Das Bekenntnis zur Integrativen Schule, bei
dem möglichst alle Kinder in normalen Klassen unterrichtet werden sollen,
verursacht viele Verlierer. Lehrer erzählen von Klassen mit Kindern, die kurz
zuvor noch in einem Flüchtlingslager waren und kein Wort Deutsch sprechen; von
Schülern, die keinen Moment still sitzen können, noch in die Hosen machen oder
aufgrund einer geistigen Behinderung rund um die Uhr Betreuung brauchen.
Während sich viele Kantone diesbezüglich einen grösseren Spielraum herausnehmen
und einen guten Teil der Klein- und Einführungsklassen beibehalten haben, in
denen sich solche Kinder in geschütztem Rahmen gemächlicher entwickeln können,
hat Basel diese abgeschafft. Dagegen erhebt sich Widerstand. Die heutige Schule
bestehe aus einer grossen, schillernden Vielfalt an Kindern. Gerade jetzt eine
Schulreform mit Integration um jeden Preis durchsetzen zu wollen, kommt gemäss
der Meinung von Primarlehrer und EVP-Mitglied Philipp Ponacz zu einem
schwierigen Zeitpunkt. Denn unter dieser Heterogenität an Kindern seien stets
solche, die das Angebot einer Einführungsklasse dringend nötig hätten.
Die Streichung von Klein- und Einführungsklassen hat zur Folge,
dass Kinder in Klassen stigmatisiert und ausgegrenzt werden und das Schulsystem
heillos überfordert ist. Die Sachkommission in Riehen wollte nun die
Einführungsklassen, also die Möglichkeit, die erste Klasse in zwei Jahren zu
absolvieren, wieder einführen.
Kinder mit Kulturschock und Hyperaktivität, Basler Zeitung, 16.11. von Franziska Laur
Gefühl,
nicht zu genügen
Ponacz, der im Schulhaus Niederholz unterrichtet, ist es ein grosses
Anliegen, dass die Kinder einen guten Übertritt vom Kindergarten in die
Primarschule haben. «Die Einschulung ist zentral für den Lernerfolg, für das
Selbstvertrauen und die Motivation.» Heute würden die Kinder kurz nach der
Einschulung abgeklärt. Einzelne erleben, dass sie nicht genügen und daher Hilfe
bräuchten. Dies schlage auf das Selbstbewusstsein. «Kinder brauchen einen
erfreulichen Schulstart», sagt er.
Der Antrag der Sachkommission auf eine Einführungsklasse für
Riehen ist im Einwohnerrat allerdings gescheitert. Die Gegner argumentierten
unter anderem, dass dies übergeordnetes Recht verletze – darauf beruft
sich auch stets das Basler Erziehungsdepartement mit Christoph Eymann an der
Spitze. Allerdings zeigt der laufende politische Prozess mit verschiedenen
Vorstössen, dass Einführungs- wie auch Kleinklassen dringend gebraucht werden.
Wie die Riehener Zeitung am 4. November schrieb, habe sich im
Einwohnerrat Patrick Huber (Fraktion CVP/GLP) zwar gegen den Antrag der
Sachkommission gewandt, auf das kommende Schuljahr wieder eine
Einführungsklasse zu schaffen. Stattdessen empfahl er, den Antrag der EVP
anzunehmen, wonach ab Schuljahr 2018/2019 eine «Erfahrungsschule» einzuführen
sei für Kinder, die aufgrund ihres Alters oder Entwicklungsverzögerungen noch
nicht schulreif seien. Der Einwohnerrat beschloss, dass ein entsprechendes
Konzept bis Juni 2017 zu präsentieren sei.
Anpassungen
an heutige Zeit
«Es spielt ja keine Rolle, ob es Einführungs- oder
Erfahrungsschule heisst», sagt Ponacz. Wichtig sei für ihn lediglich, dass es
eine Schule gebe, die den Kindern mehr Zeit für ihre Entwicklung lasse. Mit der
Vielfalt der Herausforderungen stossen alle Beteiligten langsam an ihre
Grenzen. Es brauche Anpassungen an die heutige Zeit.
Da die Schule Riehen teilautonom funktioniert und ihr Lehrpersonal
selber berappt, steht es ihr frei, eine solche Erfahrungsschule auch
einzuführen. Doch beim Thema Integration sind die Meinungen gespalten, auch
unter den Riehener Sozialdemokraten, die an und für sich Befürworter der
Integrativen Schule sind.
SP-Mitglied Sasha Mazzotti hat im Einwohnerrat für die
Wiedereinführung der Einführungsklassen plädiert. Dieses Konzept funktioniere
immer noch bestens, argumentiert sie. Und sie stellt auch die rechtliche
Verbindlichkeit der Abschaffung von Einführungsklassen infrage: «Wie andere
Kantone beweisen, welche die Einführungsklassen beibehalten haben, ist es
durchaus mit dem Gesetz der Integration vereinbar.» Das Ziel sei ja, die Kinder
nach der zweijährigen Einführungsklasse in den regulären Schulbetrieb zu
integrieren.
Einführungsklassen seien wichtig und nötig, da mit der
schrittweisen Senkung des Einschulungsalters aufgrund von Harmos immer jüngere
Kinder vom Kindergarten in die Primarschule übertreten würden. Parallel dazu finde
wegen der Schulreform eine starke Einschränkung der möglichen Klassenrepetition
statt. «Ohne das Angebot der Einführungsklassen haben vorwiegend jüngere
Schüler kaum mehr die Möglichkeit, eine Entwicklungsverzögerung aufzuholen»,
sagt Mazzotti.
Natürlich gebe es Fördermassnahmen für betroffene Schüler. Doch
das bedeute, dass sie anstelle von genügend Zeit, einen patchworkartigen
Stundenplan verpasst bekommen, bei welchem sie ständig Lerngruppen und
Bezugspersonen wechseln müssten.» Sie sagt deutsch und deutlich: «Wir haben in
Riehen eine Chance verpasst.» Nun hofft sie, dass bald ein passendes Konzept
erarbeitet wird.
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