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16. September 2019

Precht versus Liessmann

Die Wirtschaft verlangt nach Köpfen für die Jobs von morgen. Pädagogen fordern Schulen, in denen Kinder für das Leben lernen. Eltern fürchten den globalen Wettbewerb. Doch was ist wahre Bildung? Welchem Ziel dient sie? Und braucht es sie überhaupt noch im Zeitalter von Google?

Bildung werde heute vornehmlich unter einer Nützlichkeits- und Verwertungslogik betrachtet und führe in die Irre, mahnt beispielsweise der österreichische Philosoph Konrad Paul Liessmann. Im blauäugigen Vertrauen in eine digitale Welt, in der niemand mehr etwas wissen muss, weil sich alles im Internet finden lässt, drücke sich eine veritable Verachtung des Wissens aus.

"Unsere Schulen bereiten nicht nur schlecht auf das Leben vor, sie zerstören sogar gezielt jene Potenziale an Neugier, Begeisterungsfähigkeit und Kreativität, die später für ein erfülltes Leben gebraucht werden", sagt der deutsche Philosoph Richard David Precht. Doch wer bestimmt unsere "notwendigen Kernkompetenzen"? Wie wird Begabung unter dem heute vorgegebenen Effizienzdruck noch entdeckt und abgeschöpft? Ist die Gesellschaft mit den heutigen Lehrplänen und -zielen auf dem richtigen Weg oder braucht sie dringend eine Bildungsrevolution?
Precht: "Eine der wichtigsten Funktionen, die die Schulen haben, ist, dass die Kinder lernen müssen, mit anderen Kinder auszukommen, die sie sich nicht ausgesucht haben." Bild: Screenshot SRF

 
Liessmann: "Mit Bildung verhält es sich so, wie mit einem Marmorblock. Das ist Stoff, das ist Material. Aber es ist noch ungeformt. Und jetzt muss draus etwas gemacht werden." Bild: Screenshot SRF
Zankapfel Bildung: Der philosophische Stammtisch, SRF Sternstunde Philosophie, 15.9.




26. August 2019

Replik an Precht und Co.


Der Kultphilosoph Richard David Precht fordert eine Revolution der Bildung mit digitalisiertem und individualisiertem Lernen. Doch seine Ideen sind weder neu noch praktikabel.
Er publiziert in kurzen Zyklen. Mit seinen Erfolgsbüchern erzielt er rege Resonanz. Und wenn er auftritt, sind ihm ein grosses Auditorium und mediale Multiplikation sicher. Gemeint ist der deutsche TV-Philosoph Richard David Precht. Viele liegen ihm zu Füssen. Mitte August 2019 lud ihn die „NZZ am Sonntag“ zu einem grossen Interview [1]. Als Bestsellerautor verkündet er auch hier seine Bildungsrevolution: Es muss alles ganz anders werden. Die Schule grundlegend neu denken, verlangt der Vielgefragte.
Der Philosoph als Heilsbringer, Journal21.ch, 25.8. von Carl Bossard

18. August 2019

Precht: Lehrer müssen ihre Schüler nicht mögen


Die Schule bereite unsere Kinder schlecht auf die Zukunft vor, sagt der Philosoph und Bestsellerautor. Er erklärt, wieso Lehrer ihre Schüler nicht mögen müssen und weshalb man auf Goethes «Werther» verzichten sollte.
Richard David Precht: "Algebra braucht kaum jemand im Leben. Das ist verschwendete Zeit", NZZaS, 18.8. von Michael Furger

12. August 2018

"Selektion zu früh"

Herr Rüttimann*, in Basel steht eine Debatte darüber an, welche Fächer beim Übertritt von der Primarschule in die Sek zählen sollten. Welche Meinung vertreten Sie? 
Dieter Rüttimann: Ich meine, dass es gar keine Noten geben sollte. Es gibt keinen Beleg dafür, dass Noten die Motivation der Schüler steigern würden. Zudem ist ja das schweizerische Notensystem in gewissem Masse pervers: Drei von sechs Noten sind auf der Skala ungenügend, das ist einmalig. 

Gehen wir davon aus, dass die Noten nicht abgeschafft werden. Sind Sie unter diesen Umständen dafür, dass Werken, Sport und Musik zählen sollten? 
Ja, dann sollen alle Fächer bewertet werden, das ist nur fair. Schüler denken auch ökonomisch. Wenn gewisse Fächer gar nicht berücksichtigt werden, dann sinkt hier die Einsatzbereitschaft. 

