24. Juni 2018

Ansichten eines Quereinsteigers

Die Schule erfüllt eine der wichtigsten gesellschaftlichen Aufgaben. Doch oft sind die Lehrerinnen und Lehrer angeschlagen und ausgebrannt. Zeitdruck, verhaltensauffällige Schüler und anspruchsvolle Eltern bringen sie ans Limit. Die Folgen sind fatal: schlechtes Schulklima, verminderter Lernerfolg. Ein Drittel der Lehrpersonen leidet an Aspekten eines Burn-outs, zeigt eine Nationalfonds-Studie.
Dennoch hat sich Sebastian Keller* vor fünf Jahren für diesen Beruf entschieden. Er möchte anonym bleiben, zum einen weil sein Unterricht in vielem nicht der Norm entspricht. Und weil er mit einigen Berufskollegen hart ins Gericht geht.
"Die meiste Kritik an Lehrern ist völlig berechtigt", Beobachter, 21.6. von Birthe Homann


Der Quereinsteiger
Mit 45 drückte Keller nochmals die Schulbank und liess sich als Quereinsteiger an der Pädagogischen Hochschule Zürich zum Primarlehrer ausbilden. Der Historiker war zuvor 20 Jahre als Journalist tätig gewesen, oft auch im Ausland. Das fünfzigste Erdbeben und die hundertste Wahlveranstaltung und die immer gleichen Reaktionen darauf liessen ihn allmählich zweifeln. «Ich wollte etwas Sinnvolles tun.» Daher die Idee, Lehrer zu werden. Er bewarb sich mit einem Motivationsschreiben, wurde eingeladen und aufgenommen.

Seither unterrichtet Keller Viert- bis Sechstklässler in einem gutbürgerlichen Viertel einer Schweizer Kleinstadt. Viele Eltern sind anspruchsvoll, der Übertritt ans Gymnasium ist quasi Pflicht. «Die meiste Kritik von Eltern gegenüber Lehrern halte ich für völlig berechtigt», sagt Keller. Oft würden sie präzis die wunden Punkte erkennen, etwa dass ihr Kind zu wenig gefördert werde. «Wer Angst vor Eltern hat oder die Auseinandersetzung mit ihnen scheut, darf diesen Beruf nicht wählen. Wenn ich aber mit Begeisterung Lehrer bin, überträgt sich das auf die Kinder. Und mit motivierten Schülern kann man fast alles erreichen.» Unterrichten sei neben der Vermittlung von Wissen intensive Beziehungsarbeit.
Keller ist Vater eines Elfjährigen, er weiss, was Kinder beschäftigt. «Es ist auf jeden Fall ein Vorteil, Kinder zu haben, wenn man Lehrer ist.»

Beobachter: Sie haben in Ihrer Klasse die Hausaufgaben abgeschafft. Warum?
Sebastian Keller*: Die Kinder haben eine 32-Stunden-Woche. Das ist sehr viel. Da müssen sie nicht noch jeden Tag eine Stunde Aufgaben dranhängen. Ich will, dass die Kinder alles im Unterricht erledigen: Übungen, Gelerntes aufbereiten und vertiefen. Das funktioniert bestens.
Beobachter: Keine Proteste von Eltern?
Keller: Kaum. Die merken schnell, dass ihre Kinder leistungsmässig nicht abfallen. Und ganz wichtig: Die Kinder kommen gern zur Schule. Das checken die Eltern. Wer gern kommt, lernt auch besser, das ist erwiesen.
Beobachter: Was sagen Ihre Lehrerkollegen?
Keller: Es sind nicht alle begeistert. Aber die Schulleitung steht hinter mir.
Der 50-Jährige findet, dass oft die falschen Leute Lehrer werden. Schon in der Ausbildung scheiterten viele, und die Aussteigerquote sei bereits nach wenigen Berufsjahren sehr hoch. Keller hat eine Erklärung dafür: «Viele unsichere Personen, insbesondere auch Frauen, die nach der Matur nicht wissen, was sie wollen, machen dann einfach die Lehrerausbildung. Obwohl sie nicht gern vor Leuten sprechen und wenig Selbstvertrauen haben.»

Das bestätigen Fachleute. «Bis zu 40 Prozent der Lehramtsabsolventen sind für den Lehrerberuf eigentlich ungeeignet», sagt Norbert Seibert, Professor für Schulpädagogik an der deutschen Universität Passau. Oft fehle die Motivation für den Beruf, die Noten reichten nicht für ein Medizinstudium, und aus Verlegenheit werde man dann halt Lehrer. Keine gute Voraussetzung für den anspruchsvollen Job.

