Haben Sie
lebendige Erinnerungen an Ihren Geschichtsunterricht in der Volksschule?Wenn
ja, dann dürften packende Erzählungen und anregende Klassengespräche wohl eine
wichtige Rolle
gespielt haben. Wenn nein, dann besuchten Sie vermutlich bei einem Langweiler
den Geschichtsunterricht.
Was ist los mit unserem Geschichtsunterricht? 15.5. von Hanspeter Amstutz
Nur noch ein
Restprogramm eines geschichtlichen Basiswissens
Wenn man auf
die aktuelle Situation des Geschichtsunterrichts blickt, so stellt man fest,
dass das
Fach in den letzten Jahren stark an den Rand gedrängt wurde. Die Lektionenzahl
wurde teils
bis auf eine Wochenlektion reduziert und das Fach selber ist versteckt in einem Konglomerat
aus mehreren Fächern. Die meisten Lehrpersonen beklagen sic h
zu Recht, dass für
einen vernünftigen stofflichen Aufbau schlichtweg die Zeit fehle. Der zweite
Grund für eine Distanzierung
vieler Lehrpersonen gegenüber dem Fach ist eine tiefe Verunsicherung, die durch
grundlegend neue Ansätze in der Geschichtsdidakti k
ausgelöst wurde. Dabei bleibt die wichtige
Frage, wieweit geschichtliche Inhalte noch verbindlich sind und welche Rolle der erzählerischen
Gestaltungkraft der Lehrperson zukommt, trotz verschiedener Hinweise im neuen
Lehrplan weiterhin in der Schwebe.
Die
Abwertung des Geschichtsunterricht durch fehlende Zeitgefässe bei gleichzeitiger Austauschbarkeit
wesentlicher Inhalte ist offensichtlich. Da es von der Zielsetzung des neuen Lehrplans
her primär auf das Vermitteln von geschichtlich relevanten Kompetenze n
geht, glaubt
man, durch kluges Auswählen aus einer Vielfalt von Inhalten den Mangel des
seriösen Aufbaus
kompensieren zu können. Die Lehrpersonen sind bei diesem unübersichtlichen Selbstbedienungsbuffet
nicht zu beneiden. Wie sollen denn die Schüler eine Kontinuität geschichtlicher
Abläufe erkennen, wenn zu viel zusammengestrichen werden muss? Eine Geschichtsdidaktik,
die glaubt, auf einen Grossteil geschichtlichen Grundwissens verzichten zu
können, wird beim Vermitteln der Kompetenzen so immer wieder mit unvermeidlichen Lücken
zu kämpfen haben.
Wenig beliebte
Schweizer Geschichte
In der
Sekundarschule benötigt man bei schülergerechtem Lerntempo für eine nur inexemplarischen
Schwerpunktthemen vermittelte Geschichte Europas von den Entdeckungen im
15. Ja hrhundert
bis zur aktuellen Globalisierung rund zwei Wochenlektionen während dreier
Jahre. Es erstaunt deshalb nicht, dass Themen aus der Schweizer Geschichte am ehesten
vernachlässigt werden, da sie als besonders heikel gelten. Kritisch denkende Lehrkräft e
möchten sich nicht unnötig dem Stallgeruch eines selbstgefälligen
Nationalstolzes aussetzen.
Viele Lehrpersonen beschränken sich in der Schweizer Geschichte deshalb auf Kapitel,
die ihnen gerade naheliegen oder machen gar einen Bogen um wesentliche histo rische
Epochen. Doch diese Haltung darf keine Entschuldigung dafür sein, unserer Jugend
das Werden der modernen Schweiz vorzuenthalten.
Akademisch
konzipierte Geschichtsdidaktik
Die Stoffauswahl ist das eine, das lebendige Vermitteln historischen
Geschehens das andere.In der Geschichtsdidaktik wird den Lehrpersonen
nahegelegt, geschichtliche Erzählungen alsErgänzungen zu sehen und den Schülern
einen breiten Zugang zur Vergangenheit durch dieAuseinandersetzung mit
geschichtlichen Quellentexten zu öffnen.Die neue Geschichtsdidaktik geht oft von einem
reichen Vorwissen aus, das nicht vorhanden ist und neigt zu akademischen Fragestellungen,
die viele überfordern. Wer mit Lehrerinnen und Lehrern spricht, stellt fest,
dass ein weitgehender Verzicht auf direkte Instruktion zugunsten von
Erkenntnissen aus selbsterarbeiteten Lernprogrammen zeitraubend und für viele
Jugendliche zu wenig motivierend ist. Die Geprellten bei dieser umstrittenen
Konzeption des Geschichtsunterrichts sind unsere Schülerinnen und Schüler. Ihr
Hunger nach anschaulichen Schilderungen lässt sich kaum mitindividualisierten
Aufträgen zu seitenlangen Dokumenten und Serien von Arbeitsblättern ausreichend
stillen.
Ermutigung zum
spannenden Erzählen
Der neue Trend
in der Fachdidaktik hat seinen
Preis. Statt angehende Lehrpersonen in
faktenorientierter Erzählkunst zu fördern und zu ermutigen, setzt man in erster
Linie auf
anspruchsvolle Konzepte zur Selbsttätigkeit der Schüler. Nichts gegen neue Wege
mit optimalen
Zugängen zum altersgerechten Fo rschen,
aber die Förderung des entdecken den
Lernens darf nicht mit einem Abbau des narrativen Unterrichts erkauft werden.