Wie hat sich das Image der sogenannten nicht kognitiven Fächer wie Werken, Sport und Musik entwickelt? 
Auf der einen Seite hat die Schweiz auf die internationalen Vergleiche reagiert, wo sie in den sogenannten Naturwissenschaften eher durchschnittlich abgeschnitten hat. In vielen Kantonen wurden deshalb Naturwissenschaftenund Technikfächer aufgewertet und Fächer wie Gestaltung geschwächt. Gleichzeitig gibt es eine starke Bewegung junger Menschen, die sich in Richtung Kunst orientieren. Das ist begrüssenswert. Es ist bewiesen: Menschen, die expressiv sind, führen ein zufriedeneres Leben. 

Welchen Stellenwert sollte die Musik in der Schule haben? 
Es gibt eine Untersuchung aus dem Kanton Solothurn, die zeigt, dass die mathematischen Fähigkeiten zunehmen, wenn es mehr Musikunterricht und weniger Matheunterricht gibt. Musik hat einen starken neuropsychologischen Effekt. Sie kann beispielsweise hilfreich sein, die Demenz zu verlangsamen. Insofern bin ich der Meinung, dass Musik einen hohen Stellenwert in der Schule haben sollte. 

Und Sport? 
Interessant ist ja, dass dies das einzige Fach ist, bei dem der Bund vorschreibt, wie viele Lektionen unterrichtet werden müssen. Dies im Hinblick auf den Militärdienst. Aber auch unabhängig davon ist er wichtig. Physiotherapeuten sagen, das Rumsitzen sei das Rauchen von früher und die Schule animiert zum Rumsitzen. Deswegen ist Sport von grosser Bedeutung. Das spricht abgesehen davon auch für Werken, wo man oft in Bewegung ist. Das Werken hat einen weiteren positiven Effekt: Es hilft vielen Kindern, die in abstrakten Fächern wie Mathe Probleme haben. Wenn sie beispielsweise etwas nach Mass bauen und zuschneiden müssen, dann wird das Abstrakte in die Praxis übertragen. 

Wo hat das schweizerische Schulsystem Verbesserungspotenzial? 
Prinzipiell steht das Bildungssystem gut da, wie auch die Pisa-Studien zeigen. Aber wir haben in gewissen Bereichen Luft gegen oben. So gibt die Schweiz in der Frühförderung nur halb so viel aus wie beispielsweise Polen. Dabei weiss man, dass jeder hier investierte Franken nachher das Fünffache abwirft. Ausserdem entscheidet bei uns die sozioökonomische Herkunft über den Schulerfolg; ähnlich wie in Deutschland oder Belgien schlägt der Background bei uns zu stark durch. Das ist in einem demokratischen Land doch ziemlich stossend, dass Herkunft über Leistung triumphiert. Ein weiteres Problem ist die frühe Selektion. Es zeigt sich, dass die Schulsysteme dann erfolgreicher sind, wenn sie die Selektion später durchführen, beispielsweise in der 8. Klasse. Im Alter von zwölf verändern sich nicht nur die exekutiven Funktion, welche Planung, Steuerung und Auswertung von Lernprozessen regeln, sondern auch der IQ verändert sich dann am stärksten. 

Der Philosoph Richard David Precht hat im «Blick» gesagt, das schweizerische Bildungssystem sei für das 19. Jahrhundert gemacht. «Er ist für einen Staat konzipiert, der sich überlegt, wie viele einfache Handwerker, wie viele Angestellte für Schreibberufe und wie viele Akademiker gebraucht werden.» Mit Selbstbefähigung habe unser System nichts zu tun.» Teilen Sie diese Einschätzung? 
Sie zeugt eher davon, dass er schon lange nicht mehr in einer Schule gewesen ist. Die Durchlässigkeit in unserem Schulsystem hat sich massiv verbessert in den vergangenen Jahren. Selbst wenn ich einen tiefen Oberstufenabschluss mache, habe ich nachher fantastische Möglichkeiten. Dazu muss man sagen, dass Strukturreformen in der Bildung erfahrungsgemäss fast wirkungslos sind. Für den Lernerfolg eines Kindes ist die Beziehung zum Lehrer eine notwendige, wenn auch nicht hinreichende Bedingung. Daneben würde es sich lohnen in die Qualität der Aufgaben, die den Schülerinnen und Schülern gestellt wird, zu investieren. In der Schule der Zukunft würde es viel mehr um Lernprozesse als um Strukturveränderungen gehen.

