13. April 2021

KV wird fachlich ausgehöhlt

Der radikale Umbau der KV-Ausbildung mit dem Projekt «Kaufleute 2022» könnte ein chwerer Schlag für die bisher weltweit erfolgreiche Schweizer Berufsausbildung werden, wenn die sogenannte «Kompetenzorientierung» mit dem «selbstgesteuerten Lernen» (SOL), wie wir sie  vom umstrittenen Lehrplan 21 kennen, auch in anderen Berufen «Schule machen» sollte.

KV-Reform 2022 - Berufsausbildung wird fachlich ausgehöhlt, 12.4. von Peter Aebersold

Hinter verschlossenen Türen wird schon seit längerer Zeit an der KV-Reform 2022 gearbeitet, selbst die dortigen Lehrer erfahren kaum etwas. Die KV-Lehrkräfte können bei der Reform auch nicht mitreden; verschiedene Zürcher KV-Schulen sollen ihnen einen Maulkorb verpasst haben, damit sie sich nicht kritisch zum Projekt «Kaufleute 2022» äussern können. Was trotzdem durchsickert, gibt zu ernsthaften Bedenken Anlass. Die Reform «Kaufleute 2022» soll KV-Abgänger angeblich «Fit für die Zukunft» machen.

Nonverbale Signale und Small Talk statt Fachwissen

Die Promotoren der Reform wollen «kein Wissen auf Vorrat» mehr vermitteln. Fachkompetenz sei nicht mehr in erster Linie gefragt. Statt eines breiten, kaufmännischen Fundaments sollen neu Handlungskompetenzen aufgebaut werden. Damit ist zum Beispiel gemeint, dass die Lernenden ein «persönliches Netzwerk aufbauen» oder «nonverbale Signale interpretieren» können müssen. Sogar «Small Talk» ist ein Lernziel. Der KV-Lehrling schlüpfe in die Rolle eines «agilen Vermittlers», was immer das sein soll. Deshalb sollen sie anstelle der bisherigen klassischen Fächer, diffuse «Handlungskompetenzen» wie «Handeln in agilen Arbeits- und Organisationsformen» oder «Interagieren in einem vernetzten Arbeitsumfeld» erwerben.

Abbau von Grundlagenfächern

Entsprechend ist der Bildungsplanentwurf aufgebaut: Rechnungswesen (Buchhaltung) oder Volkswirtschaftslehre würden nur noch marginal behandelt, die Aktiengesellschaft wäre kein Lernziel mehr. Das Fach Deutsch gibt es nicht mehr. Überhaupt werden Fächer abgeschafft und durch schwammige Handlungsfelder ersetzt. Das Fach Französisch sollte ein Freifach werden. Im Bereich Informatik geht es vor allem um Anwendungen. Hauptfächer wie Buchhaltung sollen abgewählt werden können. KV-Lehrer befürchten deswegen einen massiven Abbau von Grundlagenwissen und Fachkompetenzen.

Wie diese «Lernziele» konkret erreicht werden sollen, ist unklar. Die Schulen wurden bei der Ausarbeitung des Bildungsplans weitgehend aussen vor gelassen. Zwar wurden nachträglich ein paar Kommissionen mit Lehrpersonen eingesetzt, erste Sitzungen seien aber einigermassen enttäuschend verlaufen. Obwohl die Reform, wenn sie so kommt, massive Veränderungen für die Lehrpersonen brächte, wurden und werden diese nur wenig in den Reformprozess einbezogen.

Lehrbetriebe müssten Lehrlinge auch in allgemeinen Fächern ausbilden

Das bedeutet, dass die Lehrbetriebe ihre Lehrlinge in nicht gewählten oder abgeschafften Fächern selber ausbilden müssten. Die Hauptfächer bilden die unerlässlichen Grundkompetenzen im kaufmännischen Beruf, auf die kein Betrieb verzichten kann. Speziell die KMUs sind auf die KV-Allrounder-Kenntnisse (Buchhaltung, Deutschkorrespondenz usw.) angewiesen, weil sie sich nicht teure Spezialisten für jedes Gebiet leisten können.

Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt

Ob dieser so reformierte Unterricht – für Lehrlinge, Handelslehrer oder Germanisten – noch attraktiv ist, wird man sehen. Leistungsstarke Lehrlinge können auch ans Gymnasium gehen oder einen anderen Beruf beispielsweise Mediamatiker ergreifen. Gut ausgebildete Kaufmännische Angestellte dürften dann auf dem Arbeitsmarkt nur noch schwer zu finden sein. Unserer Jugend droht mit der Schmalspurausbildung höhere Arbeitslosigkeit und den Firmen eine tiefere Wertschöpfung.

À-la-carte-Ausbildung würde Kaufmännische Lehre unattraktiv machen

Die kaufmännische Lehre ist mit Abstand die beliebteste Berufslehre der Schweiz. Über 13 000 Jugendliche starteten 2019 eine Ausbildung in einer der 21 KV-Branchen. Jetzt soll ausgerechnet diese erfolgreiche Berufslehre mit der Radikalreform «Kaufleute 2022» total umgebaut werden. Mit düsteren Zukunftsszenarien wie die angeblich durch Digitalisierung gefährdeten 100 000 Bürostellen soll der Boden für diese Radikalreform vorbereitet werden. So etwas wurde schon in den Anfängen der Digitalisierung mit dem sogenannten «papierlosen Büro» prophezeit, was dann im Gegenteil zur heutigen gewaltigen Papierflut geführt hat. Mit der geplanten À-la-carte-Ausbildung wird das bisher allgemein anerkannte Eidgenössische Fähigkeitszeugnis zu einem wertlosen Stück Papier. Damit sehen nicht nur die Lehrpersonen schwarz für die Zukunft. Jetzt wäre es noch Zeit für Gewerbe und KMUs Einfluss auf die Reform zu nehmen, ist die Reform einmal eingeführt, lässt sie sich kaum mehr aufhalten. 

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