseudokompetenten Schwätzern"

Der Ökonom Mathias Binswanger lässt sich von den scheinbar wohlmeinenden Rückmeldungen zum Lehrplan 21 nicht beirren und kritisiert die Normierung des Unterrichts scharf.

Binswanger findet pointierte Worte zum Lehrplan 21, Bild: HR Aeschbacher

FH-Professor findet kritische Worte für Lehrplan 21, Oltner Tagblatt, 7.5. von Clemens Ackermann

13. Januar 2014

"Musste die Kompetenzen im Bereich Sprache dreimal lesen"

Mit zweiwöchiger Verspätung reicht nun auch der Kanton Solothurn seine Konsultationsantwort zum Lehrplan 21 ein. Für den Solothurner Bildungsdirektor Remo Ankli ist er viel zu kompliziert verfasst. "Die Kompetenzen im Bereich Sprache musste ich dreimal lesen, bevor ich sie verstanden habe", meint er. Solothurn verlangt "eine Reihe von Anpassungen". Anlässlich eines Gespräches nahm auch Mathias Binswanger pointiert Stellung gegen den Lehrplan 21. Mit der Vielzahl an Kompetenzen, so Binswanger, erliegen die Lehrplan-Macher einmal mehr der "Illusion, dass alles besser wird, wenn man möglichst viel von oben her steuert".




"Im Grundsatz stimmen wir zu", Bild: Keystone

Lehrplan 21 gibt Anlass zur Diskussion, Grenchner Tagblatt, 13.1. von Elisabeth Seifert



17. Dezember 2013

"Geschwätzkultur soll keine Grundlage der Schule werden"

Einer der heftigsten Kritiker des neuen Lehrplans 21 ist Mathias Binswanger. Der Ökonom stellt sich den Fragen von Franziska Laur.



Binswanger: "Da tauchen grossartige Formulierungen auf über die sogenannte Kompetenzorientierung".


"Der Lehrplan setzt nicht mehr auf Lernen und Wissen", Basler Zeitung, 17.12. von Franziska Laur


Lehrplan-Macher von Heftigkeit der Kritik überrascht

Die Idee zum Lehrplan 21 begann mit einem Schwur. Vor einem guten Jahrzehnt musste die Zentralschweizerische Erziehungsdirektorenkonferenz einmal mehr ihre Lehrpläne anpassen: «Das machen wir zum letzten Mal alleine», versicherten sich die sieben Direktoren damals. Von Anfang an mit dabei war Christoph Mylaeus-Renggli, Geschäftsleiter der deutschsprachigen Erziehungsdirektorenkonferenz (D-EDK). Von Beruf Primarlehrer und studierter Erziehungswissenschaftler, wohnt er mit Frau und Kindern in Kehrsiten, einem kleinen Dorf am Vierwaldstättersee.
Es sei nicht wirtschaftlich, auf Lehrpläne einzelner Kantone ausgerichtete Lehrmittel zu entwickeln, argumentiert er, damals wie heute. So konnte man die Direktoren der anderen deutschsprachigen Kantone für ein gemeinsames Werk gewinnen und die Arbeiten begannen. Das war im Jahr 2006.
Überforderte Kinder, Beispiel auf dem Lehrplan für vier- bis achtjährige Kinder.
Wie ein Schwur zum Lehrplan-Fiasko führte, Basler Zeitung, 17.12. von Franziska Laur

Lehrplan 21 im Gegenwind

650 Lehrerinnen und Lehrer haben bis zur Stunde ein Memorandum unterzeichnet, in dem sie ihre Kritik am Lehrplan 21 äussern. Sie befürchten, dass sie diesen im Schulalltag nicht umsetzen können. Nachdem sie bei anderen Gelegenheiten von Bildungsbürokraten gerne als ewige Stänkerer und Reformverweigerer abgetan wurden, erhalten sie jetzt Sukkurs von Erziehungswissenschaftlern und Wirtschaftsleuten. Der Wirtschaftsprofessor Mathias Binswanger beispielsweise sagt, dass mit dem Lehrplan 21 das Wissen und das Lernen zu kurz kämen. Gefördert werde stattdessen eine inhaltslose Geschwätzkultur. 
ehrer kritisieren Lehrplan 21 scharf, Basler Zeitung, 17.12. von Franziska Laur