Dieter Rüttimann (63) ist Schulleiter und Mitgründer der Gesamtschule Unterstrass in Zürich. Er ist zudem als Dozent in der Grund- und Weiterbildung am Institut Unterstrass an der PHZH tätig und Autor mehrerer Schriften über Kommunikation in der Schule und Unterrichtsentwicklung.

Sollen Sport, Zeichnen und Musik selektionsrelevant sein?

Am Montag beginnt in beiden Basel die Schule. Für die 6.-Klässler ist es ein besonders wegweisendes Jahr. Es entscheidet sich, ob sie die künftigen drei Jahre im Niveau P, E oder A absolvieren werden. Wer in den leistungsstärksten Zug eingeteilt wird, der wird mit hoher Wahrscheinlichkeit das Gymnasium besuchen und später an der Uni studieren. Wer es «nur» ins schwächste Niveau A schafft, der wird sich nach drei Jahren mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Lehrstelle suchen müssen. 
Soll in der Schule nur noch das Hirn zählen, Schweiz am Wochenende, 11.8. von Leif Simonsen

12. Mai 2018

Verhärtung der Fronten

Es fällt mir nicht leicht, den heutigen Artikel zu schreiben, weil er viele Menschen aus meinem Umfeld vor den Kopf stossen und mir wahrscheinlich einige böse Kommentare einhandeln wird. Aber das  Thema beschäftigt mich zu oft, um das Folgende ungesagt zu lassen. Es geht um die zunehmend aggressiver werdende Kritik an der Schule.

In unserer Zeit, in der es auf Klickraten und Interaktionen in den sozialen Medien ankommt und gerne alles auf Facebook und Co. geteilt wird, was knackig und plakativ daherkommt, greifen Journalistinnen, Autoren und Expertinnen vermehrt auf die Strategie «Polarisieren und emotionalisieren» zurück. Mit Titeln wie «Schulinfarkt» oder «Das Lehrerhasser-Buch» wird um Aufmerksamkeit gebuhlt. Die Experten, die zum Thema Schule interviewt und in Talkshows eingeladen werden, vermischen berechtigte Kritik immer mehr mit populistischer Rhetorik.
Die Schule - unser Feind? Fritz und Fränzi, 5.2. von Fabian Grolimund

10. Dezember 2017

Falsche Dogmen und Steuerungsphantasien

Werden Lehrer irgendwann überflüssig sein? Verliert die Berufslehre an Stellenwert? Wird Bildung privatisiert? Drei grosse Entwicklungen prägen die Zukunft der Bildung. Doch nicht alle sind begrüssenswert, schreibt Claudia Wirz.
Schöne neue Bildungswelt, NZZaS, 26.11. von Claudia Wirz

21. August 2017

Unkritisches Schwärmen

Eine Breitseite unreflektierter Polemik gegen das Herkömmliche, ein paar Schlagwörter aus der pädagogischen Mottenkiste, etwas rührende Sozialromantik und eine Prise neoliberaler Bluff, das Ganze garniert mit Zitaten von notorischen Schulbesserwissern (Schmitt, Zemp, Precht, Largo, etc.), und fertig ist die profunde Sauce zum neuen Schuljahr.
Replik auf: Hightech macht Schule, Beobachter 18.8. von Susanne Loacker 

20. August 2017

Schweizer Pässe auswendig lernen ist sinnlos

Es ist höchste Zeit für die digitale Revolution in den Schulen. Sie macht das Lernen leichter, sinnvoller und vor allem lustiger. Doch die Widerstände sind gross.

Hightech macht Schule, Beobachter, 17.8. von Susanne Loacker

25. November 2013

Im Zeitalter der Scharlatane

Sie stürmen die Bestsellerlisten mit ihren Pauschalurteilen über die Schule und Lehrerschaft und finden Gehör bei einer unkritischen Gefolgschaft. Dabei kennen die Autoren Hüther, Precht und Fratton den Schulalltag grösstenteils nur vom Hörensagen. Roger von Wartburg wagt sich an eine Bestandesaufnahme.




"Befreit von akademischen Skrupeln und den Mühen der Empirie", Roger von Wartburg legt einen gehaltvollen Artikel über unsere Bildungspäpste vor.

