29. September 2019

Schlechte Französischkenntnisse werden vertuscht

Seit Ende Mai liegt eine Evaluation über Frühfranzösisch vor. Die Behörden publizierten sie aber nie. Weil die Resultate nicht sehr positiv ausfielen?

Die geheime Frühfranzösisch-Studie, Basler Zeitung, 28.9. von Stefan von Bergen. 

Was tut man, wenn man eine Studie in Auftrag gegeben hat, deren Ergebnisse unbefriedigend ausfallen? Man kann sie zum Beispiel der breiteren Öffentlichkeit gar nicht vorstellen und nur auf ein paar Internet­seiten aufschalten, die kaum konsultiert werden.

Nach diesem Prinzip verschweigen die Bildungsbehörden der sechs Kantone Bern, Basel-Stadt, Baselland, Solothurn, Freiburg und Wallis die Resultate einer Studie. Diese untersuchte das Erreichen der Lernziele im Frühfranzösischunterricht unter dem Einfluss des Passepartout-Lehrplans und des Lehrmittels «Mille feuilles». Passepartout nannte sich der Verbund der Kantone, die das Lehrmittel für Primarschulen entwickelten.

In Auftrag gegeben haben sie die Studie beim Institut für Mehrsprachigkeit (IfM) der Universität Freiburg und der Pädagogischen Hochschule Freiburg. Die Ergebnisse liegen schon seit Mai vor. Greifbar sind sie aber nur auf der Homepage des Uni-Instituts und den Internetseiten einiger Bildungsportale.

Lieber keine Medien
«Bei der Planung des Projektabschlusses haben uns die Auftraggeber informiert, dass sowohl auf eine Medienkonferenz wie auch eine Medienmitteilung verzichtet wird», sagt auf Anfrage dieser Zeitung Professor Thomas Studer, der Direktor des Freiburger Uni-Instituts. Eva Wiedenkeller, die Projektleiterin der Studie, fügt an: «Weil wir denken, dass die Ergebnisse unserer Studie mit der Fachwelt diskutiert werden sollten, haben wir in unserem Netzwerk die Aufschaltung des Berichts auf unserer Homepage kommuniziert.»

Dort könnte man seit Ende Mai in einer Kurz- und einer Langversion nachlesen, dass die Studie über die Französischkompetenzen nicht besonders positiv ausgefallen ist. Den Frühfranzösischkritikern dürfte das weiteren Auftrieb geben.

Das Leistungsniveau A2.1, das die Passepartout-Kantone selber als Lernziel für den Unterricht mit «Mille feuilles» festlegten, erreichten beim Leseverstehen nur gerade 32,8 Prozent der Schülerinnen und Schüler. Beim Hörverstehen lag der vom IfM eruierte Wert immerhin bei 57 Prozent, beim Sprechen aber nur bei 10,8 Prozent.

Für die Kenntnisse einer Fremdsprache werden heute in der Regel die Leistungsstufen nach dem europäischen Referenzrahmen vom Anfängerniveau A1 bis zum Fortgeschrit­tenenlevel C2 angesetzt.

Lieber bessere Resultate
Pikant an der Sache: Am 24. Mai machte die Schweizerische Erziehungsdirektorenkonferenz die Resultate ihres nationalen Monitorings der Grundkompetenzen am Ende der Primarschule publik. Und zwar an einer ­nationalen Medienkonferenz. Untersucht wurde dabei auch die erste Fremdsprache.

Weil für die Grundkompetenzen das tiefere Leistungsniveau A1.2 gilt, erreichten mehr Schülerinnen und Schüler diese Anforderung. Beim Hörverstehen waren es 86,8 und beim Leseverstehen 62,6 Prozent, beim Sprechen 42,5 Prozent.

Das waren Good News für eine Medienkonferenz. Jedenfalls bessere als in der Freiburger Studie, die sich wie erwähnt auf das etwas höhere Niveau A2.1 bezog. Die Berner Erziehungsdirektorin Christine Häsler (Grüne) erklärte dieser Zeitung nach der nationalen Präsentation der Grundkompetenzen erfreut, man sei beim Frühfranzösisch auf dem richtigen Weg.

Das IfM hat für seine Erhebung laut Projektleiterin Eva Wiedenkeller Daten der nationalen Grundkompetenzen-Erhebung verwenden können. Darüber hinaus hat das Freiburger Forschungsteam die Französischkompetenzen im Sprechen von über 1000 Sechstklässlerinnen und Sechstklässlern an 193 Schulen untersucht.

