Als ich 1975 an einem hessischen Gymnasium zum ersten Mal vor einer
Klasse stand, um die Schüler in deutscher Literatur zu unterrichten, war ich
mit den Folgen der drei Jahre zuvor erlassenen „Hessischen Rahmenrichtlinien
Deutsch“ konfrontiert. Literaturunterricht sollte nicht mehr die Interpretation
der „schönen“ klassischen Literatur sein, sondern der „Umgang mit Texten“.
Diesem Textbegriff war alles eins: ein Gedicht von Rilke, eine Stellenanzeige
und ein Zeitungsartikel. Die „hohe“ Literatur sollte vom Sockel geholt werden,
um die Benachteiligung der Schüler zu beseitigen, denen es nicht vergönnt ist,
im Elternhaus mit Büchern und intellektuellen Gesprächen aufzuwachsen. Statt
dem Kind aus der Unterschicht den Umgang mit Literatur wenigstens in der Schule
zu ermöglichen, wurde die Literatur gleich ganz eliminiert. Aus der
„Ungleichheit“ weniger wurde Ungleichheit für alle. Welch fataler Irrtum, der
bis heute nachwirkt.
Unterforderung ist das Übel der Zeit, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.10. von Rainer Werner