6. November 2013

Weder neu noch richtig

Der kürzliche Besuch des Philosophen, Autors und Schulkritikers Richard David Precht in Zürich hat Reaktionen in den Leserbriefspalten ausgelöst. 
Leserbrief NZZ, 6.11. von Christian Fischer, D-Köln

1. November 2013

Precht in Zürich

Der 45-Minuten-Takt mit sechs Fächern pro Tag habe ausgedient. Dies findet Richard David Precht. Unsere heutige Schule gründe im 19. Jahrhundert und sei schlecht für die Herausforderungen der Zukunft gerüstet. 
Die Schule neu denken, NZZ, 31.10. von Walter Bernet

6. Oktober 2013

Entlarvung der Bildungsgurus

Es ist trendy auf der Schule rumzuhacken. Das machen viele und verdienen nicht schlecht daran. Das Killerargument dabei ist oft die "Hirnforschung". Diese zeige uns, wie an unseren Schulen gelernt werden solle. Auch bei uns pilgerten seinerzeits die selbsternannten Propheten von PH zu PH und dozierten über Kinderhirne, die wie Schwämme seien und z.B. Fremdsprachen nur so aufsaugen würden. Der Glaube versetzt bekanntlich Berge, und hier braucht es wirklich sehr viel Glaube (und entsprechend weniger harte Fakten). Es ist also Zeit, dass die international bekannten Bestellerautoren Gerald Hüther, Richard Precht und Jesper Juul genauer unter die Lupe genommen werden.
Die Stunde der Propheten, Die Zeit, 8.9. von Martin Spiewak, 

5. Mai 2013

Precht kritisiert Notensystem

Richard David Precht im Interview mit dem Tages Anzeiger über sein neues Buch (Anna, die Schule und der liebe Gott).



Trotz vieler Reformen wird das Notensystem den Kindern nicht gerecht, Bild: Peter Rigaud

"Das Notensystem wird Kindern nicht gerecht", Tages Anzeiger, 22.4. von Res Strehle

Da drängt sich jemand in den Vordergrund

Er sei ein Starphilosoph. Nun hat er ein neues Buch geschrieben und alle Welt spricht davon (Anna, die Schule und der liebe Gott). Die Rede ist von Richard David Precht. Eine Buchbesprechung von Peter Keller.

