14. Mai 2019

"Bildungssystem ist gut"


Arnold Berchtold ist Direktor der Berufsfachschule Oberwallis. Er sagt, die heutige Jugend sei zu wenig abenteuerlustig. Wie meint er das?
«Die Jugend hat keinen Biss mehr? Eine dumme Aussage», Walliser Bote, 4.5. von Armin Bregy


Arnold Berchtold, Sie haben das Lehrerseminar in Sitten absolviert und keine klassische Berufslehre. Rückblickend ein richtiger Entscheid?
«Ja. Das ‹Lehrersemi› war ja eine Berufsausbildung, die auch den Zugang zu den Universitäten ermöglichte. Das Lehrerseminar war eine pädagogische Matura. Ein Modell, das für mich passte. Obwohl es auch schwierige Zeiten gab.»

Wieso?
«Am Sonntagabend jeweils von Stalden nach Sitten in das Internat zu gehen war nicht immer einfach. Daran musste ich mich erst gewöhnen.»

Sie haben gerne unterrichtet, jetzt sind Sie Direktor der Berufsfachschule. Fehlt etwas?
«Ja. Die guten Erlebnisse mit den jungen Leuten im direkten Kontakt im Schulzimmer.»

Waren diese Erlebnisse immer gut? Es heisst, die jungen Leute seien heutzutage eher schwierig. Und sie lernten nichts mehr…
«Natürlich lernen sie noch. Tagtäglich. Aber andere Sachen, als wir es von früher her gewohnt sind.»

Ist es nur ein Vorurteil, dass die Jugend unmotiviert ist und keinen Biss mehr hat?
«Das ist kein Vorurteil. Sondern eine dumme Aussage. Die jungen Leute sind engagiert und bringen Leistung. Solche Stereotypen zu bekämpfen ist aber manchmal schwierig. Wenn man sich jedoch näher mit Jugendlichen beschäftigt, realisiert man: Die sind gut. Natürlich sind sie auch kritisch und stellen unbequeme Fragen. Da sage ich: zum Glück.»

Man hört immer wieder, dass den Schulabgängern das Grundwissen fehlt. Einen einfachen Dreisatz oder einen fehlerfreien Satz zu schreiben sei heute keine Selbstverständlichkeit mehr.
«In der Regel ist es doch so: Jeder Ausbildner sagt: Die Verantwortlichen der Vorstufe haben zu wenig gemacht. Der Mittel- oder Berufsschullehrer fragt sich manchmal, was die in der OS-Stufe gelernt haben. Und der OS-Lehrer meint, dass die Primarschule nachgelassen hat – und so weiter. Diese Aussagen sind aber nicht korrekt. In den Schulen werden die Lernziele erarbeitet, die von der Politik und der Gesellschaft definiert werden. Und das funktioniert eigentlich gut. Das Problem ist vielleicht auch, dass es im Bildungsbereich zu viele Experten gibt. Jeder sieht sich als solcher, war ja schliesslich zig Jahre selber in der Schule. Aber das eben vor Jahren. Dazwischen hat sich ziemlich etwas getan.»

Dann gibt es keine Lernprobleme?
«Natürlich gibt es Probleme. Daher ist die Schule stetig im Wandel. Die Herausforderungen verändern sich. Vergessen sollte man nicht: Die jungen Leute, die etwa in der Berufslehre sind, sind in einer Phase, die schwierig sein kann. Zwischen dem 15. und 19. Lebensjahr passiert viel. Die Lehrpersonen sind gefordert, die Jugendlichen zu erreichen und auf die Berufswelt und ihre Rolle in der Gesellschaft vorzubereiten. Das gelingt in den meisten Fällen sehr gut. Falls nicht, gibt es Auffangnetze.»

An was fehlt es den Jugendlichen heute?
«Vielleicht an Abenteuerlust oder ‹Courage›. Ich schätze Jugendliche, die sagen: Jetzt ist Zeit für etwas Neues. Wieso nicht nach dem Gymnasium eine Lehre anhängen? Oder nach der Lehre den Schritt in eine andere Branche wagen? Es gibt im Bildungsbereich viele Möglichkeiten. Auch un-konventionelle.»

Matura oder Berufslehre?
«Als Direktor der Berufsfachschule erwarten Sie jetzt natürlich, dass ich für das duale Bildungssystem und die Berufslehre einstehe. Für mich ist aber entscheidend, dass der Jugendliche selbst überzeugt ist, für die kommenden vier oder fünf Jahre auf dem richtigen Weg zu sein. Die beiden Stichworte ‹Fordern› und ‹Fördern› stehen dabei im Vordergrund.»