20. November 2013

"Inhaltslose Geschwätzkultur"

Zu den heftigsten Kritikern des Lehrplans 21 gehört der Volkswirtschafter Mathias Binswanger. Seiner Meinung nach fördert die Verschiebung von Wissen hin zu Kompetenzen eine "inhaltslose Geschwätzkultur". 
Intensiv beteiligten sich rund 100 Gäste an der Diskussion, die kürzlich an der Uni Basel stattfand. Der Verein «Denknetz», der Entwicklungen in der Wirtschafts-, Sozial- und Bildungspolitik aufgreift, hatte zu einer Abendveranstaltung geladen. Es ging um den Lehrplan 21, das umstrittene Projekt, das die Lernziele für die 21 Deutschschweizer Kantone vorgeben soll.
Scharfer Kritiker des Lehrplans 21 ist Mathias Binswanger, Professor für Volkswirtschaft an der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW). Doch auch Rudolf Künzli, Lehrplanforscher und ehemaliger Leiter der Pädagogischen FHNW, stellt ihn infrage, jedoch auf etwas gemässigtere Weise als Binswanger. Einheitlicher Tenor: Der Lehrplan überfordert die Schüler, ist für Lehrkräfte kaum umsetzbar und entfernt sich zu weit von der Kernaufgabe der Schule: dem Vermitteln von Fachwissen.
Mathias Binswanger argumentierte klipp und klar: «Das Wissen wird mit dem Lehrplan 21 in den Hintergrund gedrängt.» Gefördert würde stattdessen eine inhaltslose Geschwätzkultur. Im Lehrplan sei viel die Rede von Selbstreflexion, Eigenständigkeit sowie Beziehungs- und Konfliktfähigkeit. Doch dies seien nichtssagende Worthülsen. Ausserdem: «Wie will man Kompetenz messen?» Da würde eine Form von Scheinpräzision vorgegaukelt, die nie und nimmer Realität sei.
Seiner Meinung nach will der Lehrplan 21 die Schulen zurechtstutzen auf politisch korrektes, normiertes Mittelmass. Doch so nehme man den Lehrkräften immer mehr Freiraum und die Lust am Unterrichten. «Wenn die Freude verdrängt wird, wird auch die Qualität verdrängt», ist Binswanger überzeugt.
Als Binswanger jedoch den Schluss zog, dass reine Kompetenzorientierung zu pseudokommunikativem Schwätzertum führe und den Schülern dafür grundlegende Fähigkeiten beispielsweise in Mathematik fehlen würden, sah sich Rudolf Künzli bemüssigt, Gegensteuer zu geben: «Der Lehrplan 21 ist eine Überforderung für die Schüler, das ist richtig. Doch er ist kein Schrott. Da müssen wir genau sein.» Allerdings sei die Überforderung der Schülerschaft und die Fülle des Lehrplans tatsächlich ein Problem.
Auch er stellte jedoch fest: «Kompetenz ist so was wie eine pädagogische Bewegung geworden.» Er ging auf die Geschichte der Bildung ein und stellte zum Schluss seines Referats fest: «Die Politik scheut die Setzung von gemeinsamen Rahmenbedingungen: Nicht einmal mit der Schulharmonisierung hätten so relevante Anliegen wie die gemeinsame Einführung von Fremdsprachen, Schulzeiten und Fächerstrukturen durchgesetzt werden können.
Zum Schluss schaltete sich auch die Zuhörerschaft in die Diskussion ein, unter ihnen viele Lehrkräfte: «Binswanger macht es sich zu einfach. Er war wohl schon lange nicht mehr in einer Schulstube», sagte einer von ihnen. Gerade mit dem Kompetenzbegriff habe man nun die Chance, von der Wortfülle wegzukommen. Doch der Lehrplan 21 erntete auch von dieser Seite nicht viele gute Worte.
«Man hat den Eindruck, dass man mit dem Lehrplan die Gesellschaft über unsere Jugend umerziehen will», sagte ein Votant, der sich als Pfarrer outete.Und er fügte hinzu: «Das Werk kommt daher wie eine Bibel.» Bedenken äusserte auch eine Primarlehrerin: «Es scheint, dass die Schüler mit dem neuen Lehrplan nicht mehr rechnen und lesen müssen, dafür aber operieren und benennen, erforschen und argumentieren.» Wissen könne man aber so kaum erlangen, da gehöre nun einfach einmal Pauken dazu.
Angesprochen wurde ein weiteres Problem: «Gerade die zahlreichen auffälligen Kinder dürften mit dem neuen Lehrplan überfordert sein», sagte eine Lehrerin. Diese seien auf klare Anweisungen angewiesen. Doch der Lehrplan 21 setze ganz klar auf das eigenständige, selbstbestimmte Lernen.
Quelle: Lehrplan 21 fördert "inhaltslose Geschätzkultur", Basler Zeitung, 20.11. von Franziska Laur

8. Juli 2013

Lehrplan 21: "Entinhaltisierung der Schule"

Eine Knacknuss des nun vorliegenden Entwurfs zum Lehrplan 21 ist die Kompetenzorientierung. Ist es überhaupt möglich, die aufgelisteten Kompetenzen zu lehren und zu überprüfen? Der folgende Text von Mathias Binswanger kritisiert die Kompetenzorientierung scharf und konstatiert eine Schule ohne Inhalt.
Das neue Zauberwort in der Bildung heisst «Kompetenzorientierung». Dies ist auch die zentrale Richtlinie des letzte Woche von den Erziehungsdirektorinnen und -direktoren der 21 Deutschschweizer Kantone in die ­Konsultation geschickten neuen Lehrplans 21. Zu dieser «Kompetenzorientierung» ­gehört zwar auch noch etwas Wissen, doch dieses wird zunehmend in den Hintergrund gedrängt. Schliesslich gibt es heute das Internet, wo man alles Wissenswerte nachschauen kann, und da braucht man das Gehirn nicht mehr mit ­Wissen zu belasten. Also kann man sich von der alten «Paukerschule» verabschieden und den Schülern stattdessen den Erwerb neuer wichtiger überfachlicher Fähigkeiten wie «methodische Kompetenzen» (z.B. Informa­tion nutzen), «so­ziale Kompetenzen» (z.B. Koope­rations­fähigkeit) oder «personale Kompetenzen» (z.B. Selbstreflexion) ermöglichen.
«Kompetenzorientierung» bedeutet somit in der gelebten Realität, dass der Unterricht ­seines Inhalts entleert wird. Das ist aber einer tatsächlich relevanten Bildungsqualität nicht förderlich. Wir brauchen nicht Schüler, die lernen, wie man sich bestimmter Worthülsen bedient, ohne zu verstehen, was damit eigentlich gemeint ist. Doch genau in diese Richtung geht auch der Lehrplan 21.
Zwar behaupten die Erziehungsdirektoren, dass mit dem Lehrplan 21 die inhaltlichen ­Ziele der Volksschule in den Kantonen harmonisiert werden. Was aber in Wirklichkeit harmonisiert wird, sind abstrakte Formulierungen, bei denen es um Ziele, Kompetenzen, Strategien und Fokussierungen geht, die vom tatsächlichen Schulalltag meilenweit entfernt sind. Wie in anderen Politikbereichen wird auch in der Bildung zunehmend ein intellektuell klingendes Geschwätz auf Metaebenen zelebriert, das sich in der Realität als hohle Phrasendrescherei entpuppt.
Letztlich ist der Lehrplan 21 von der hehren Vorstellung geprägt, man könne die Schulen von oben herab zentralistisch steuern und damit immer kompetentere Menschen heranbilden. Doch das ist eine Illusion. Lehrerfolg und Bildungsqualität hängen in erster Linie von der konkreten Lernsituation ab und nicht von immer grossartiger formulierten Lehrplänen. Selbst wenn man wie im Lehrplan 21 Hunderte von abstrakten Kompetenzen definiert und formuliert, wird dadurch das tatsächliche Können der Schülerinnen und Schüler noch lange nicht verändert. Dazu braucht es konkret vermittelten Lernstoff, wozu es umso eher kommt, je weniger Lehrer durch immer zahlreichere abstrakte Vorgaben behindert und demotiviert werden. Es ist eine vollkommene Illusion, wenn man glaubt, Kompetenzen wie Selbst­reflexion, Eigenständigkeit, Beziehungsfähigkeit, Konfliktfähigkeit oder das Vermögen, ­Informationen zu nutzen, liessen sich in der Schule dadurch erlernen, dass sie in einem Lehrplan festgeschrieben werden.
