16. September 2016

Basel-Stadt als Lehrplan-21-Turbo

Montag, 8 Uhr im Theobald-Baerwart-Schulhaus am Kleinbasler Rheinufer. Das altehrwürdige Gebäude strahlt Beständigkeit aus. Doch traditionell ist an diesem Schulhaus nur die Fassade. Hinter den dicken Mauern manifestiert sich der Albtraum vieler konservativer Bildungspolitiker im Land: Statt in einem Klassenzimmer nehmen die Sekundarschüler an ihren Einzeltischchen mit Sichtschutz Platz, wo sie für die nächste Stunde selbstständig an ihren Wochenaufgaben arbeiten werden – «Lernatelier» nennt sich diese neue Form des Unterrichts. Hinten im Raum sitzt ein Lehrer, der unterstützt, wo nötig.
Die Schule brennt: So unterschiedlich streiten Kantone über Lehrplan 21, Aargauer Zeitung, 14.9. von Florian Blumer


Um die Schule der Zukunft tobt ein politischer Streit. Im Zentrum der Debatten steht der Lehrplan – eigentlich ein Planungsinstrument für Lehrpersonen, das bislang eine Angelegenheit von Bildungsräten und Kantonsregierungen war. Nun wird in Kantonsparlamenten darüber debattiert und in der Öffentlichkeit im Rahmen von Abstimmungskämpfen darüber gestritten.

Startpunkt für die Auseinandersetzung war ausgerechnet ein unumstrittener Volksentscheid: Am 21. Mai 2006 beschloss das Schweizer Stimmvolk mit 85 Prozent Ja-Stimmen, den Schulunterricht zu harmonisieren. In der Folge erarbeitete die Deutschschweizer Erziehungsdirektorenkonferenz in Zusammenarbeit mit Lehrpersonen und Bildungsexperten einen einheitlichen Lehrplan für alle deutschsprachigen Schulen: den Lehrplan 21.
UMFRAGE
Formularende
Wissensvermittlung aufgegeben?
Einer der Hauptkritikpunkte der Gegner: Dem Lehrplan 21 liege ein konstruktivistisches Weltbild zugrunde. Damit gemeint ist, dass Schüler künftig ihre Lernprozesse weitgehend selber steuern sollen und die Lehrer zu Lernbegleitern degradiert würden. Mit dem Konzept der «Kompetenzorientierung» werde zudem die Wissensvermittlung in der Schule aufgegeben. Die SVP erstellte bereits 2010 unter Federführung von Ulrich Schlüer, damals Nationalrat, einen eigenen, alternativen Lehrplan. 2014, nach Beendigung der Vernehmlassung zum Lehrplan 21, forderte sie einen «Übungsabbruch». Entsprechend kämpfen nun lokale SVP-Politiker an vorderster Front gegen den Lehrplan an, meist im Verbund mit Bürgerinitiativen von Lehrern und Eltern.
Während im Rest der Schweiz über den Lehrplan 21 gestritten wird, unterrichten die Lehrerinnen und Lehrer in Basel-Stadt bereits seit einem Jahr damit. Gaby Hintermann ist Lehrerin am Theobald-Baerwart-Schulhaus und als Präsidentin der Kantonalen Schulkonferenz Vertreterin der Lehrpersonen Basels. Sie sagt: «Es herrscht keine grosse Euphorie, es gibt aber auch keinen grossen Widerstand.» Natürlich sei an einem so grossen Wurf nie alles gut, so sei er sehr «schwurblig» geschrieben und sehr kleinteilig. Aber sie könne ihn lesen – schliesslich sei er ein Arbeitsinstrument, das für Fachpersonen geschrieben sei. Genau deshalb eigne er sich in dieser Form auch nicht für die öffentliche Diskussion.

Konventioneller Unterricht
Die Lehrerin beklagt, dass die öffentliche Diskussion von vielen Missverständnissen geprägt sei. So würden sie die Kompetenzziele zwar dazu verpflichten, sich Wege zu überlegen, wie die Schülerinnen ihr Wissen anwenden können. Selbstverständlich bleibe aber die Wissensvermittlung ein zentraler Bestandteil ihres Unterrichts: «Alles andere wäre gegen meine Berufsehre.» Und der Lehrplan sei ein Kompass und keine To-doListe, auf der man jeden Punkt abhaken müsse: «Er lässt einem sogar mehr Freiheiten als der alte.»

