Schweizer
Lehrer gehen neue Wege, um auf das schwierige Verhalten von Schülern zu
reagieren: Bei grösseren Problemen veranstalten sie in der Schule Sit-ins.
Während dieser Sitzstreiks warten sie darauf, dass die Schüler, die Probleme
machen, zur Einsicht kommen.
Angewandt
wird dieses Konzept der «neuen Autorität» beispielsweise im Stadtzürcher
Schulkreis Glattal. Deren Präsidentin Vera Lang (FDP) berichtete letze Woche in
einem vielbeachteten Vortrag vor Luzerner Lehrern über den Erfolg der Methode,
wie die «Zentralschweiz am Sonntag» berichtet. Auch mehrere Luzerner Schulen
arbeiten bereits nach diesem Ansatz, und es gibt entsprechende
Weiterbildungskurse.
Haim Omer: Neue Autorität, Quelle: You Tube
Lehrer-Sitzstreiks gegen renitente Schüler, 20 Minuten, 9.5.
Sit-in
nach Schmiererei im Kerzenziehen
Lang
präsentierte ein konkretes Beispiel für ein solches Sit-in: Eine Gruppe Schüler
habe beim Kerzenziehen mit einem wasserfesten Filzstift eine Tafel
verunstaltet, was zu zahlreichen Beschwerden geführt habe, berichtete sie.
Gegen den
Vandalenakt habe man interveniert, indem der ganze Schuljahrgang in der Aula
zusammengerufen worden sei – ebenso sämtliche Lehrer. Daraufhin habe die
Schulpräsidentin geschildert, was passiert sei – und die Verantwortlichen
aufgefordert, sich zu melden und einen Vorschlag zur Wiedergutmachen zu machen.
Beim
zweiten Sitzstreik gaben die Übeltäter auf
Anfangs
war dies laut Lang vergeblich: Es herrschte eine Viertelstunde lang Stille,
worauf sie die Versammlung abbrach und die Anwesenden aufforderte, sich am
nächsten Tag wieder einzufinden.
Am
darauffolgenden Tag erschienen auch Eltern, um der Forderung «schweigend
Nachdruck zu verleihen». Irgendwann gaben die Täter dann auf: Sie boten an,
einen Nachmittag im Hausdienst mitzuarbeiten.
Gewaltloser
Widerstand wie bei Gandhi
Entwickelt
wurde das Konzept der «neuen Autorität», das nun in der Schweiz Schule macht,
vom israelischen Psychologie-Professor Haim Omer. Dieser beruft sich dabei auf
den gewaltlosen Widerstand, wie ihn der indische Pazifist Mahatma Gandhi
praktiziert hat.
Schulpflegepräsidentin
Lang sagt, die Integration von verhaltensauffälligen Schülern sei die grösste
Herausforderung an den Schulen. «Kinder, die ‹blöd tun›, Eltern die sich
beschweren. Strafen, die wirkungslos bleiben – bis das Fass überläuft»,
beschreibt sie die Situation laut «Zentralschweiz am Sonntag». Das Ziel müsse
daher nicht sein, «einen Kampf zu gewinnen, sondern mit gewaltlosem Widerstand
die Eskalation zu durchbrechen».
Auf einen
konstruktiven Vorschlag des Kindes warten
Psychologieprofessor
Omer legt seine Methoden, die nun auch in Schweizer Klassenzimmern angewandt
werden, auch den Eltern ans Herz: Sie sollen auch im Kinderzimmer Sit-ins
einberufen, wenn es mit dem Nachwuchs Schwierigkeiten gibt.
Omer
erklärte dies in einem Interview mit dem «St. Galler Tagblatt» so: «Es geht
darum, dem Kind Zeit zu geben, selber eine Lösung zu finden. Die Eltern setzen
sich also in einem ruhigen Moment zum Kind – ohne zu schimpfen, ohne zu
predigen – tragen vor, was sie stört und warten bis zu einer Stunde auf einen
konstruktiven Vorschlag des Kindes.»
Und was, wenn so ein Sit-in auch nach etlichen Viertelstunden nicht dazu führt, dass sich jemand meldet? Was, wenn im Kinderzimmer das Kind dann versucht, aus dem Zimmer zu gehen oder aus dem Fenster zu springen als Drohung gegen die Eltern? Das sind echte Fragen, die ich gerne erst beantwortet hätte, bevor man so ein Konzept ausprobiert.
AntwortenLöschenWarum Einzelfälle nehmen und nicht erst einmal die 95% erreichen die erreichbar sind. Jedes Kind möchte dazugehören und solche Vorgehen zeigen Wege auf. Auch Haim Omer betont, dass es kein Allerheilmittel ist. Ich erlebe leider oft, dass Kritiker das Konzept lediglich kurz durchlesen und sofort reflexartig aufbegehren. Ich empfehle das Interview von Haim Omer mit Dirk Rohr. Es ist auch wichtig, dass Eltern und Lehrer nicht mehr einsame Kämpfer oder nich schlimmer, Machthaber des Klassenzimmers sind. Vernetzung und die Erlaubnis Unterstützung zu erfahren, für Kinder zu erleben, dass sie ernst genommen werden, im Gute wie im weniger Guten, das ist nur von Vorteil. Und dann, in einem solchen System an einer Schule, kommt es ganz sicher zumindest weniger zu extremen Situationen.
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