Die fehlende Realitätsnähe der «Kompetenz­orientierung» zeigt sich schon bei der Definition. So heisst es in den Grundlagen zum Lehrplan 21: «Mit der Kompetenzorientierung ergibt sich eine veränderte Sichtweise auf den Unterricht. Lernen wird verstärkt als aktiver, selbstgesteuerter, reflexiver, situativer und konstruktiver Prozess verstanden.» Das klingt alles sehr wichtig und kompetent. Nur, was das konkret heisst, bleibt im Dunkeln. Hier geht es um typische Begriffe in der heutigen Bildungslandschaft, die alles und nichts aus­sagen. Der gesunde Menschenverstand sagt uns bereits, dass jedes Lernen, welches diesen Namen verdient, konstruktiv sein muss, und es lässt sich auch gar nicht anders als situativ vermitteln. Wozu dann also solche nichtssagenden Worthülsen?
Die Erziehungsdirektoren glauben offenbar, dass sich diese inhaltsleeren Begriffe auch noch dazu eignen, die Bildungsqualität in verschiedenen Schulen zu überprüfen. Denn, so wird argumentiert, bei vielen traditionellen Lehrplanformulierungen lässt sich nur vage beurteilen, ob die Schülerinnen und Schüler die Ziele auch wirklich erreicht haben. Der Lehrplan 21 soll hier mit seinen präziseren Können-Formulierungen mehr Klarheit schaffen. Aus diesem Grund seien die im Lehrplan beschriebenen Kompetenzen klar und messbar formuliert. Das zumindest behauptete Christian Amsler, der Präsident der deutschsprachigen Erziehungsdirektorenkonferenz, in einem in der NZZ publizierten Streitgespräch mit SVP-Politiker Ulrich Schlüer.
Nun zeichnen sich wahre Kompetenzen aber gerade dadurch aus, dass sie nicht exakt fassbar und nicht messbar sind. Dass dies dem verantwortlichen Bildungsdirektor nicht ­bewusst ist, stimmt nachdenklich. Wie soll man etwa überprüfen, ob Schüler wichtige Veränderungen und Entwicklungen in Städten charakterisieren können? Oder wie will man messen, ob Schüler in verschiedenen Erfahrungsbereichen (etwa Generationen, Peers, Schule, Religion, Kunst) und Fachgebieten (etwa Geschichte, Biologie, Physik, Recht, Ökonomie) unterschiedliche Fragestellungen und Weltsichten erkennen können? Dies sind nur zwei Beispiele von im Lehrplan 21 formulierten Kompetenzen, die deutlich machen, dass die Behauptung der Messbarkeit in diesem Zusammenhang absurd ist. Hier wird eine Scheinpräzision in Bezug auf Kompetenzen vorgegaukelt, die in Wirklichkeit weder überprüfbar noch messbar sind.
Schauen wir uns den Lehrplan 21 aber noch ­etwas konkreter an. Dieser teilt sich auf in sechs Fachbereiche (z.B. Mathematik oder Sprachen), drei fächerübergreifende Themen (z.B. ICT und Medien) sowie in die eingangs erwähnten überfachlichen Kompetenzen. Nehmen wir zum Beispiel den Religionsunterricht. Klar, dass dies in einem modernen Lehrplan eine vollkommen veraltete Bezeichnung darstellt. Denn Religionsunterricht im traditionellen Sinn ist für einen modernen Lehrplan viel zu konkret und wissensorientiert. Dort lernte man in früheren Zeiten ­nämlich vor allem die Geschichten der Bibel kennen, und dies auch noch völlig unreflektiert und ohne dass der Bibel andere Religionsentwürfe gegenübergestellt wurden. So etwas darf bei «Kompetenzorientierung» nicht mehr sein.
Deshalb ist Religionsunterricht jetzt Teil des Kompetenzaufbaus «Natur, Mensch, ­Gesellschaft», wozu der Teilbereich «Ethik, Religionen, Gemeinschaft (mit Lebenskunde)» gehört. Was in der Bibel konkret steht, brauchen Schüler nicht mehr zu wissen, denn auch das lässt sich mittlerweile im Internet nachschauen. Gemäss Lehrplan 21 können die Schüler hingegen neu «in alltäglicher Umgebung, in kulturellen Lebensweisen oder ­Lebensstilen religiöse Symbole identifizieren und im ­Kontext ihrer Verwendung deuten». Oder sie «können in der Werbung Motive ­religiöser Traditionen erkennen sowie ihre religiöse Herkunft und ihre Verfremdung ­erschliessen».
