Worin unterscheiden
sich Ausbildung und Bildung? Und inwiefern ist Bildung nicht nur ein Vermitteln
von Wissen, sondern auch von Werten? Solche Fragen sind am Donnerstagabend am
NZZ-Redaktionssitz bei einem Podium zum Thema «Bildung–Menschen mit Kopf und Herz»
erörtert worden.
Bildung mit Werten statt nur mit Wissen, NZZ, 17.5. von Lena Schenkel (NZZ-Podium zur Macht und Ohnmacht der Pädagogik)
In seinem Impulsreferat näherte sich Dieter Thomä dem Thema
mit einer «altmodischen Zeitreise» an. Der St. Galler Philosophieprofessor
führte zuerst nach London ins Jahr 1605, als schon Francis Bacon bedauerte,
dass sich Menschen selten zum Nutzen anderer bilden, sondern um das eigene
Dasein zu bereichern. Wissen und Lernen diene ihnen wahlweise als Sofa,
Terrasse, Turm, Fort oder Geschäft für ihren Geist–nicht aber als Lagerhaus zur
Erleichterung der Lage des Menschen. Statt, wie Thomä übersetzte, um Kultur,
Konsum, Information, Macht und Kapital sollte es in der Bildung aber um
Wohlfahrt, um die Lage des Menschen als Ganzes, gehen. Mit der Frage nach der
Beschaffenheit nicht des Raumes, sondern des sich bildenden Menschen, ging die
Reise weiter zu den Davoser Bildungstagen anno 1931, wo Carl Heinrich Becker
darauf hinwies, dass Bildungserwerb vor allem Selbstbildung sei.
«Individualisierung ist auch Freiheit», schloss Thomä. Schutz vor Bürokratie
In der
anschliessenden Debatte unter Leitung von Martin Meyer diskutierten neben Thomä
auch Pädagogikprofessor Jürgen Oelkers, die GLP-Politikerin und Winterthurer Schulpräsidentin
Chantal Galladé sowie deren Parteikollege Alain Pichard, der sich als
Lehrerebenfalls bildungspolitisch engagiert. Nachdem die Runde zunächst
konstatiert hatte, dass die Schweiz in der internationalen Bildungslandschaft
immer noch eine «Insel der Glückseligen»(Oelkers) sei, ging sie der Frage nach,
wie stark Bildung in die Persönlichkeit eines Menscheneingreifen dürfe. Pichard
kritisierte in diesem Zusammenhang den Lehrplan 21, der sich aus Angst davor,
Werte zu vermitteln, auf Sachziele wie Kompetenzen verlege. Menschen seien jedoch
Individuen und keine Festplatten. Einen Unterricht, der auf alle eingeht,
wünscht sich auch Galladé, sprach sich aber dezidiert für eine gewisse
Harmonisierung aus. Einig waren sich die beiden darin, dass Lehrer und
Schulleiterinnen vor zu viel Bürokratie und Verwaltung geschützt werden müssen.
Auf Meyers
Eingangsfrage, ob Kinder heute durch Bildung noch ganze Menschen werden oder wir
bereits im Zeitalter der digitalen Zombies angekommen sind, kam man zunächst
darüber ein, die Gefahren der Digitalisierung nicht zu dramatisieren, sondern
sie als Chance zu begreifen. Als Galladé jedoch Gelassenheit forderte und für
ein gesundes Nebeneinander von digitaler und realer Welt im Kinderleben
plädierte, warnten Thomä und Pichard umgehend vor Erlebnisarmut, Suchtgefahr
und nicht abschätzbaren Auswirkungen aufs Gehirn. Galladé stellte daraufhin
klar, dass Gelassenheit nicht mit Gleichgültigkeit gleichzusetzen sei. Entscheidender
sei, wie sich die Digitalisierung auf den Unterricht auswirke, wandte Oelker ein.
Er plädierte für einen Kanon, um die nunmehr grenzenlosen Möglichkeiten einzuschränken.
«Die Bildungsinstitutionen müssen sagen, was sie verlangen», stellte er klar.
«Chancen werden früh verteilt»
Spürbar emotional
wurde es beim Thema Chancengleichheit. Thomä verurteilte diesbezüglich einen
falsch verstandenen Liberalismus, wonach jeder seines eigenes Glückes Schmiedes
sei. «Zur Entfaltung
von Freiheit gehören auch förderliche Umstände», sagte er. Oelkers gab zu
bedenken, dass man bei der Diskussion um Bildungsgerechtigkeit nicht auf die
höchsten
Bildungsabschlüsse fokussieren solle: In der Schweiz seien weniger die Stufen
Gymnasium
und Universität zentral als die Volksschule und die Berufsbildung sowie ein mögl ichst
durchlässiges System. Galladé wiederum möchte den Fokus auf die Vorschulzeit
legen, denn:
«Chancen werden sehr früh und ungerecht verteilt.»
Aus dem Publikum kam die Frage, wie denn der Gefahr der digital verbreiteten
Desinformation über die Bildung
beizukommen sei. Bildung könne weder das Klima noch die
Demokratie retten, brachte es Pichard auf den Punkt. Doch sie könne diese Dinge
thematisieren, ergänzte Oelkers. Einig war man sich zum Schluss auch über die
Antwort auf
die Eingangsfrage: «Wenn Bildu ng
Ausbildung ist, ist es mit der Bildung aus.»
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen