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29. Dezember 2013

"Unser Bildungssystem hat Besseres verdient"

Die wachsende Regulierung der Schulen entmündigt die Lehrpersonen. Der Lehrplan 21 ist ein weiteres Beispiel dafür. Er schlägt alle Schüler über einen Leisten und führt zu einer Gleichschaltung des Bildungssystems, findet René Donzé.
Der Bündner Bauernbub tickt anders als das Zürcher Agglokind, NZZaS, Kommentar von René Donzé

16. April 2013

Memorandum Mehr Bildung - weniger Reformen

Namhafte Erziehungswissenschaftler, Psychologen und Ärzte haben ein Memorandum herausgegeben, das hier in voller Wortlänge wiedergegeben wird.

Stopp der Reformhektik im Bildungswesen
Zu viel Verwaltung geht auf Kosten der Bildung
Nachhaltige Bildungsreformen brauchen Konsens

Das Bildungswesen wird im Reformeifer der Verwaltungen immer mehr standardisiert und technisiert. Viele der eingeleiteten Reformen zeugen von politischer Hektik. Solche Entwicklungen schaden dem historisch gewachsenen Bildungswesen der Schweiz. Sie wirken als „von oben“ verordnet. Bei vielen Bürgerinnen und Bürgern fehlt das notwendige Verständnis. Die öffentliche
Kontrolle des Bildungswesens weicht einer demokratiefernen Expertokratie. Durch Eingriffe der Verwaltung werden von der Lehrer- und Dozentenschaft gewünschte Reformen allzu oft abgewürgt. Ihr Engagement, ihre Erfahrung sowie ihr berufliches Wissen und Können werden zum Schaden unserer Bildungseinrichtungen weitgehend missachtet. Ergebnis sind Verunsicherung und Resignation der Unterrichtenden. Die Bildungsverwaltung setzt auf modische Versprechungen und vertraut internationalen Organisationen wie etwa der OECD, statt Erfahrungen der Bildungspraktiker und vorgängiger Erprobung von Neuem. Bewährte Eigenheiten des schweizerischen Bildungswesens gehen so verloren. Verschiedene „von oben“ verordnete
Bildungsreformen scheinen zudem zunehmend auf Bedürfnisse der Wirtschaft ausgerichtet zu werden, was nicht immer zu pädagogisch sinnvollen Reformen führt. Auch dafür haben Lehrpersonen und viele Bürgerinnen und Bürger oft wenig Verständnis.
Die Unterzeichnenden fordern

Stopp der Reformhektik von Bildungsverwaltungen
Bewährtes erhalten und pädagogisch sinnvoll weiter entwickeln
Stärkung der im Bildungswesen tätigen Lehrpersonen
Freiräume für Bildungsreformen von unten

Unterzeichner (Mitglieder des Vereins Bildungs-Reformen-Memorandum)

Prof. Dr. Walter Herzog (Präsident)
Universität Bern, Institut für Erziehungswissenschaft (Abt. Pädagogische Psychologie)
Prof. Dr. Allan Guggenbühl (Vice-Präsident)
Leiter Abt. Gruppentherapie kantonale Erziehungsberatung der Stadt Bern,
Leiter Institut für Konfliktmanagement und Mythodrama
Prof. em. Dr. Rolf Dubs
ehemals Institut für Wirtschaftspädagogik, St.Gallen
Prof. em. Kurt M. Füglister
ehemals Pädagogische Hochschule Basel (Fachdidaktik Biologie)
Prof. em. Dr. Peter Grob
ehemals Universitätsspital Zürich
Prof. em. Dr. Urs Haeberlin
ehemals Heilpädagogisches Institut der Universität Freiburg
Jürg Jegge
ehemals Stiftung Märtplatz
Prof. em. Dr. Remo Largo
ehemals Pädiatrische Universitätsklinik, Zürich
Prof. Dr. Fritz Osterwalder
Universität Bern, Institut für Erziehungswissenschaft
(Abt. Pädagogische Psychologie)
Prof. Dr. Roland Reichenbach
Universität Basel (Forschungs- und Studienzentrum Pädagogik)

