Arnold Berchtold ist Direktor der
Berufsfachschule Oberwallis. Er sagt, die heutige Jugend sei zu wenig
abenteuerlustig. Wie meint er das?
«Die Jugend hat keinen Biss mehr? Eine dumme Aussage», Walliser Bote, 4.5. von Armin Bregy
Arnold
Berchtold, Sie haben das Lehrerseminar in Sitten absolviert und keine
klassische Berufslehre. Rückblickend ein richtiger Entscheid?
«Ja. Das
‹Lehrersemi› war ja eine Berufsausbildung, die auch den Zugang zu den
Universitäten ermöglichte. Das Lehrerseminar war eine pädagogische Matura. Ein
Modell, das für mich passte. Obwohl es auch schwierige Zeiten gab.»
Wieso?
«Am
Sonntagabend jeweils von Stalden nach Sitten in das Internat zu gehen war nicht
immer einfach. Daran musste ich mich erst gewöhnen.»
Sie haben
gerne unterrichtet, jetzt sind Sie Direktor der Berufsfachschule. Fehlt etwas?
«Ja. Die
guten Erlebnisse mit den jungen Leuten im direkten Kontakt im Schulzimmer.»
Waren
diese Erlebnisse immer gut? Es heisst, die jungen Leute seien heutzutage eher
schwierig. Und sie lernten nichts mehr…
«Natürlich
lernen sie noch. Tagtäglich. Aber andere Sachen, als wir es von früher her
gewohnt sind.»
Ist es
nur ein Vorurteil, dass die Jugend unmotiviert ist und keinen Biss mehr hat?
«Das ist
kein Vorurteil. Sondern eine dumme Aussage. Die jungen Leute sind engagiert und
bringen Leistung. Solche Stereotypen zu bekämpfen ist aber manchmal schwierig.
Wenn man sich jedoch näher mit Jugendlichen beschäftigt, realisiert man: Die
sind gut. Natürlich sind sie auch kritisch und stellen unbequeme Fragen. Da
sage ich: zum Glück.»
Man hört
immer wieder, dass den Schulabgängern das Grundwissen fehlt. Einen einfachen
Dreisatz oder einen fehlerfreien Satz zu schreiben sei heute keine
Selbstverständlichkeit mehr.
«In der
Regel ist es doch so: Jeder Ausbildner sagt: Die Verantwortlichen der Vorstufe
haben zu wenig gemacht. Der Mittel- oder Berufsschullehrer fragt sich manchmal,
was die in der OS-Stufe gelernt haben. Und der OS-Lehrer meint, dass die
Primarschule nachgelassen hat – und so weiter. Diese Aussagen sind aber nicht
korrekt. In den Schulen werden die Lernziele erarbeitet, die von der Politik
und der Gesellschaft definiert werden. Und das funktioniert eigentlich gut. Das
Problem ist vielleicht auch, dass es im Bildungsbereich zu viele Experten gibt.
Jeder sieht sich als solcher, war ja schliesslich zig Jahre selber in der Schule.
Aber das eben vor Jahren. Dazwischen hat sich ziemlich etwas getan.»
Dann gibt
es keine Lernprobleme?
«Natürlich
gibt es Probleme. Daher ist die Schule stetig im Wandel. Die Herausforderungen
verändern sich. Vergessen sollte man nicht: Die jungen Leute, die etwa in der
Berufslehre sind, sind in einer Phase, die schwierig sein kann. Zwischen dem
15. und 19. Lebensjahr passiert viel. Die Lehrpersonen sind gefordert, die
Jugendlichen zu erreichen und auf die Berufswelt und ihre Rolle in der
Gesellschaft vorzubereiten. Das gelingt in den meisten Fällen sehr gut. Falls
nicht, gibt es Auffangnetze.»
An was
fehlt es den Jugendlichen heute?
«Vielleicht
an Abenteuerlust oder ‹Courage›. Ich schätze Jugendliche, die sagen: Jetzt ist
Zeit für etwas Neues. Wieso nicht nach dem Gymnasium eine Lehre anhängen? Oder
nach der Lehre den Schritt in eine andere Branche wagen? Es gibt im
Bildungsbereich viele Möglichkeiten. Auch un-konventionelle.»
Matura
oder Berufslehre?
«Als
Direktor der Berufsfachschule erwarten Sie jetzt natürlich, dass ich für das
duale Bildungssystem und die Berufslehre einstehe. Für mich ist aber
entscheidend, dass der Jugendliche selbst überzeugt ist, für die kommenden vier
oder fünf Jahre auf dem richtigen Weg zu sein. Die beiden Stichworte ‹Fordern›
und ‹Fördern› stehen dabei im Vordergrund.»