Das weisse Hemd handbreit geöffnet, da­runter schimmert die glattrasierte, à point ­gebräunte Brust hervor. Volle Lippen, Augen in Marlene-Dietrich-Blau, die Haarspitzen touchieren zart die Schultern. Das ist nicht «Germany’s Next Topmodel», sondern Deutschlands bekanntester Philosoph, Richard David Precht, Bestsellerautor von «Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?» und TV-Moderator.
Monatlich erklärt Precht im ZDF die Welt im intimen Zwiegespräch. Da geht es um Vegetarismus («Dürfen wir Tiere essen?») oder um Fitnesswahn («Der getunte Mensch»), und zur Anmoderation schaut uns ein besorgter Mann mit Goldglanz im frisch geföhnten Haar entgegen, das Ansteckmikrofon abgestimmt auf den Farbton des Hemdes, und sagt: «Noch nie in der Geschichte haben sich Menschen so sehr mit sich selbst und ihrem Körper beschäftigt wie heute. Wir optimieren unser äusseres Erscheinungsbild, unsere Gesundheit und demnächst vielleicht sogar unsere Gene.»
Da hüpft das Hirn der Annabelle-Leserin, während der TV-Philosoph das Thema gleich noch ins Gesellschaftspolitische stemmt. ­«Passen Selbstoptimierung und Solidarität mit ­anderen zusammen? Oder werden wir immer asozialer?» Bei Richard David Precht ­bekommt das Wort Schönschwätzer eine ganz eigene Note, sein ebenfalls langmähniger Berufs­kollege Peter Sloterdijk hat ihn mit dem Populärgeiger André Rieu verglichen. Was der von Precht verdrängte frühere ZDF-Hausphilosoph damit sagen wollte: Sein Nachfolger ­tänzelt bestenfalls im Walzerschritt durch die Geisteswelt, richtig ernst nehmen kann ihn keiner, der wirklich vom Fach ist. Pflegt hier der gekränkte Sloterdijk seinen Standes­dünkel? Oder ist er einfach ehrlicher als die meisten anderen?
Nun hat der Star-Intellektuelle Richard David Precht ein neues Buch vorgelegt: «Anna, die Schule und der liebe Gott». Darin geht es um eine fundamentale Kritik am (deutschen) Schulsystem, das die Kinder zu «langweiligen Anpassern» dressiere, statt ihre Intelligenz und Kreativität zu fördern. Eine Bildungs­reform genügt ihm nicht mehr. Das Land ­brauche eine «echte Bildungsrevolution», die «unsere Schulen besser, freundlicher, sozial gerechter und effizienter macht». Und wieder braucht sich der Autor um Häme nicht zu ­sorgen. Die Welt nannte das Buch ein «sinn­loses Ärgernis». Der «Lifestyle-Philosoph» (Frankfurter Allgemeine) mit «Belehrungsimpuls» (Spiegel) hatte schon zur Premiere seiner ZDF-Sendung die Bildung und damit sein ­späteres Buch zum Thema gemacht: «Macht Lernen dumm?», fragte er sich und den Hirnforscher Gerald Hüther. Die weitgehend kon­troversfreie Diskussion der beiden Schulkritiker ­veranlasste die Zeit zur knappestmöglichen Antwort: Nein, «Precht macht dumm».
Immer wenn das Feuilleton so einmütig zur Verdammnis schreitet, ist zumindest Vorsicht geboten, zumal für Richard David Precht sein eindrücklicher Erfolg spricht: Auch das neue Buch ist schon nach wenigen Verkaufstagen in die Top Ten der Bestenliste vorgestossen. Bildung beschäftigt. Geschrieben hat Precht die Streitschrift, wie er einleitend festhält, für Lehrer, Schüler, Eltern und «nicht zuletzt für Bildungspolitiker». Dabei möchte er «alte Freund-Feind-Linien» überwinden, «Mut zum Träumen» geben und nebenbei die Welt oder wenigstens Deutschland verändern: «Ich möchte zeigen, dass eine neue Form der ­Bildung und des Bildungssystems ohne ­Zweifel zugleich eine andere Gesellschaft ­erzeugen wird.»
Wie so oft, wenn Intellektuelle die Gesellschaft verändern wollen, reiten sie zuerst eine At­tacke gegen die bestehende Ordnung. In diesem Fall gegen das «althergebrachte Klassenzimmer-Modell». Die historischen Gründe, schreibt Precht, «die den Frontalunterricht, die Fünfundvierzig-Minuten-Taktung, das Unterrichten nach Jahrgängen und die Notwendigkeiten von Zensuren, Klausuren und Hausarbeiten einmal auf den Plan gebracht haben, sind eben dies: historisch». Aus einer Zeit stammend, in der fleissige Indus­triearbeiter gebraucht wurden, die sich brav dem Takt der Maschinen unterzuordnen hatten. Mit dem 19.Jahrhundert habe unsere Gegenwart jedoch nichts mehr zu tun, meint Precht – was ihn nicht hindert, im folgenden Kapitel ausgiebig über Wilhelm von Humboldt (1767–1835), Mitgründer der Berliner Universität, und dessen Bildungsideal zu schwadronieren. Auch sonst geizt der Honorarprofessor für Philosophie und Ästhetik nicht mit historischen Analogien. Offenbar nimmt nicht einmal Precht Prechts Thesen ernst.