19. Juni 2012

Üppiges Angebot verlangsamt das Erwachsenenleben

Als Lehrer von Teenagern fragt man sich oft, wie und wann manche Jugendliche den Sprung zum Erwachsenenleben schaffen. Dabei haben wir doch für alles gesorgt: Nachhilfe, Privatschule, Berufsberatung, Lehre, Zwischenlösung, 10. Schuljahr, FMS/DMS/HMS, Gymnasium, Unterstützungsangebote, Freizeit und, und, und. Alan Guggenbühl findet, das grosse Angebot an beruflichen und schulischen Möglichkeiten überfordere viele. Es brauche echte Verantwortung ohne Einmischung der Erwachsenen.
Strand, Party und dolce far niente. Das süsse Nichtstun macht Spass.
Das Leben als nie endende Party, Bild: Kemal Jufri
Der immer längere Weg ins Erwachsenenleben, NZZ, 18.6., von Allan Guggenbühl

12. Januar 2012

Widerstand gegen Sexualaufklärung an Basler Schulen

Gegen den Sexualkundeunterricht an Basler Unterstufen macht sich Widerstand breit. Verschiedene Eltern wollen ihre Kinder dispensieren lassen und dies auch vor Gericht durchsetzen.
Blick in die «Sexbox»: Insbesondere die Holz- und Plüsch-Genitalien erhitzen die Gemüter gewisser Eltern. Das hier ist das Unterrichtsmaterial für OS-Klassen, <i>nicht</i> für Primarschüler und Kindergartner.
Unterrichtsmaterial aus der Sexbox für die Oberstufe, Bild: Roland Schmid
Gegen Sexualaufklärungsunterricht in Basler Schulen, Regionaljournal DRS, 12.1. von Anita Vonmont
"Kindergärtner haben mit Plüschvaginas und Holzpenissen nichts zu tun", Basler Zeitung, 12.1. von Joel Gernet

23. Juli 2011

Im Gespräch: Abtretender Anton Strittmatter spricht Klartext

Der zurücktretende Chef der Pädagogischen Arbeitsgruppe LCH, Anton Strittmatter, gibt der Zeitschrift "Bildung Schweiz" zu seinem Abschied ein Interview. Darin nimmt der Chefstratege des LCH kein Blatt vor den Mund. Hier eine Auswahl seiner Antworten:

  • Die Ansprüche sind massiv gestiegen; dies gilt sowohl für die Lernziele und Lerninhalte als auch für die erzieherischen Aufgaben.
  • Wir können es uns heute nicht mehr leisten, so viele Nichtkönner zu produzieren, wie das früher der Fall war.
  • Es war vor 40 Jahren einfacher. Es war einfacher, weil man auf die Gratisleistungen des Elternhauses, der Kirche etc. zählen konnte. Heute bewegt sich die Lehrperson wie in einer Tellernummer im Zirkus, wo sie ständig schauen muss, dass nichts zu Boden fällt und zerbricht.
  • In diesem Zusammenhang habe ich Schulen auch immer wieder ermuntert, eine Kultur der Selbstevaluation zu pflegen... Gleichzeitig bekämpfte ich die heutige Form der externen Schulevaluation, die ich als Entmündigung der Lehrerschaft erachte.
  • Ein Beispiel ist der mangelnde Wille zu einem schlanken, kohärenten Lehrplan. Die Gefahr besteht auch bei der Ausarbeitung des Lehrplan 21, wenn die Fachdidaktiker wieder viel zu viel reinpacken wollen.
  • Ein zweites Thema ist die Professionalisierung der Ausbildung der Lehrpersonen; diese ist ungenügend gelungen. An den PH herrscht nach wie vor ein skandalöser bunter Jahrmarkt der Konzepte. Es gibt kein einziges Lehr-Modell, kein Kernkurrikulum, kein Standardwerk, das als allgemein verbindlich gilt.
  • Enttäuscht bin ich auch von der Entwicklung der Schuleingangsstufe. Im Moment wird dort gerade das Begräbnis der Idee der Basisstufe vorbereitet.
  • Mehrere Untersuchungen zeigen jedoch, dass junge Leute mit Forscherdrang eher andere Studienfächer wählen, und sogar, dass unter PH-Studierenden antiwissenschaftliche Reflexe verbreitet sind.
Das vollständige Gespräch "Der letzte, der sich noch ungestraft Frechheiten erlauben durfte" (Bildung Schweiz 7/8, 2011)