Das ist alles schön und gut, doch solche Kompetenzen ohne Wissen sind sinnlos. Ohne die Bibel und damit die eigene Religion zu kennen, verkommen die im Teilbereich «Ethik, Religionen, Gemeinschaft» formulierten Kompetenzen zu hohlen Phrasen. Erst wenn man die Geschichten der Bibel kennt, kann man in der Schule auch «Verfremdungen religiöser Traditionen erschliessen». Hier ­haben wir ein konkretes Beispiel für Ent­inhaltisierung des Unterrichts. Schüler und Schülerinnen werden dazu erzogen, pseudokompetent über Dinge zu reflektieren und zu diskutieren, die sie in Wirklichkeit nicht kennen und nicht verstehen. Das entspricht exakt auch unserer gesellschaftlichen Tendenz, wonach immer mehr Menschen und insbesondere auch Politiker «kompetent» über Dinge sprechen, von denen sie in Wirklichkeit keine Ahnung haben. Doch solange die Diskussion nur um abstrakte Begriffe wie «Strategien», «Kompetenzen» oder «Fokussierungen» geht, braucht man vom Inhalt auch nicht viel zu wissen. Eine solche inhaltsleere Geschwätzkultur sollte aber nicht auch noch zur Basis unserer Lehrpläne werden.
Ein anderes Beispiel ist die Wirtschaft. Diese ist im Lehrplan 21 ebenfalls Teil des Kompetenzaufbaus «Natur, Mensch, Gesellschaft» und erscheint dort im Teilbereich «Wirtschaft, Arbeit, Haushalt». Da sollen dann die Schüler über folgende Kompetenzen verfügen: «Sie können soziokulturelle Bedingungen (z.B. Einfluss der Peers, Rolle der Medien, aktuelles Marktangebot) beim Konsumieren erkennen und deren Einfluss auf eigene Konsumhandlungen reflektieren.» Oder «sie können verantwortungsbewusste Konsumentscheide charakterisieren und aufzeigen, welche Zielkonflikte und Unsicherheiten für sie/ihn als Konsument/in dabei entstehen». Das ist alles ein bisschen viel verlangt, wenn man die Funktionsweise der Wirtschaft noch gar nicht versteht und grundlegendes Wissen dazu fehlt.
Es sei hier darauf hingewiesen, dass es auch vernünftig formulierte Kompetenzen gibt, wie etwa den ebenfalls dem Kompetenzaufbau «Natur, Mensch, Gesellschaft» zugehörigen Teilbereich «Schweiz in Tradition und Wandel verstehen». Hier handelt es sich letztlich um das Fach Geschichte, in dessen Zusammenhang der Lehrplan 21 richtig erkannt hat, dass die reine «Kompetenzorientierung» nicht ausreicht. Deshalb ist hier auch klammheimlich wieder die Kenntnis wichtiger Geschichtsdaten und Ereignisse mit in den Lehrplan aufgenommen worden.
Generell gilt also: Es ist gefährlich, die traditionelle Wissensorientierung in der Schule ­einem neuen Modebegriff wie der «Kompetenzorientierung» zu opfern. Wissensorientierung darf jedoch nicht mit sinnloser Pau­kerei gleichgesetzt werden. Doch wo wird das heute noch praktiziert? Der Lehrplan 21 rennt hier offene Türen ein, die man nicht einzurennen braucht. Reines Auswendiglernen hat mit echter Wissensorientierung nichts zu tun. Aber ein gewisses Auswendiglernen gehört ­dazu und ergibt Sinn. Es hilft, wenn man ein paar Eckdaten der Geschichte weiss, auch wenn dies nicht die Daten der Punischen Kriege einige Jahrhunderte vor Christus sein müssen. Nicht selten sind wir später froh, auf ­unser erlerntes und aufgefrischtes Wissen wie Kopfrechnen, Rechtschreibung oder Geschichte zurückgreifen zu können. Natürlich darf die Schule neben dem reinen Wissen dann auch Kompetenzen vermitteln, aber diese entstehen nicht dadurch, dass sie detailliert und möglichst realitätsfern in einem Lehrplan aufgelistet werden. Sie ergeben sich automatisch im konkreten Schulalltag, da ein guter Lehrer Wissen gar nicht ohne die dazugehörenden Kompetenzen vermitteln kann.
Quelle: Weltwoche 27/13, Kompetenz ohne Wissen von Mathias Binswanger