Doch was überhaupt ist Bildung? Der Autor wehrt sich gegen die Gleichstellung von ­Bildung und Wissen, bloss um sich vom Un­gebildeten unterscheiden zu können oder bei Günther Jauchs «Wer wird Millionär?» zu reüssieren. Er trifft einen empfindlichen Punkt, wenn im Buch die sinnlose Faktenschinderei an den Schulen kritisiert wird. Unterricht als Durchlauferhitzer, wo Kinder zeitgenau für eine Prüfung wiederkäuen müssen, was ihnen zuvor eingetrichtert wurde. Schulwissen, das gleich wieder verdämmern wird. Oder wie war das schon wieder im Französischen mit dem futur simple und dem subjonctif? Oder wer könnte noch freihändig eine Differenzialgleichung anwenden? Auf höchstens fünf Prozent wird das Restwissen beziffert, das die aktive Schulzeit überdauert. Mehr wird allerdings auch nach der Lektüre von «Anna, die Schule und der liebe Gott» nicht hängenbleiben.
Die Frage steht immer noch im Raum: Was ist Bildung? Precht fällt es eindeutig leichter, zu definieren, was Bildung nicht ist: «Wer in Gesellschaft Goethe zitiert, macht zwar von seinem Gedächtnis Gebrauch, verrät aber noch nicht zwingend Bildung.» Nachdem sich der TV-Philosoph im ersten Kapitel ausgiebig über «Bildungsspiesser» und «Bildungshu­berei» ausgelassen hat, macht er sich umgehend daran, auf den nächsten dreihundert ­Seiten seinen inneren Bildungshuber von der Leine zu lassen.
Kaum ein Abschnitt ohne Verweis auf eine Autorität aus Forschung und Wissenschaft: Da werden der US-amerikanische Ökonom Jeremy Rifkin und sein Buch «Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft» zitiert (S.176), darauf der Nobelpreisträger Robert Merton Solow (S.177), dann eine Untersuchung des Politologen Robert E. Lane (S.178) über die Selbstregulationskraft der modernen Wissensgesellschaft, und schon geht es weiter über den Sozialphilo­sophen André Gorz zum Soziologen Robert K.Merton und dessen «Wissenskommunismus» (S.179). Nach einer kleinen Verschnaufpause bei den Gebrüdern Humboldt und bei Hegel (S.180) jagt Precht wieder durch die akademische Buchstabenwelt eines Peter F.Drucker und Matthias Horx (S.181), und so geht es Seite um Seite, Kapitel um Kapitel. Insofern kann man das Buch pädagogisch wertvoll ­nennen: Ungefähr so müssen sich Schüler im Klassenzimmer vorkommen, wenn sie von Fach zu Fach stolpern und mit «Stoff» zugeballert werden.
Der zweite Teil des Buches widmet sich dann der eigentlichen «Bildungsrevolution» – wobei die prechtsche Revolution deutsch und gründlich als «10 Prinzipien» daherkommt. Und schon geht’s los im Gleichschritt: Zunächst dürfe «die intrinsische Motivation des Kindes» nicht zerstört, sondern sie müsse ­gepflegt werden. Die Kleinen können ihren ­eigenen Interessen folgen und dürfen sich ­dabei «auch mal langweilen».
Dann soll man die Schüler «individuell lernen lassen» (Prinzip 2) und ihnen weniger Stoff verfüttern, vielmehr «das Verstehen von Sinn und Sinnlichkeit der Dinge und der ­Zusammenhänge» fördern (Prinzip 3). Die nächsten drei Punkte befassen sich mit der ­Herausbildung einer Schulgemeinschaft, in der Kinder Freundschaften schliessen und ein Zugehörigkeitsgefühl entwickeln können, Lehrer und Schulleitung eine «Beziehungs- und Verantwortungskultur» schaffen, «Werte und Wertschätzung» pflegen und aus jedem «Lernhaus» (Precht-Deutsch für Schulhaus) eine besondere Bildungseinrichtung machen. Prinzip 7 ist wieder handfester: Eine «lernfreundliche Schularchitektur» mit einem Campus als Mittelpunkt soll für «ein Netzwerk an architektonischen Beziehungen» ­sorgen.
In diesem Umfeld sollen die Schüler ihre «Konzentrationsfähigkeit trainieren» (Prinzip 8). Kinder würden von Reizen überflutet und überfordert. Je mehr die Elternhäuser hier versagten, «umso wichtiger wird die Aufgabe der Schule, für Konzentration und Stille zu sorgen». Da mag Precht nicht unrecht haben. Gleichzeitig aber will er die Jahrgangsklassen abschaffen, eine offene Lernarchitektur, Teamunterricht, individuelles Lernen und eine «integrative Schule», die das fremdsprachige Zuwandererkind mit dem Wohlstandslümmel in Ganztagesschulen (Prinzip 10) ohne persönliche Leistungsnoten (Prinzip 9) zusammenpfercht. Ob mit dieser Mischung die Schule zur Ruhe findet und die Kinder darin ihre Konzentrationsfähigkeit entdecken?
Man kann es auch so sagen: Richard David Precht will die unmögliche Schule – und seine «Bildungsrevolution» entpuppt sich als wiederaufgekochtes Reformsüppchen aus sozialdemokratischer Küche: gleiches System für ­alle, alle für das gleiche System. Bis zuletzt gibt Precht den antibürgerlichen Bildungsbürger, beklagt die «Kleinstaaterei» in der deutschen Bildungspolitik und erinnert zum Schluss nochmals an Wilhelm Humboldt, der eben auch «nicht nur bilden, sondern Staatsbürger bilden wollte». Man kennt die alte deutsche Sehnsucht: Wieder einmal soll es die preus­sische Pille aus starkem Staat und uniformer Gesellschaft richten. Unbeabsichtigte Nebenwirkungen (DDR und Drittes Reich lassen ­grüssen) nicht ausgeschlossen.
Quelle: Weltwoche, 18/2013 von Peter Keller