Beobachter: Sie haben also die Ufzgi abgeschafft. Und seit kurzem auch noch die Noten. Warum?
Keller: Die Kinder konnten selbst entscheiden, ob sie ihre Prüfungen benotet haben wollen oder nicht. Zeugnisnoten gibt es natürlich noch, das ist laut Gesetz Pflicht. Die Hälfte der Klasse hat sich gegen Prüfungsnoten entschieden.
Beobachter: Wie bewerten Sie denn diese Kinder?
Keller: Damit habe ich mir ein Ei gelegt. Das System ist einfach – aber aufwendiger, als die erreichten Punkte auf eine Notenskala zu übertragen. Jedes Kind, das keine Noten möchte, setzt sich zu Beginn des Semesters in jedem Fach eine Zielnote. Wenn es diese in einem Test übertrifft, erhält es einen blauen Punkt. Ein Ergebnis im Bereich der Zielnote ergibt einen grünen Punkt, ein schlechteres einen orangefarbenen oder einen roten. Das Kind weiss also sofort, ob es auf Kurs ist. Wer sich als Ziel eine 5 setzt und stets besser ist, erhält immer Blau. Wer sich eine 6 setzt und immer nur eine 5–6 schreibt, erhält Orange. Das 5er-Kind hat also im sozialen Vergleich plötzlich die «bessere» Note als das 6er-Kind.
Beobachter: Das funktioniert?
Keller: Ja, bisher schon. Die Kinder sind sehr motiviert und können sich gut einschätzen.
Beobachter: Klappt das nur, weil im Quartier fast keine bildungsfernen Eltern leben?
Keller: Ich denke nicht. Es gibt andere Schulen, auch in sozial durchmischten Gegenden, die nach demselben Prinzip arbeiten und Prüfungsnoten schon lange abgeschafft haben.
Sebastian Keller kleidet sich in der Freizeit lässig, Streifenpulli und Jeans, markanter Schmuck. Doch zum Unterricht erscheint er immer in Hemd und Jackett. «Ich bin Vorbild. Birkenstöcke und Schlabberlook gehen gar nicht.» Es gehe um Respekt, gegenseitigen.
Beobachter: Wie unterrichten Sie?
Keller: Ganz wichtig: Als Lehrer darf ich nie der Kollege sein. Ich bin eine Respektsperson, ein Experte.
Beobachter: Anbiedern ist tabu?
Keller: Ja, das ist furchtbar. Ich muss den Stoff beherrschen, alles beantworten können – nicht der Kumpel sein. Mich interessieren die neugierigen Kinder, die dauernd Fragen stellen.
Beobachter: Und die anderen?
Keller: Die schaffen es ohnehin. In unserem Schulsystem wird viel zu stark auf Gleichmacherei gesetzt. Es ist richtig, dass alle eine Chance haben sollen. Für mich ist aber die Frage: auf welchem schulischen Niveau? Es hat schlicht nicht jeder die gleichen geistigen Voraussetzungen. Man sollte die Kinder bereits nach der dritten Klasse in Stärkeklassen einteilen, wie das nach der Primarschule mit Gymnasium und Sekundarschule auch passiert.
Beobachter: Warum eine so frühe Selektion?
Keller: Alle Kinder sollen nach ihren Fähigkeiten und Talenten gefördert werden – auch die besten. Doch gerade die kommen trotz sogenannter Begabtenförderung viel zu kurz. Auch ich kann ihnen keinen adäquaten Unterricht bieten. Ich bemühe mich zwar, immer Stoff bereitzuhaben, der auch diese Kinder herausfordert. Einfacher wäre es natürlich, ich müsste den Unterricht nicht für fünf verschiedene Niveaus vorbereiten. Ich behaupte, bei der integrierten Schule kommen am Schluss alle zu kurz. Kein Lehrer kann leisten, was sich Bildungsbürokraten am Schreibtisch ausgedacht haben.

Keller sieht als Hauptgrund für das Scheitern vieler Lehrpersonen, dass sie «viel zu früh in den Job einsteigen». Nach der Matur gleich die Bachelorausbildung zum Primarlehrer, und mit 22 steht man vor der ersten Klasse. Wie soll so eine junge Person das Rückgrat haben, Eltern Paroli zu bieten? «Eigentlich sollte man erst ab 40 Lehrer werden dürfen», meint Keller. Dann habe man schon anderswo Berufserfahrung aufgebaut, Lebensweisheit und Selbstsicherheit. «Man ist weniger schnell ausgebrannt und überlastet. Und man kommt auch mit schwierigen Schülern besser zurecht.»

* Name geändert


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