Wenn Sie hören, dass ein Jugendlicher eine Berufslehre macht, weil es für das Gymnasium nicht gereicht hat – wie reagieren Sie?
«Mit Unverständnis. Nicht nur das Gymnasium, auch eine Lehre ist anspruchsvoll. In einer Lehre muss man Verantwortung übernehmen für sich, aber auch gegenüber der Firma und den Kunden. Es ist eine wertvolle Erfahrung, wird man mit den Konsequenzen seines Handelns konfrontiert.»

Es gibt immer noch Eltern, die wollen, dass ihre Kinder ins Kollegium gehen – weil auch sie dort waren.
«Die gibt es. Die Frage ist, ob sie dabei an die Kinder denken – oder eher an sich.»

Viele Branchen haben Nachwuchssorgen. Was kann man tun?
«Dem ist so – eine schwierige Frage. Auf der einen Seite gibt es die demografische Entwicklung, auf der anderen die Ausbildungsentscheide der Jugendlichen, die derzeit gegen einige Branchen laufen. Hinzu kommt: Früher gingen die Kinder und Jugendlichen in den Ferien vielfach einem Sommerjob nach. In der Freizeit hatten sie Beschäftigungen, die näher beim beruflichen Handwerk waren. So machten sie wertvolle Erfahrungen und erlebten ‹Abenteuer› über ihre Hände. Und sie fanden dabei Erkenntnisse über ihre Neigungen, Fähigkeiten und Talente. Sie hatten also schon im Kindesalter Gelegenheit, sich zu orientieren. Das ist heute schwieriger geworden.»

Ein Trend, der sich noch verstärken wird.
«Ja. Es gibt aber auch Organisationen wie ‹Explore-it› oder den Erfinderclub, die hier gegensteuern. Auch die Berufsverbände sind mittlerweile sehr aktiv, genauso wie die einzelnen Unternehmen und auch der Kanton arbeitet in die richtige Richtung.»

Im Bildungsbereich ist die Digitalisierung derzeit das grosse Thema. Zu Recht?
«Zweifelsohne ist die Digitalisierung ein Werkzeug für guten Unterricht. Aber es besteht die Gefahr, dass mit der Fokussierung auf diesen Hype die Schule zu stark technisiert wird. Wir dürfen die Menschen nicht vergessen, die in den Schulen unterrichten und lernen. Diese bleiben entscheidend, wenn es um die Qualität einer Ausbildung geht.»

Wie muss sich die Berufsausbildung verändern?
«Die duale Berufsausbildung der Schweiz ist das beste System der Welt. Das hört man immer wieder. Doch ist es das? Es kann sein, dass Jugendliche heute einen Beruf lernen, den es in zehn oder 15 Jahren vielleicht nicht mehr gibt. Das heisst, wir müssen mit dem Lernenden ein Fundament erstellen, damit er auf diesen Wandel vorbereitet ist. Der hoch spezialisierte berufskundliche Unterricht wird weniger, die allgemeine Berufsbildung bedeutender. Darunter fallen auch Soft Skills wie Kommunikations- oder Fremdsprachenkompetenzen. Handlungskompetenzorientierter Unterricht ist der Schlüsselbegriff in diesem Zusammenhang.»

Und was würden Sie im Walliser Bildungssystem ändern?
«Unser Bildungssystem ist gut. Ich würde es nicht ändern – sondern den eingeschlagenen Weg stärken. Als Beispiel kann ich die Orientierungsstufe nennen. Die eingeschlagene Richtung stimmt, der Berufsorientierung wurde in den letzten Jahren mehr Platz eingeräumt. Das hat sich bewährt und man soll das weiter stärken. Den direkten Weg in die Berufsbildung schlagen immerhin zwei Drittel der Jugendlichen ein. Eine sorgfältige Orientierungsarbeit ist da also besonders wichtig.»

Interview: Armin Bregy

Zur Person
Arnold Berchtold ist seit 2011 Direktor der Berufsfachschule Oberwallis. Er hat sein Lehrerdiplom am Lehrerseminar Sitten erlangt. Anschliessend hat er die pädagogische Ausbildung am Eidgenössischen Hochschulinstitut für Berufsbildung (EHB) absolviert und seine Unterrichtstätigkeit an der Berufsfachschule Oberwallis aufgenommen. Im Jahr 2002 schloss er zudem eine Masterausbildung an der Universität von Exeter (England) ab. Berchtold ist 57 Jahre alt, verheiratet und Vater von drei erwachsenen Kindern. An der Berufsfachschule Oberwallis werden 50 Berufe unterrichtet. Die 2000 Lernenden werden in Brig und Visp von 200 Lehrpersonen ausgebildet.


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