6. Juli 2011

Mehr Schulqualität durch mehr Lehrerverantwortung

In seinem Kommentar zu den Bildungszielen der EDK (siehe frühere Posts) äussert Michael Schoenenberger in der NZZ vom 5.7. ein paar bemerkenswerte Dinge. Erstens findet er, eine Vereinheitlichung sei noch keine Verbesserung. Die Gefahr, dass man sich per Kompromiss gegenseitig nach unten bewegt, ist sehr real. Zweitens macht Schoenenberger einen Vorschlag zur Qualitätssteigerung: den Lehrern mehr Verantwortung übertragen. Lehrer sind mehr als blosse Befehlsempfänger.
Lesen Sie hier den vollständigen Text von Michael Schoenenberger, NZZ, 5.7.


Wer etwas zu kommunizieren hat, der soll es klar und deutlich tun und mit Wörtern nicht Verwirrung stiften. Wenn die EDK-Verantwortlichen von der «Schulharmonisierung auf föderalistischem Weg» sprechen, dann mag das für den Prozess zutreffen. Die Vereinheitlichung von Strukturen und Zielen für die obligatorische Schule ist tatsächlich von den Kantonen gemeinsam und auch mit demokratischer Legitimation an die Hand genommen worden.

Wer dann allerdings vom Inhalt spricht, der sollte die Wörter Harmonisierung und Föderalismus nicht gleichzeitig in den Mund nehmen. Denn föderalistisch ist die Gleichmacherei der Schule auf nationaler Ebene natürlich nicht. Und es hilft auch wenig, darauf hinzuweisen, dass Entscheide die Volksschule betreffend künftig immer noch kantonal getroffen werden dürfen. Tatsache ist: Die obligatorische Schule wird mit dem Harmos-Konkordat «eidgenössischer». Als Föderalist, als Anhänger subsidiärer Lösungen mag man das bedauern. Zu ändern ist es nicht, denn die Verfassung schreibt die Schulharmonisierung nun einmal vor.
In diesem Prozess ist es aber angezeigt, nur so weit zu gehen wie unbedingt nötig. Betreffend die Schulstrukturen war das der Fall. Wenn zwei Kindergartenjahre fast überall schon Realität sind, dann sind entsprechende Regelungen zwischen den Kantonen mit Blick auf die Mobilität sinnvoll. Auch bei der Vereinbarung der Bildungsziele ist Mass gehalten worden, wie ein Blick in die Grundlagenpapiere zeigt. Festgelegt werden nur die Grundkompetenzen, die dann in den sprachregionalen Lehrplänen konkretisiert werden. Es ist zu begrüssen, dass die Fachleute - Wissenschafter, Didaktiker und Praktiker - den Weg der Vereinbarung massvoller Ziele nicht verlassen haben. Denn wer erst einmal reguliert und vereinheitlicht, ist häufig nicht mehr zu bremsen.
Vereinbarte Standards alleine - man darf sich hier keine Illusionen machen - erhöhen die Qualität der Bildung nicht. Auch wird nicht jegliche Ungerechtigkeit eliminiert, die ein schulisches System mit sich bringt. Was sie bringen, sind eine bessere Vergleichbarkeit und eine gewisse Sicherheit, dass Schülerinnen und Schüler am Ende eines Schuljahres etwa den gleichen Bildungsstand haben. Mehr aber nicht. Erfahrungen mit zu starken Harmonisierungen zeigen, dass die Gefahr einer Absenkung des Niveaus besteht.
Qualität von Schule und Bildung ist vielschichtig. Wer eine hohe Qualität an Schulen will, der muss in erster Linie viel Verantwortung an die Lehrpersonen delegieren. Denn sie sind es, die die wichtige Frontarbeit verrichten, nicht die Bildungsbürokraten. Wer die Lehrer zu Befehlsempfängern macht, der muss sich nicht wundern, wenn ihre Motivation sinkt und damit auch die Qualität des Unterrichts.

