Ist heute von Schule und Bildung die Rede, sind grosse Worte unvermeidlich. Immer geht es gleich um Exzellenz und Spitzenplätze, um das Beste für unsere Jugend, um flächendeckende Digitalisierung, um die grossen Herausforderungen, um die Kompetenzen für das 21. Jahrhundert und das dritte Jahrtausend.
Unanständiger Unterricht, NZZ, 14.5. von Konrad Paul Liessmann
Apropos
Kompetenzen: Der Erziehungswissenschafter Roland Reichenbach hat jüngst davon
gesprochen, dass «Kompetenz» unter unseren zeitgeistigen Begriffen derjenige
ist, der die grösste «Anbandelungswut» entwickelt hat. Ungeniert und
hemmungslos verbindet sich die Kompetenz mit allen nur denkbaren Substantiven,
von der Sprachkompetenz bis zur Reflexionskompetenz, von der Lesekompetenz bis
zur Medienkompetenz, von der Sozialkompetenz bis zur Kommunikationskompetenz,
von der Teamkompetenz bis zur Selbstkompetenz, von der Bürgerkompetenz bis zur
Zukunftskompetenz reicht dieser halbseidene Reigen. Solch verbale Promiskuität
ist in der Tat obszön, und anständige Menschen sollten das Wort Kompetenz, in
welcher Verbindung auch immer, nicht mehr in den Mund nehmen.
Die
eigentliche Unanständigkeit aber lauert hinter diesen Phrasen. Sie besteht im
Glauben, dass Schule, Unterricht und Bildung junge Menschen umfassend auf die
Zukunft vorbereiten und ihnen alle Fähigkeiten vermitteln könnten, die
gebraucht werden, um die kommenden Herausforderungen anzunehmen. Und deshalb
werden neue Kulturtechniken propagiert – Coding –, missliebige Inhalte entsorgt
– die Kunst der alten weissen Männer –, neue Fächer oder Fächerbündel
eingeführt – Ernährung, Medien und Klima – und moderne Lernformen verordnet –
interaktiv, digital und ohne lästige Lehrperson.
Hinter
all dem Wortgetöse, dem die pädagogische Praxis zum Glück nur selten folgt,
steckt ein grundsätzlicher Irrtum. Da kein Menschen weiss, was die Zukunft
bringen wird, ist es schlechterdings verantwortungslos, dieses Unwissen zum
Massstab und zur Zielvorstellung für die Formen und Inhalte des Unterrichts zu
machen. Das führt nur zu Scharlatanerie und falschen Propheten. Es geht nicht
darum, herauszufinden, welche Bildung wir für das 21. Jahrhundert benötigen,
sondern darum, jene Bildung zu vermitteln, die notwendig ist, um zu verstehen,
warum die Welt so geworden ist, wie sie nun einmal ist. Bilden bedeutet ganz
wesentlich, Errungenschaften weitergeben zu können. In ihrem Zentrum stehen die
Leistungen der Vergangenheit.
Statt
eine dubiose Zukunftsoffenheit zu propagieren, sollte man lieber darüber
nachdenken, was von dem, was Menschen bisher an Wissen und Erkenntnis, an Kunst
und Kultur, an Ethos und Moral, an Methoden und Technologien entwickelt haben,
aus guten Gründen erhalten, bearbeitet, vermittelt und unterrichtet werden
kann. Das hat nichts mit Traditionspflege oder starrem Festhalten an Überholtem
zu tun, sondern mit den notwendigen Voraussetzungen für ein bewusstes und
mündiges Leben in einer nicht gerade einfachen Welt. Die Vergangenheit ist ein
Fundament, aber keine Norm.
Vielleicht
aber sollte man das Verhältnis von Zukunft und Bildung zumindest versuchsweise
überhaupt einmal radikal umdrehen. Wie wäre es, wenn man die Bildung nicht an
der Zukunft, sondern die Zukunft an der Bildung misst? Es gibt grossartige
Entwürfe einer Erziehung zur Mündigkeit, zur moralischen und ästhetischen
Sensibilisierung des Menschen, zur Humanisierung der Affekte, zu einem Streben
nach Weisheit und Einsicht, die dafür herangezogen werden könnten. Man sollte
auch einmal darüber nachdenken, wie eine Welt beschaffen sein müsste, die
solchen Bildungsansprüchen genügte. Bildung benötigt keine Kompetenzen; sie
benötigt Selbstbewusstsein.
Konrad Paul Liessmann ist Professor an
der Universität Wien.
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