Diese gehören dem ersten Jahrgang an, der ab der 3. Primarklasse neu mit «Mille feuilles» unterrichtet wurde. Dazu kamen Fragebogen für die Schulkinder und die Französischlehrkräfte, etwa zur Motivation und zur Einschätzung des Lehrmittels.

Schlussbericht abbestellt
Was erst jetzt bekannt wird: Die Bildungsbehörden haben der am Frühfranzösisch interessierten Öffentlichkeit noch eine zweite Information vorenthalten. Noch im letzten Jahr hatte die Erziehungsdirektion des Kantons Bern Kritiker des Frühfranzösisch-Lehrmittels aufgefordert, den für 2021 erwarteten Schlussbericht des Freiburger Uni-Instituts abzuwarten.

Nun aber bestätigt Projektleiterin Eva Wiedenkeller auf Anfrage, dass es diesen Schlussbericht nicht geben wird, weil die Auftraggeber auf den geplanten zweiten Teil der Studie verzichtet haben. Eigentlich war vorgesehen, dass das IfM auch die Erreichung der Lernziele mit dem Folgelehr­mittel «Clin d’œil» in der 7. bis 9. Klasse untersuchen sollte.

Waren die unbefriedigenden «Mille feuilles»-Resultate womöglich der Grund, die zweite Untersuchungsphase abzublasen? Laut Thomas Studer begründen die Auftraggeber den Verzicht auf die Fortführung des Projekts mit der laufenden Überarbeitung und Verbesserung von «Milles feuilles», wodurch sich die Ausgangslage für eine weitere Evaluation geändert habe.

Eine direkte Beeinflussung seiner wissenschaftlichen Arbeit hat das Freiburger Forschungsteam nicht erlebt. «Was man während der Untersuchungen schon spürte, waren die politische Grosswetterlage und die hohe Erwartung der Verantwortlichen, dass das neue Lehrmittel und seine Didaktik funktionieren sollen», sagt Eva Wiedenkeller.

Der Institutsdirektor hat dafür auch ein gewisses Verständnis. «Wird viel Steuergeld in ein grosses Bildungsprojekt investiert, entsteht eine gewisse Eigendynamik», sagt Studer. 120000 Schülerinnen und Schüler in sechs Kantonen werden mit den beiden Französischlehrmitteln unterrichtet.

Der Schulverlag plus mit Sitz in Bern habe dafür einen tiefen zweistelligen Millionenbetrag investiert, erklärte dessen Geschäftsführer 2018 gegenüber dieser Zeitung. Ein Projekt dieser Dimension lässt sich nicht einfach rückgängig machen.

Dennoch bedauern Studer und Wiedenkeller, dass die Resultate der Studie bisher nicht in die Diskussion um eine Optimierung des Französischunterrichts einflossen. «Was kann man machen, wenn ein Befund teilweise unbefriedigend ist?», formuliert Thomas Studer die Frage, die im Raum steht.

Darauf gebe es zwei Antworten: Man könne Lernziele zurückschrauben, oder man könne investieren, damit die Resultate besser würden. Zum Beispiel indem man mehr Kontaktmöglichkeiten mit der französischen Sprache anbiete. Grundsätzlich zu überlegen wäre aus seiner Sicht auch, wie die Forschung die Entwicklung und die Einführung eines Lehr­mittels wirksam begleiten könnte.

Didaktik des Sprachbads
Auf Anfrage erwähnt Projektleiterin Wiedenkeller noch weitere Erkenntnisse ihrer Untersuchung. «Es besteht ein direkter Zusammenhang zwischen den Resultaten im Sprechen, Lese- und Hörverstehen einerseits und der Wortschatzkompetenz andererseits», sagt sie.

Zur Erklärung: «Mille feuilles» setzt auf die Didaktik des sogenannten Sprachbads. Die Schülerinnen und Schüler sollen über den Direktkontakt mit französischen Texten und Sachthemen quasi im Vorbeigehen auch Vokabeln erlernen. «Mille feuilles» trainiert aber nicht gezielt Wortschatz und Grammatikkenntnisse. Positiv sei aber, so Wiedenkeller, dass jetzt zusätzlich zum Lehrmittel Zusatzmaterialien wie die Sprachbox «On bavarde» für das Wortschatztraining zur Verfügung stehen.