29. Februar 2012

Die Ohnmacht des Staates

Die Texte des Volkswirtschafters Mathias Binswanger zur Schule sind anregend. Er diagnostiziert eine Ohnmacht des Staates in der Verbesserung der Schulqualität. Schulreformen sind für den Bildungserfolg zweitrangig, entscheidend sind Faktoren, welche vom Staat nicht beeinflussbar sind. Binswangers These, wonach die gezielte Sprachförderung von fremdsprachigen Kindern die einzig richtige Massnahme sei, ist allerdings umstritten.
Mathias Binswanger, NZZ, 29.2.
Zum Lesen bitte anklicken.

30. Dezember 2011

Von Finnland lernen?

Mathias Binswanger äussert sich zu den Absurditäten der Leistungsmessung in der Schule. Er benennt die gängigen "Tonnenideologien im Bildungswesen" und zeigt uns, wohin der Vergleichswahn führen kann. Vielen Dank auch an meinen Kollegen Fritz Tschudi für den Tipp.
MAMABLOG-GYMNASIUM
Der Nachwuchs muss auf die Wissensgesellschaft vorbereitet werden, heisst es. Bild: Keystone
Die Absurdität der Bildungsideologie, Tages Anzeiger online, 30.12.
Mehr von Mathias Binswanger hier.

25. Juni 2011

LCH ist gegen "sinnlosen Wettbewerb"

Die Delegiertenversammung des LCH sprach sich gegen Bildungs-Benchmarking aus. Damit soll verhindert werden, dass Schulen entsprechend ihrem Leistungsausweis (z.B. Übertrittsquote an Gymnasien) belohnt oder bestraft werden. Bildung könne nicht mit einem wirtschaftlichen Produktionsprozess verglichen werden, meint der Zentralpräsident des LCH, Beat Zemp. Diese Präzisierung ist notwendig. Der LCH unterstützt nämlich Harmos, dessen Grundpfeiler auch ein Schulmonitoring vorsieht. Deshalb warnt der LCH zurecht frühzeitig gegen Absichten, die Resultate von Vergleichstests zur Finanzierung oder Entlöhnung einzusetzen.
Interview mit Beat Zemp, Zentralpräsident LCH, in NZZ 20.6.
Dazu ein Beitrag von Alexander Sautter (Radio DRS) mit Stimmen von Beat Zemp, Ernst Buschor und Matthias Binswanger.