Die Vorbereitung einer narrativen Lektionsreihe mit einer didaktisch
aufbereiteten
Fortsetzungsgeschichte für einen dialogischen Unte rricht
ist aufwändig. Die meisten
Lehrpersonen wären deshalb froh um kommentierte Folienfolgen für bildgestütztes
Erzählen
und prägnante Hintergrundinformationen zum gewählten Thema. Da sich die
Fachdidaktik
dafür aber nur begrenzt zuständig sieht, muss ma n
sich nicht wundern, wenn viele
Lehrpersonen sich ein erfolgreiches Einarbeiten in die Erzählkunst gar nicht
mehr zutrauen.
Doch der Aufwand würde sich vielfältig lohnen. Lebendiger Geschichtsunterricht
ist
sprachbildend, sofern dem Erzählerischen wirklic h
Raum gegeben wird. Kinder und
Jugendliche sind voll aufnahmefähig, wenn sie während farbiger Schilderungen
ein Sprachbad
im dramatischen Geschehen nehmen können. In narrativen Geschichtslektionen
entstehen
innere Bilder und Vorstellungen von prägender Kr aft,
welche die Basis für solide Analysen bilden.
Daraus entwickeln sich als erwünschte Nebenwirkungen geschichtliche Kompetenzen
und eine nicht zu unterschätzende Ausweitung des sprachlichen Horizonts.
Schweizer
Geschichte im europäischen Kontext sehen
Kaum
eine kultivierte Nation würde es akzeptieren, wenn die landeseigene Geschichte
im
Unterricht hintenangestellt würde. Doch wir schaffen das. Viele Lehrpersonen
gehen davon
aus, dass die neuere Schweizer Geschichte nicht viel Aufregendes zu bieten
habe, w enn
man
abseits der bekannten Mythen kritisch darüber berichte. Doch diese Befürchtung
ist fehl am
Platz. Die neuere Schweizer Geschichte ist eine für
spannende und erhellende
Auseinandersetzungen. Wenn relevante Themen geschickt vor dem Hintergr und
des europäischen
Donnerrollens geschildert werden, erkennen die Schüler meist die grossen
Zusammenhänge von Entwicklungen und gleichzeitig die Besonderheiten des
Schweizer
Wegs .
Reicher Stoff für
narratives Gestalten
Das Eintauchen ins
historische Geschehen gelingt am besten, wenn Lehrpersonen die Fähigkeit
entwickelt haben, im Lektionskonzept Spannungslinien aufzubauen und die dramatischen
Verstrickungen wieder aufzulösen. Die Schüler merken bald, dass unsere Historie
keine verstaubte Angelegenheit ist. Doch es gilt, die richtigen Themen
auszuwählen.Der Landesstreik liegt schon gut hundert Jahre Zeit zurück. Aber
die Dramatik des scharfen Gegensatzes zwischen dem aufgeschreckten Bürgertum
und der wütenden Arbeiterschaft ist ein Stoff, aus dem sich Geschichte
gestalten lässt. Die sich überschlagenden Ereignisse vom November 1918 und die
nachfolgenden Jahre sind Musterbeispiele für historisches Geschehen, welches
letztlich grosse gesellschaftliche Veränderungen in unserem Landausgelöst hat.
Faktenorientierte
Erzählkunst fördert Urteilskraft
Schweizer
Geschichtsunterricht soll auch Verständnis für den Zeitgeist einer Epoche
schaffen. Dieser kann durchaus von den Wertvorstellungen unserer Tage abweichen
und etwas irritieren. Die Zeit des Zweiten Weltkriegsbietet attraktiven Stoff,
um die Situation eines Kleinstaats im Ring feindlicher Grossmächte schildern zu
können. Die Abgrenzung gegenüber dem Nazitum, der Wille unserer Bevölkerung zum
Überleben und die Reduit-Strategie von General Guisan stossen bei Jugendlichen
auf grosses Interesse. Unverantwortlich wäre es hingegen, wenn kritische Fragen
zur restriktiven Flüchtlingspolitik oder zu unserer wirtschaftlichen
Abhängigkeit von den Achsenmächten ausgeklammert würden. Die Jugendlichen haben
ein Recht darauf, auch die unschönen Seiten unserer Vergangenheit kennen zu
lernen. Meist entstehen gehaltvolle Klassengespräche mit differenzierten
Urteilen, wenn Licht und Schatten menschlichen Verhaltens in schweren Zeiten
faktengetreu zur Sprache gekommen sind.
In vielen Klassen
wird die neue Schweizer Geschichte spätestens mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs
abgeschlossen. Doch die Zeit nach 1945 ist für eine Reihe politischer Weichenstellungen
von grosser Bedeutung. Je näher wir ans 21. Jahrhundert kommen, desto deutlicher
ist der Atem der aktuellen Politik zu spüren. Zudem bestehen mehr
Möglichkeiten, um die Wirklichkeit der Geschichte erlebbar zu machen.
Zeitzeugen können befragt werden und ausgewählte Film- und Tondokumente helfen
mit, den Unterricht zu bereichern. Es gehört zum Basiswissen, dass die Schüler
am Ende der Oberstufe über den Kampf ums Frauenstimmrecht sowie generell über unsere
Grundstimmung während des Kalten Krieges im Bild sind. Aber all das Wissen
bekommt erst seinen Wert, wenn dahinter lebendige Bilder und wesentliche
historische Erkenntnisse stehen.
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