Tiefe emotionale Erlebnisse, besonders auch im musisch-kreativen
Bereich, sind wertvolle Bausteine für die Entwicklung des Selbstwertgefühls und
der Persönlichkeit jedes Schülers. Es gibt gute Gründe für Gruppenarbeit und
Schulprojekte. Diese aber zu einem pädagogischen Konzept zu überhöhen, halte
ich für einen gefährlichen Irrtum.
An vielen Schulen herrscht das Primat des selbständigen Arbeitens (damit
verbunden sind Projekte, erforschendes Lernen, selbstorganisiertes Lernen,
schülerzentrierter Unterricht usw.). Der Lehrer übergibt die Verantwortung fürs
Lernen an seine Schüler und steht nur noch beratend zur Seite.
Nun gibt es immer mehr Schulen, deren Schüler miserable Kenntnisse
vorweisen können. Gerade solche Schulen rühmen sich gegenüber Eltern und in den
Medien, besonders gezielt in die individuellen Stärken ihrer Schüler zu
investieren. Das Individuelle soll gegenüber dem Allgemeinen gefördert werden:
So tönt der aktuelle pädagogische Mainstream. Dabei fällt auf, dass nicht nur
schwache Schulen, sondern auch schwache Schüler Projektunterricht bevorzugen.
Das Problem ist, dass sie dabei aber weniger lernen als bei geführtem
Klassenunterricht. Eine Reduktion der direkten Instruktion zugunsten einer
individuellen Förderung schadet also besonders den schwachen Schülern, wie
Hattie betont. Und Liessmann hat diese «Rhetorik der Individualität» als das
Konzept des jungen Menschen als Humankapital entlarvt.
Projektunterricht als Glaubenssatz des pädagogischen Mainstreams, www.Condorcet.ch, 6.9. von Urs Kalberer