21. November 2019

Soziale Herkunft beeinflusst Selektion


Kinder aus bildungsnahen Familien schaffen häufiger den Sprung in die Sekundarschüler oder das Untergymnasium. Kinder aus bildungsfernen Familien landen hingegen oft in der Realschule. Nicht immer erfolgt die Einteilung wegen der erbrachten Leistungen, sondern wegen Vorurteilen. So hat eine Pisa-Studie ergeben, dass Mädchen mit gleicher Leistung entsprechend ihrer sozialen Herkunft eher in Sek oder Real kommen. Zudem haben es Kinder mit Migrationshintergrund schwerer, in die Sekundarschule oder das Gymnasium eingeteilt zu werden.
"Es gelingt der Schule noch nicht, alle gleich zu behandeln": Chancengleichheit ist eine Utopie, St. Galler Tagblatt, 20.11. von Christoph Renn


Diese Fakten hat Judith Pekarek, Studienbereichsleiterin Erziehungswissenschaften an der Pädagogischen Hochschule St.Gallen, an der Erfreulichen Universität im Palace am Dienstagabend präsentiert. Ihr Fazit zur Chancengleichheit in der Stadt fällt entsprechend kritisch aus:
«Es gelingt der Schule noch nicht, alle gleich zu behandeln.»

Deshalb müsse die Verbesserung bedarfsgerechter Förderung weiter das Ziel sein, sagt sie.
Die beiden Teilnehmer an der anschliessenden Podiumsdiskussion haben nicht mit diesem Ergebnis gerechnet. «Es ist überraschend, dass die soziale Herkunft immer noch eine so grosse Rolle spielt», sagt Andre­as Hobi, Lehrer im Schulhaus Schönenwegen und Stadtparlamentarier (Grüne).

Hanspeter Krüsi, ehemaliger Schulleiter des Schulhauses Heimat-Buchwald und Leiter der Akademie des FC St.Gallen, zeigt sich im Palace gar geschockt, dass Kinder mit gleicher Leistung noch immer in verschiedene Stufen, also Sekundar- oder Realschule und das Untergymnasium, eingestuft werden.

Beruf der Eltern hat Wirkung auf Lehrpersonen
Andreas Hobi beschäftigt vor allem, dass Lehrpersonen bei den Übergangsgesprächen von der Herkunft und dem Beruf der Eltern unbewusst beeinflusst werden. So gibt er zu, dass er mit einem Bankangestellten aus der Schweiz anders spreche als mit einem Hilfsarbeiter aus dem Kosovo. «Das ist bei vielen Lehrpersonen ein Fakt. Dies passiert oft unbewusst, denn ich bemühe mich, dass es nicht geschieht», sagt er.

Hanspeter Krüsi hat als Leiter der Schule Heimat-Buchwald von Beginn an eine klare Stellung eingenommen. «Wir müssen die Stärken der Kinder beachten und alle so nehmen, wie sie sind», sagt er. Zudem müsse ein grosser Wert auf die Beziehungsarbeit mit den Kindern und den Eltern gelegt werden. Judith Pekarek ergänzte, dass die Forschung zeige, dass viele Lehrpersonen ihrerseits schon eine Vorstellung über die Kinder hätten, bevor sie überhaupt in ihre Klasse kämen.

Lehrpersonen bilden sich weiter
Chancengleichheit gibt es in den St.Galler Schulen also noch nicht. Doch hält Andreas Hobi fest, dass es in dieser Hinsicht eine Entwicklung gegeben hat. So gebe es beispielsweise Weiterbildungen für Lehrpersonen, um auf diese Problematik aufmerksam zu machen. Immerhin habe das Geschlecht keinen Einfluss mehr darauf, wie die Kinder in der Oberstufe eingeteilt würden.

Mit einem Programm, das Kinder im Mittelmass fördert, damit sie den Sprung in die Sekundarschule schaffen, wollte die Pädagogische Hochschule die Chancengleichheit fördern. «Ich konnte dieses Förderprogramm beobachten und war positiv überrascht», sagt Andre­as Hobi. «Leider wurde es von der Stadt nicht weiter finanziell unterstützt.»
Hanspeter Krüsi hingegen spricht sich vehement gegen solche Zusatzangebote aus:
«Man muss den Kindern einfach die Zeit geben, sich zu entwickeln.»

Zudem hätten sich schon viele Helfersysteme eingenistet, sodass die Lehrpersonen gar nicht mehr wüssten, wann welches Kind welche zusätzliche Hilfe brauche.

Tagesschulen in der Stadt fördern
Für Hanspeter Krüsi gibt es eine Lösung, um Chancengleichheit in der Stadt zu schaffen. «Wir müssen das heutige dreistufige Oberstufensystem auflösen.» Nur so könne die Separation aufgehoben werden. Andreas Hobi hingegen wünscht sich, dass sich die Quartiere in der Stadt besser durchmischen. Doch findet er es utopisch, dass es irgendwann absolute Chancengleichheit geben wird.

Judith Pekarek sagt, dass Tagesschulen gefördert werden müssen. «So würden Unterricht und Betreuung verschmelzen und die Chancen von Kindern jeglicher Herkunft angleichen.»


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