Und Hintermann stellt klar: Das Lernatelier, das bei ihnen ein Viertel des Unterrichts ausmacht, sei keine Vorgabe des Lehrplans 21: «Viele anderen Schulen in Basel-Stadt haben weiterhin einen konventionellen Unterricht, und das passt auch.» Dass sich die Basler Lehrpersonen gegen die Einführung kaum wehrten, führt sie vor allem darauf zurück, dass ihre Anliegen von der Erziehungsdirektion angehört wurden und auch vieles in die Überarbeitung des Lehrplans einfloss – darunter die Gewährung einer sechsjährigen Übergangsfrist, bis er vollständig umgesetzt sein muss.

Alles halb so wild also? SVP-Nationalrat und Bildungspolitiker Peter Keller ist einer der Kritiker des Lehrplans 21. Dass er einen «konstruktivistischen Ansatz» verfolge, sei nicht sein Hauptargument. Für ihn ist der Lehrplan 21 «eine Riesenübung, die viel Geld kostet und mit der die Lehrer geplagt werden.» Und er sei nicht praxistauglich – weshalb er auch hoffe, dass sich am Ende auch mit dessen Einführung nicht viel ändern werde.

Gelassener sieht es sein Parteikollege Felix Müri, Präsident der Bildungskommission des Nationalrats. Er meint: «Am Lehrplan ist nicht alles falsch.» Vielleicht 80 Prozent seien gut, 20 Prozent schlecht. Ihn deshalb ganz zu kippen, fände er falsch. Zu den kantonalen Initiativen meint er: «Man ist letztlich frei, Abstimmungen zu machen. Ich persönlich bevorzuge es, wenn man Lösungen auf anderem Weg findet.» Er halte die Bildung nicht für ein geeignetes Thema, «um parteipolitischen Wirbel» zu machen. Die Opposition in den Kantonen hält er dennoch für gerechtfertigt: «Manchmal muss man halt ein bisschen auf die Pauke hauen, um etwas zu erreichen. Die Bereitschaft, Anpassungen zu machen, kam erst mit den kantonalen Referenden.»

Gschpürschmi-Pädagogik
Wie sehr der Streit um die Schulinhalte eben doch genutzt wird, um politischen Wirbel zu machen, zeigt die Tonlage, in welcher die Debatte oft geführt wird. Bereits 2010, als die Arbeiten zum Lehrplan 21 begannen, legte die SVP unter Federführung des damaligen Nationalrats Ulrich Schlüer einen eigenen Lehrplan als Gegenentwurf vor und verunglimpfte darin die aktuelle Schule als «Vergnügungszentrum». Danach gefragt, warum die Schule in den letzten Jahren für die SVP plötzlich ein derart wichtiges Thema geworden sei, sagt Peter Keller, sie sei «viel zu lange ein Sandkasten der Linken» gewesen, weshalb eine «Gschpürschmi-Pädagogik» Einzug gehalten habe.
Matthias Aebischer, Nationalrat und Bildungspolitiker der SP, widerspricht Keller vehement. Auch er ist ehemaliger Lehrer und Vater dreier schulpflichtiger Kinder. Er meint, dass heute mehr Wert auf Sozialkompetenzen gelegt werde und die Anwendung des Wissens einen höheren Stellenwert habe, sei richtig. «Meine Beobachtung ist aber, dass sich über die Jahre gar nicht viel geändert hat. Auch der Lehrplan 21 wird daran kaum etwas ändern.» Grundsätzlich ist er überzeugt: «Die Politik hat auf den Schulalltag sowieso keinen entscheidenden Einfluss.»

Im Theobald-Baerwart-Schulhaus nähert sich die Mittagspause. Im Mathematikunterricht beendet die Lehrerin ihre Erklärungen zu den Rechenaufgaben, im Lernatelier beginnen die Schüler, ihre Sachen zusammenzupacken. Die Politik scheint hier Welten weit weg. Auch Gaby Hintermann freut sich auf die Mittagspause. Und meint zum Schluss: «Die Diskussionen um den Lehrplan hin oder her – wie gut der Unterricht ist, hängt letztlich immer noch von der Lehrperson ab.»


1 Kommentar:

  1. Ein seltsamer Artikel. Wie gross muss die Panik im Lager der Lehrplan-Befürworter sein, wenn man jetzt sogar SVP-Müri vor den Karren spannen muss?

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