22. September 2016

Stadt St. Gallen verzichtet auf halbe Noten

Als die Erst- und Zweitklässler vor den Sommerferien ihr Zeugnis entgegennahmen, fanden sie darin zum ersten Mal nur noch ganze Noten, die abbilden sollen, wie gut sie die geforderten Kompetenzen erfüllen. Viereinhalber etwa, deren sich Lehrerinnen und Lehrer gerne bedienen, um das Mittelmass zu bezeichnen, fanden sich keine darin. Statt sechs Noten genügten aber auch nur vier, meint Florian Sauer, Abteilungsleiter Schulen der Stadt St. Gallen: die Noten 3, 4, 5 und 6.
St. Galler Lehrer müssen ohne Viereinhalber auskommen, Tages Anzeiger, 21.9. von Janine Hosp


Wie viele Noten brauchen Lehrkräfte, um die Leistungen ihrer Schülerinnen und Schüler möglichst treffend auszudrücken? Brauchen sie dafür elf wie heute? Sechs ganze Noten und fünf Halbe? Oder genügen auch sechs oder gar nur vier? Seit Frühling wird im Kanton St. Gallen hitzig über die Benotung diskutiert. Damals schickte der Erziehungsrat einen Entwurf in die Vernehmlassung, in dem er aufzeigte, wie er die heutige Beurteilungspraxis aktualisieren will. Er beabsichtigte nichts weniger, als die Noten 1 und 2 ganz abzuschaffen. Zudem wollte er der Lehrerschaft vorschreiben, dass sie künftig ganze und halbe Noten vergeben muss. Damit würde eine St. Galler Eigenheit aufgegeben. Der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren ist jedenfalls kein anderer Kanton bekannt, in dem Lehrer nur ganze Noten ver­geben.

Benotung ad absurdum geführt
Das zweite Ansinnen des Erziehungsrats bringt die Stadt St. Gallen in eine ­schwierige Situation. Sie hat als einzige Gemeinde im Kanton von der Möglichkeit Gebrauch gemacht, nur noch ganze Noten zu erteilen, wie die «Ostschweiz am Sonntag schreibt». Sie hat dies von langer Hand geplant und hörte erst im Februar von den Plänen des Erziehungsrats – dann, als schon alles aufgegleist war.

Müsste sie wieder halbe Noten einführen, so sagt Abteilungsleiter Florian Sauer, würde in der Stadt eine innovative Entwicklung gestoppt: Statt dass die Lehrerinnen und Lehrer am Ende eines Semesters die Prüfungsnoten zusammenzählen und daraus eine Zeugnisnote formen, sollen sie beurteilen, wie gut ihre Schülerinnen und Schüler eine ­geforderte Kompetenz erfüllen – so wie es das Gesetz vorschreibt. Und dafür ­genügen vier Noten vollends: Lernziel noch nicht erreicht (Note 3), Lernziel knapp erreicht (Note 4), Lernziel gut erreicht (Note 5) und Lernziel übertroffen (Note 6).

Nach Ansicht von Florian Sauer ist es kaum möglich, Kompetenzen detaillierter einzuschätzen. Eine Elferskala mit Halbnoten wie heute wäre ungeeignet. «Sie gäbe nur eine Scheingenauigkeit vor», sagt er. Sie erweckte den Anschein, als würde eine Kompetenz ganz genau bemessen, dabei wisse man, dass dies gar nicht möglich sei. «Es geht doch darum, dem Schüler eine Rückmeldung zu geben, ihm aufzuzeigen, wo er steht und wie er sich verbessern kann.» Sonst würden die Schüler nur noch Noten ­berechnen, statt sich zu überlegen, wie sie sich die fehlenden Kompetenzen ­aneignen könnten. Nach Ansicht der Stadt sollten deshalb nicht wieder halbe Noten eingeführt werden müssen. Vielmehr müssten die übrigen Gemeinden die halben Noten ebenfalls abschaffen, wenn sie wirklich die Kompetenzen beurteilen wollten.

Beim Kanton jedoch ist man ganz anderer Meinung als in der Stadt. «Es braucht halbe Noten. Die Spannbreite zwischen den ganzen Noten ist zu gross», sagt Alexander Kummer, Leiter des kantonalen Amts für Volksschule. Seiner Ansicht nach können Lehrerinnen und Lehrer durchaus beurteilen, ob eine Leistung einem Vierer oder einem Viereinhalber entspricht. Das sei ein ­Ermessensentscheid. Die Idee, nur ganze Noten zu vergeben, hat jedenfalls noch keine andere St. Galler Gemeinde überzeugt.

Dass der Kanton die Zahl der möglichen Noten gleich so radikal senkt, wie dies die Stadt vorgespurt hat, ist unwahrscheinlich. Erst kürzlich hat der ­Erziehungsrat beschlossen, die Noten 1 und 2 vorerst doch beizubehalten; es zeichnet sich ab, dass es im Kantons­parlament im Frühling zu einer ein­gehenden Bildungsdebatte kommen wird. Dann legt Bildungsdirektor Stefan ­Kölliker (SVP) dar, wie er eine Motion seiner Partei zur Schülerbeurteilung umsetzen will.

Zurück zu halben Noten?
Die SVP-Fraktion befürchtet, dass mit Einführung des Lehrplans 21 Noten ­einmal ganz durch Worte ersetzt werden könnten, und will im Volksschul­gesetz sicherheitshalber verankert haben, dass dies nicht geschieht. An dieser Debatte wird sich auch zeigen, wie die Politik zum heutigen Notenspektrum steht. So ist es durchaus möglich, dass die Stadt St. Gallen die halben Noten bereits im Sommer 2017 wieder einführen muss.



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