Thomas Studer hält die Didaktik des Sprachbads für interessant. Er fügt aber an: «In bloss drei Wochenlektionen Französisch ein Sprachbad zu erleben, in dem man en passant auch Vokabeln und Grammatik erlernt, ist eine Illusion.» Hinter «Mille feuilles» steht laut dessen Machern der konstruktivistische Ansatz.

Er geht laut Studer davon aus, dass sich jedes Subjekt lernend seine Welt konstruiert. «Gerade für jüngere Lernende ist das schwer umsetzbar, weil es ein hohes Mass an Selbstorganisation und selbstverantwortetem Lernen verlangt», findet Thomas Studer.

Englisch hat besseres Image
Eva Wiedenkeller untersuchte für die Studie auch die Motivation, mit «Mille feuilles» Französisch zu lernen. Selbst bei den Lehrkräften findet nur die Hälfte, dass das Lehrmittel genügend Anreiz biete, sich mit Französisch zu beschäftigen. «Gegen das starke Klischee, Französisch sei schwierig und uncool, kommt man nur schwer an», sagt Wiedenkeller. Englisch lerne man informell, freiwillig und sogar ohne Schulunterricht. Es sei Weltsprache und Verkehrssprache im Internet.

Gegen den Imagevorsprung des Englischen kommt wohl auch das beste Französischlehrmittel nur schwer an.

Bildungsdirektionen relativieren und machen kleine Zugeständnisse
Für die heiklen Fragen dieser Zeitung verweist die Erziehungs­direktion des Kantons Bern auf Frédéric Voisard, den Regionalsekretär der Nordwestschweizer Erziehungsdirektorenkonferenz (NW EDK). Sie ist die Rechtsnachfolgerin des Passepartout-Verbunds, der das Französischlehrmittel «Mille feuilles» in sechs Kantonen lanciert hat. Dass die Studie des Instituts für Mehrsprachigkeit (IfM) an der Universität Freiburg über das Erreichen der Frühfranzösisch-Lernziele den Medien vorenthalten wurde, erklärt Voisard so: Die IfM-Untersuchung sei an die nationale Erhebung über schulische Grundkompetenzen gekoppelt gewesen. Diese lasse im Gegensatz zur IfM-Studie auch Aussagen über die einzelnen Kantone zu. «Aus Gründen der Komplexitätsreduktion und der Verständlichkeit» habe die NW EDK dann der nationalen Erhebung den Vorrang gegeben.

Voisard bestätigt, dass ursprünglich eine zweite Evaluation zum Erreichen der Lernziele im Französischunterricht auf der Sekundarstufe I geplant war. Weil die Passepartout-Kantone den Unterricht aber laufend überprüfen und anpassen würden, sei die Ausgangslage nun derart verändert, dass ein zweiter Evaluationsteil zu aufwendig geworden wäre. «Es ist klar, dass Passepartout bei der mündlichen Interaktion noch nicht auf Kurs ist», hält Voisard fest. Be- züglich Wortschatz müsse man die Gesamtkonzeption überdenken.

Die Erziehungsdirektion des Kantons Bern teilt auf Anfrage mit, dass die Ergebnisse der Freiburger Untersuchung «tatsächlich nicht zufriedenstellend» gewesen seien. In der Zwischenzeit habe man deshalb Hearings mit den Fachlehrpersonen geführt und Massnahmen eingeleitet. Mit den anderen Passepartout-Kantonen habe man Verbesserungen am Lehrmittel «Mille feuilles» initiiert.

So soll ein Grundwortschatz samt Software zum Üben definiert werden. Die Verbenliste werde ergänzt, und neue Materialien zum Training des Alltagswortschatzes würden geschaffen. Insbesondere werde «Mille feuilles» in der 5. und der 6. Klasse überarbeitet. In der neuen Version werde die Stoffmenge reduziert, und ein neuer Übungsteil zum Vertiefen und Automatisieren stehe bereit. Für die Französischlehrkräfte sei zudem die Weiterbildung verbreitert worden. Auch der Schüler- und Klassenaustausch werde vermehrt gefördert. (svb)

1 Kommentar:

  1. Die Aussagen der EDK-Verantwortlichen stimmen nicht ganz mit den Begründungen im Schlussbericht von Reto Furter überein: Dort begründete man die Geheimhaltung mit Angst vor kritischer Ausschlachtung durch die Medien.
    https://schuleschweiz.blogspot.com/2019/09/passepartout-gescheiterte.html

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