18. November 2019

Mobbing wird bagatellisiert


Ein Bub (6) werde seit Jahren an einer Stadtzürcher Schule geschlagen, ausgegrenzt, festgehalten, bedroht und ihm sei über die Turnkleider gepinkelt worden. «Ich habe Angst um mein Kind. Er könnte durch die Übergriffe nicht nur psychischen Schaden, sondern körperlich schwere Verletzungen davontragen», sagte der Vater in einem früheren Bericht zu 20 Minuten.
"Diese Schulleitung ist so nicht mehr tragbar", 20 Minuten, 18.11.


Er habe mehrmals bei der Schulleitung um Hilfe gebeten – vergebens. Anstatt seinem Sohn zu helfen und die Situation vernünftig zu lösen, habe der Schulleiter stets nach Fehlern gesucht, die der 6-Jährige begangen haben soll und habe dem Vater vorgeworfen, sich nicht korrekt verhalten zu haben. Das Verhalten des Schulleiters habe ihn nun dazu bewogen, zum Schutz seines Sohnes die Schule zu wechseln.

Externe Hilfe abgelehnt
Es ist nicht der einzige Fall, in dem Eltern Vorwürfe gegen das Verhalten der Schulleitung erheben, wenn es um Mobbing geht. Eine Mutter sagt zu 20 Minuten, dass auch ihr Kind (8) unter der Situation leide. «Es wurde in diesem Jahr über sechs Monate, erst von zwei Mitschülern und in kürzester Zeit von der ganzen Halbklasse gemobbt.» Seitens Schulleitung und Schulsozialarbeit sei zu spät gehandelt und die Vorfälle bagatellisiert worden. «Es wird praktisch nichts unternommen», so die Mutter.

Im Gegenteil: «Es wurde versucht, die Schuld dem Opfer in die Schuhe zu schieben», so die Mutter. Die Täter hätten keine Konsequenzen erfahren. «Da nichts geschah, wurden sie ermutigt, weiterzumachen und die Dynamik nahm überhand.»

Die Eltern haben das Schweizerische Institut für Gewaltprävention eingeschaltet. «Dieses taxierte den Fall als hochgradiges Mobbing.» Das Institut habe angeboten, mit der betroffenen Klasse professionell zu arbeiten. «Diese Dienstleistung wurde seitens der Schulleitung ganz klar abgelehnt», sagt die Mutter.

Situation habe sich normalisiert
Gabriela Rothenfluh, Präsidentin der Kreisschulpflege Waidberg, bestätigt, dass sich die Mutter an die Klassenlehrperson gewandt und ihr mitgeteilt habe, dass das eigene Kind gemobbt werde. «Die Lehrperson hat gemäss den schulinternen Vorgaben gehandelt und unverzüglich die Schulsozialarbeiterin informiert und involviert», so Rothenfluh.

Diese wiederum habe die zuständige Schulleitung informiert und bei Bedarf beigezogen. «Mit der betroffenen Gruppe wurde über längere Zeit intensiv gearbeitet. Die Situation verbesserte sich aus Sicht der Schule stetig und normalisierte sich schlussendlich ganz», so Rothenfluh.

Keinen Raum gefunden
Entgegen den Schilderungen der Mutter sagt Rothenfluh zudem, dass man die Zusammenarbeit mit dem Schweizerischen Institut für Gewaltprävention nicht untersagt habe. «Die Schule nahm das Angebot an. Ein Interventions-Nachmittag war geplant.»
Offenbar habe aber die zuständige Person zusammen mit der Schule keinen geeigneten Raum gefunden, um die Intervention wie geplant durchführen zu können, so Rothenfluh. Thomas Richter, Geschäftsleiter des Schweizerischen Institut für Gewaltprävention, kann zum konkreten Fall keine Stellung nehmen. Er sagt aber, dass eine Mobbing-Intervention seines Instituts in den üblichen Schulräumen durchführbar sei.

Allfällige Fehler werden eruiert
Rothenfluh bestätigt weiter, dass ein Vater sich entschieden hat, sein Kind von der Schule zu nehmen. «Es ist nicht an mir, Entscheide von Eltern zu kommentieren oder gar zu beurteilen.»

Rothenfluh und die Schule würden es bedauern, dass in diesem Fall eine konstruktive auf Vertrauen basierende Zusammenarbeit zwischen Schule und Eltern nicht gelungen sei. «Wie immer bei Schwierigkeiten im Schulalltag stehe ich mit der Schulleitung im engen Austausch. Gemeinsam wird das Ganze analysiert, allfällige Fehler werden eruiert und entsprechende Konsequenzen gezogen», so Rothenfluh.

«Absolute Schweinerei»
Sefika Garibovic, Expertin für Konfliktmanagement und Nacherziehung mit Spezialisierung auf Mobbing sowie Buchautorin, arbeitet täglich mit Schulen zusammen – auch in Zürich. Sie sagt: «Was hier passiert, ist eine absolute Schweinerei. Aus meiner Sicht ist die Schulleitung und das Schulpflegepräsidium nicht mehr tragbar.»

Würde sie sich weiterhin so verhalten und beispielsweise externe Hilfsangebote ablehnen, würden die Kinder kaputtgehen. «Wenn Eltern eine gute Lösung bringen, um ihre Küken zu beschützen, muss die Schule dies ernst nehmen und sich auch einmal eingestehen, dass externe Hilfe ausprobiert werden kann, um die Situation zu verbessern», sagt Garibovic. Die Schulsozialarbeiter würden über nicht genügend spezifische Ausbildungen verfügen, die für einen professionellen Umgang mit dem Thema erforderlich seien, so Garibovic.

Situation bagatellisiert
«Es ist nicht zielführend und absolut arrogant gegenüber Opfern, betroffenen Eltern und den anderen Schulkinder nicht alle Möglichkeiten auszuschöpfen.» Wichtig sei es eben auch, nicht nur mit Opfern, sondern auch mit Tätern zu arbeiten.

Dass sich nun zudem ein Vater für einen Umzug entschieden hat, sei ein deutliches Zeichen, dass die Schule die Situation bagatellisiert hat. «Und jetzt leidet das Kind. Denn ein Schulwechsel ist schwierig, besonders, wenn das Kind schon geschwächt ist. Dass es neue Kräfte fasst, um sich an der neuen Schule zu etablieren, scheint mir utopisch.»


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