Wenn Sie
hören, dass ein Jugendlicher eine Berufslehre macht, weil es für das Gymnasium
nicht gereicht hat – wie reagieren Sie?
«Mit
Unverständnis. Nicht nur das Gymnasium, auch eine Lehre ist anspruchsvoll. In
einer Lehre muss man Verantwortung übernehmen für sich, aber auch gegenüber der
Firma und den Kunden. Es ist eine wertvolle Erfahrung, wird man mit den
Konsequenzen seines Handelns konfrontiert.»
Es gibt
immer noch Eltern, die wollen, dass ihre Kinder ins Kollegium gehen – weil auch
sie dort waren.
«Die gibt
es. Die Frage ist, ob sie dabei an die Kinder denken – oder eher an sich.»
Viele
Branchen haben Nachwuchssorgen. Was kann man tun?
«Dem ist
so – eine schwierige Frage. Auf der einen Seite gibt es die demografische
Entwicklung, auf der anderen die Ausbildungsentscheide der Jugendlichen, die
derzeit gegen einige Branchen laufen. Hinzu kommt: Früher gingen die Kinder und
Jugendlichen in den Ferien vielfach einem Sommerjob nach. In der Freizeit hatten
sie Beschäftigungen, die näher beim beruflichen Handwerk waren. So machten sie
wertvolle Erfahrungen und erlebten ‹Abenteuer› über ihre Hände. Und sie fanden
dabei Erkenntnisse über ihre Neigungen, Fähigkeiten und Talente. Sie hatten
also schon im Kindesalter Gelegenheit, sich zu orientieren. Das ist heute
schwieriger geworden.»
Ein
Trend, der sich noch verstärken wird.
«Ja. Es
gibt aber auch Organisationen wie ‹Explore-it› oder den Erfinderclub, die hier
gegensteuern. Auch die Berufsverbände sind mittlerweile sehr aktiv, genauso wie
die einzelnen Unternehmen und auch der Kanton arbeitet in die richtige
Richtung.»
Im
Bildungsbereich ist die Digitalisierung derzeit das grosse Thema. Zu Recht?
«Zweifelsohne
ist die Digitalisierung ein Werkzeug für guten Unterricht. Aber es besteht die
Gefahr, dass mit der Fokussierung auf diesen Hype die Schule zu stark
technisiert wird. Wir dürfen die Menschen nicht vergessen, die in den Schulen
unterrichten und lernen. Diese bleiben entscheidend, wenn es um die Qualität
einer Ausbildung geht.»
Wie muss
sich die Berufsausbildung verändern?
«Die
duale Berufsausbildung der Schweiz ist das beste System der Welt. Das hört man
immer wieder. Doch ist es das? Es kann sein, dass Jugendliche heute einen Beruf
lernen, den es in zehn oder 15 Jahren vielleicht nicht mehr gibt. Das heisst,
wir müssen mit dem Lernenden ein Fundament erstellen, damit er auf diesen
Wandel vorbereitet ist. Der hoch spezialisierte berufskundliche Unterricht wird
weniger, die allgemeine Berufsbildung bedeutender. Darunter fallen auch Soft
Skills wie Kommunikations- oder Fremdsprachenkompetenzen.
Handlungskompetenzorientierter Unterricht ist der Schlüsselbegriff in diesem
Zusammenhang.»
Und was
würden Sie im Walliser Bildungssystem ändern?
«Unser
Bildungssystem ist gut. Ich würde es nicht ändern – sondern den eingeschlagenen
Weg stärken. Als Beispiel kann ich die Orientierungsstufe nennen. Die
eingeschlagene Richtung stimmt, der Berufsorientierung wurde in den letzten
Jahren mehr Platz eingeräumt. Das hat sich bewährt und man soll das weiter
stärken. Den direkten Weg in die Berufsbildung schlagen immerhin zwei Drittel
der Jugendlichen ein. Eine sorgfältige Orientierungsarbeit ist da also
besonders wichtig.»
Interview: Armin Bregy
Zur
Person
Arnold
Berchtold ist seit 2011 Direktor der Berufsfachschule Oberwallis. Er hat sein
Lehrerdiplom am Lehrerseminar Sitten erlangt. Anschliessend hat er die
pädagogische Ausbildung am Eidgenössischen Hochschulinstitut für Berufsbildung
(EHB) absolviert und seine Unterrichtstätigkeit an der Berufsfachschule
Oberwallis aufgenommen. Im Jahr 2002 schloss er zudem eine Masterausbildung an
der Universität von Exeter (England) ab. Berchtold ist 57 Jahre alt,
verheiratet und Vater von drei erwachsenen Kindern. An der Berufsfachschule
Oberwallis werden 50 Berufe unterrichtet. Die 2000 Lernenden werden in Brig und
Visp von 200 Lehrpersonen ausgebildet.
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