16. Februar 2020

Weichen für Schulerfolg sind mit 4 schon gestellt


Auch in der jüngsten Pisastudie zum weltweiten Schulvergleich sind die Werte der Schweiz gesunken, besonders im Lesen und vor allem in der Gruppe der schulschwachen 15-Jährigen. Dieser Trend wird aber noch viel ­problematischer, wenn man eine Sonderauswertung von Pisa berücksichtigt: Während in Deutschland der Anteil von Schulkindern mit guten Leistungen trotz sozial benach­teiligtem Elternhaus von 25 auf 32 Prozent erfreulich gestiegen ist, hat sich dieser Anteil in der Schweiz von 30 auf 27 Prozent verringert.
Förderung der Kinder kann gar nicht früh genug beginnen, NZZaS, 16.2. von Andrea Lanfranchi

Der Weg zu mehr Chancengerechtigkeit bleibt hierzulande also steil und steinig. Aus Forschung und Praxis wissen wir heute jedoch, dass er geebnet werden kann – mit präventiven Massnahmen der Frühförderung. Alle reden davon und vieles wurde in den letzten Jahren realisiert. Warum nur kommen wir dennoch nicht vom Fleck? Warum sehen wir in der Schule keine ­nachhaltige Wirkung? 

Erstens, weil nur wenige Massnahmen so früh und intensiv eingesetzt werden, dass sie sich nachhaltig auswirken können. Zum Beispiel kommt eine Spielgruppe für dreijährige Kinder aus belasteten Verhältnissen zu spät, und ihre Dauer ist zu kurz. Das Hausbesuchsprogramm PAT hingegen wird ab Geburt eingesetzt und geht über drei Jahre. Zweitens, weil heute nur wenige Massnahmen so aufgebaut sind, dass sie Eltern in Risikosituationen tatsächlich erreichen, das sind geschätzte 10 Prozent aller Familien. Diese Familien müssen angesichts beschränkter Mittel im Fokus der öffentlich finanzierten Frühförderung sein. Bei ihnen gibt es pro investierten Franken die grössten Erfolge, also gewissermassen die beste Rendite.

Eine kohärente Politik der frühen Kindheit bei Bund, Kantonen und Gemeinden ist in der Schweiz dringender denn je. Dank laufenden parlamentarischen Vorstössen unter anderem von Matthias Aebischer und Christoph Eymann liegt ein Durchbruch in greifbarer Nähe. Die Unesco-Kommission hat zusammen mit der Kampagne Ready eine nationale Strategie lanciert. Es besteht ein parteiübergreifender Konsens darüber, dass in der Altersspanne 0 bis 4 investiert werden muss. Es geht dabei keineswegs nur um ­Kindertagesstätten und auch nicht um den Trend zu Sprachförderkursen in einigen ­Kantonen. Es geht vielmehr um familiäre Bedingungen und um Lernorte, die ­geschaffen werden müssen, damit für jedes Kind gerechte Chancen auf eine bestmögliche Entwicklung gewährleistet sind. Je nach Situation und ganz besonders bei sozial benachteiligten Familien braucht es eine gezielte und intensive Unterstützung der Eltern. Auf die Stärkung ihrer Erziehungskompetenz kommt es an, weil die Eltern Angelpunkt der Entwicklung ihrer Kinder sind. 

Sind die Eltern nicht übermässig belastet, in ihrem Wohnumfeld vernetzt und von Anfang an in feinfühliger Interaktion mit ihrem Kind, sind die Chancen für eine gesunde und erfolgreiche ­Entwicklung intakt. Was hingegen, wenn die Eltern arm und sozial isoliert sind? Bei ­Belastungen kommt es vor, dass Eltern nur wenig mit dem Kind sprechen und vorwiegend nach Wörtern fragen («Was ist das?») oder Befehle erteilen («Lass das!»). Dann ist der ­Erziehungsalltag wenig förderlich, manchmal sogar vernachlässigend. Nach einer Studie der amerikanischen Psycho­logen Betty Hart und Todd R. Risley haben Kinder von Eltern, die auf Sozialhilfe angewiesen sind, im Alter von drei Jahren 30 ­Millionen Wörter weniger gehört als die Kinder von wohlhabenden Eltern. Diese Lücke hat direkte Auswirkungen auf ihren Wortschatz: Die Dreijährigen aus armen Familien beherrschten durchschnittlich 525 Wörter, die Kinder aus begüterten Verhältnissen dagegen 1116. 
Welche konkreten Schritte lassen sich daraus ableiten? Mit besonderem Augenmerk auf Familien in Risikosituationen braucht es zuerst einmal die Früherkennung. Wenn wir an die heute bestehenden Strukturen anknüpfen, so wird dabei die Mütter- und Väterberatung eine zentrale Rolle spielen. Ein flächendeckender Zugang zu allen Familien wäre hingegen erst mit obligatorischen kinderärztlichen Untersuchungen möglich. Ein solcher Eingriff in die Privatsphäre ist in Anbetracht des Kindeswohls und des öffentlichen Interesses aber durchaus vertretbar. Heute sind von Gesetzes wegen drei schulärztliche Untersuchungen vorgeschrieben. Dazu kämen neu drei ­vorschulische Untersuchungen rund um den ersten, zweiten und dritten Geburtstag. Solche Untersuchungen würden ein frühzeitiges Handeln in Form massgeschneiderter Massnahmen möglich machen, von der heilpädagogischen Früherziehung bei ­Behinderungen bis hin zu Hausbesuchen mit einem Förderprogramm bei hoher ­familiärer Belastung oder frühe Sprach­förderung bei geringen Risiken.

Andrea Lanfranchi ist Professor an der HfH Zürich

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen