Als die Erst- und Zweitklässler vor den Sommerferien ihr Zeugnis
entgegennahmen, fanden sie darin zum ersten Mal nur noch ganze Noten, die
abbilden sollen, wie gut sie die geforderten Kompetenzen erfüllen.
Viereinhalber etwa, deren sich Lehrerinnen und Lehrer gerne bedienen, um das
Mittelmass zu bezeichnen, fanden sich keine darin. Statt sechs Noten genügten
aber auch nur vier, meint Florian Sauer, Abteilungsleiter Schulen der Stadt St.
Gallen: die Noten 3, 4, 5 und 6.
St. Galler Lehrer müssen ohne Viereinhalber auskommen, Tages Anzeiger, 21.9. von Janine Hosp
Wie viele Noten brauchen Lehrkräfte, um die Leistungen ihrer
Schülerinnen und Schüler möglichst treffend auszudrücken? Brauchen sie dafür
elf wie heute? Sechs ganze Noten und fünf Halbe? Oder genügen auch sechs oder
gar nur vier? Seit Frühling wird im Kanton St. Gallen hitzig über die Benotung
diskutiert. Damals schickte der Erziehungsrat einen Entwurf in die
Vernehmlassung, in dem er aufzeigte, wie er die heutige Beurteilungspraxis
aktualisieren will. Er beabsichtigte nichts weniger, als die Noten 1 und 2 ganz
abzuschaffen. Zudem wollte er der Lehrerschaft vorschreiben, dass sie künftig
ganze und halbe Noten vergeben muss. Damit würde eine St. Galler Eigenheit
aufgegeben. Der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren
ist jedenfalls kein anderer Kanton bekannt, in dem Lehrer nur ganze Noten vergeben.
Benotung ad absurdum geführt
Das zweite Ansinnen des Erziehungsrats bringt die Stadt St. Gallen in
eine schwierige Situation. Sie hat als einzige Gemeinde im Kanton von der
Möglichkeit Gebrauch gemacht, nur noch ganze Noten zu erteilen, wie die
«Ostschweiz am Sonntag schreibt». Sie hat dies von langer Hand geplant und
hörte erst im Februar von den Plänen des Erziehungsrats – dann, als schon alles
aufgegleist war.
Müsste sie wieder halbe Noten einführen, so sagt Abteilungsleiter
Florian Sauer, würde in der Stadt eine innovative Entwicklung gestoppt: Statt
dass die Lehrerinnen und Lehrer am Ende eines Semesters die Prüfungsnoten
zusammenzählen und daraus eine Zeugnisnote formen, sollen sie beurteilen, wie
gut ihre Schülerinnen und Schüler eine geforderte Kompetenz erfüllen – so wie
es das Gesetz vorschreibt. Und dafür genügen vier Noten vollends: Lernziel
noch nicht erreicht (Note 3), Lernziel knapp erreicht (Note 4), Lernziel gut
erreicht (Note 5) und Lernziel übertroffen (Note 6).
Nach Ansicht von Florian Sauer ist es kaum möglich, Kompetenzen
detaillierter einzuschätzen. Eine Elferskala mit Halbnoten wie heute wäre
ungeeignet. «Sie gäbe nur eine Scheingenauigkeit vor», sagt er. Sie erweckte
den Anschein, als würde eine Kompetenz ganz genau bemessen, dabei wisse man,
dass dies gar nicht möglich sei. «Es geht doch darum, dem Schüler eine
Rückmeldung zu geben, ihm aufzuzeigen, wo er steht und wie er sich verbessern
kann.» Sonst würden die Schüler nur noch Noten berechnen, statt sich zu
überlegen, wie sie sich die fehlenden Kompetenzen aneignen könnten. Nach
Ansicht der Stadt sollten deshalb nicht wieder halbe Noten eingeführt werden
müssen. Vielmehr müssten die übrigen Gemeinden die halben Noten ebenfalls
abschaffen, wenn sie wirklich die Kompetenzen beurteilen wollten.
Beim Kanton jedoch ist man ganz anderer Meinung als in der Stadt. «Es
braucht halbe Noten. Die Spannbreite zwischen den ganzen Noten ist zu gross»,
sagt Alexander Kummer, Leiter des kantonalen Amts für Volksschule. Seiner
Ansicht nach können Lehrerinnen und Lehrer durchaus beurteilen, ob eine
Leistung einem Vierer oder einem Viereinhalber entspricht. Das sei ein Ermessensentscheid.
Die Idee, nur ganze Noten zu vergeben, hat jedenfalls noch keine andere St.
Galler Gemeinde überzeugt.
Dass der Kanton die Zahl der möglichen Noten gleich so radikal senkt,
wie dies die Stadt vorgespurt hat, ist unwahrscheinlich. Erst kürzlich hat der Erziehungsrat
beschlossen, die Noten 1 und 2 vorerst doch beizubehalten; es zeichnet sich ab,
dass es im Kantonsparlament im Frühling zu einer eingehenden Bildungsdebatte
kommen wird. Dann legt Bildungsdirektor Stefan Kölliker (SVP) dar, wie er eine
Motion seiner Partei zur Schülerbeurteilung umsetzen will.
Zurück zu halben Noten?
Die SVP-Fraktion befürchtet, dass mit Einführung des Lehrplans 21 Noten einmal
ganz durch Worte ersetzt werden könnten, und will im Volksschulgesetz
sicherheitshalber verankert haben, dass dies nicht geschieht. An dieser Debatte
wird sich auch zeigen, wie die Politik zum heutigen Notenspektrum steht. So ist
es durchaus möglich, dass die Stadt St. Gallen die halben Noten bereits im
Sommer 2017 wieder einführen muss.
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