8. Juni 2011

Freie Methoden bedingen freie Lehrmittelwahl

Heute wende ich mich einem Thema zu, das in Zukunft noch zu heissen Diskussionen führen wird: Sollen Lehrmittel grundsätzlich frei wählbar sein? Momentan herrscht in der Schweiz eine rigide Regelung mit fest verordneten Lehrwerken. Parallel dazu hat sich aber ein grosser Markt von inoffiziellen Lehrmitteln entwickelt. Die Frage ist nicht Lehrmittel ja oder nein, sondern bloss, wer bestimmt welche Lehrmittel offiziell  verwendet werden dürfen. Denn wer die Lehrmittel kontrolliert, kontrolliert zu einem grossen Teil, was an der Schule läuft.






Lehrmittel sind nicht bloss eine Sammlung von Lernstoffen, sie gliedern den Ablauf von Lernschritten und diktieren damit auch die Methoden. Wenn die Methodenfreiheit garantiert ist, müsste konsequenterweise auch die Lehrmittelfreiheit gesichert sein. Mit der neuen Sprachenpolitik ist beispielsweise nicht nur die Lehrmittelwahl, sondern damit auch die Methodenfreiheit stark unter Druck geraten. In den Kantonen entschieden sich Expertengremien in intransparenten Auswahlprozessen für ganz bestimmte Bücher aus ganz bestimmten Verlagen. Wenn man berücksichtigt, dass die Beurteilung eines Lehrmittels trotz den Bemühungen um Objektivität eine ausgesprochen subjektive Angelegenheit bleibt und die oft undurchsichtigen Abhängigkeitsverhältnisse im Bildungsmarkt hier mitspielten, dann bleibt bei diesen behördlichen Beschlüssen ein ungutes Gefühl zurück.


Es stellt sich also eine Machtfrage: Soll der Staat oder die einzelne Lehrkraft über die einzusetzenden Lehrmittel entscheiden? Das ideale Lehrmittel für alle existiert nicht, genauso wenig wie die ideale Methode für alle existiert. Dazu kommt, dass Lehrmittel keine spezielle Rücksicht nehmen auf Unterrichtsfaktoren wie Klassengrösse, Heterogenität oder die Kenntnisse und Fähigkeiten der Lehrperson. In den Klassenzimmern von heute sitzen nicht mehr Klassen sondern Individuen, die entsprechend ihren Stärken und Schwächen gefördert werden wollen. Dennoch werden Schulbücher kraft der Autorität des Auswahlgremiums flächendeckend als verbindlich erklärt. Weshalb diese behördliche Bevormundung, wenn gleichzeitig das Schulkind mit seinen individuellen Lernbedürfnissen immer stärker ins Zentrum des Interesses gerückt wird? Ist es nicht eher die Aufgabe der Politik und ihres Apparates, die Lernziele im Lehrplan klar und deutlich zu benennen, anstatt ohne Rücksicht auf die realen Bedürfnisse gleich auch noch die Lehrmittel vorzuschreiben?

Das geplante Bildungsmonitoring (ein folgenschwererTeil der Harmos-Vereinbarung) sammelt Leistungsdaten von Schulklassen der Deutschschweiz. Oft wird nun vorgebracht, damit die Daten nachher auch interpretiert werden könnten, brauche es identische - sprich vorgeschriebene - Lehrmittel.  Ich bestreite diese Argumentation, denn ein Leistungsvergleich hinkt an weit bedenklicheren Unterschieden als bloss den Lehrmitteln. Denken wir an Klassengrössen, Lektionszahlen oder Lehrerlöhne (siehe dazu auch mein Beitrag vom 6. Juni).


Fassen wir zusammen: Lehrmittel sind sinnvoll und notwendig. Wir brauchen aber keine Expertengremien, welche den Lehrern vorschreiben, welche Bücher sie für ihre jeweiligen Klassen zu bestellen haben. Das ist eine Entmündigung der kompetenten Lehrperson und gleichzeitig ein Verlust an gezielter Förderung. Die Forderung nach Lehrmittelfreiheit orientiert sich an der bestehenden Methodenfreiheit. Es gibt eben verschiedene Wege, um den Anforderungen des Lehrplans gerecht zu werden.