Montag, 8 Uhr im Theobald-Baerwart-Schulhaus am
Kleinbasler Rheinufer. Das altehrwürdige Gebäude strahlt Beständigkeit aus.
Doch traditionell ist an diesem Schulhaus nur die Fassade. Hinter den dicken
Mauern manifestiert sich der Albtraum vieler konservativer Bildungspolitiker im
Land: Statt in einem Klassenzimmer nehmen die Sekundarschüler an ihren
Einzeltischchen mit Sichtschutz Platz, wo sie für die nächste Stunde
selbstständig an ihren Wochenaufgaben arbeiten werden – «Lernatelier» nennt
sich diese neue Form des Unterrichts. Hinten im Raum sitzt ein Lehrer, der
unterstützt, wo nötig.
Die Schule brennt: So unterschiedlich streiten Kantone über Lehrplan 21, Aargauer Zeitung, 14.9. von Florian Blumer
Um die Schule der Zukunft tobt ein politischer
Streit. Im Zentrum der Debatten steht der Lehrplan – eigentlich ein
Planungsinstrument für Lehrpersonen, das bislang eine Angelegenheit von
Bildungsräten und Kantonsregierungen war. Nun wird in Kantonsparlamenten
darüber debattiert und in der Öffentlichkeit im Rahmen von Abstimmungskämpfen
darüber gestritten.
Startpunkt für die Auseinandersetzung war
ausgerechnet ein unumstrittener Volksentscheid: Am 21. Mai 2006 beschloss das
Schweizer Stimmvolk mit 85 Prozent Ja-Stimmen, den Schulunterricht zu
harmonisieren. In der Folge erarbeitete die Deutschschweizer
Erziehungsdirektorenkonferenz in Zusammenarbeit mit Lehrpersonen und
Bildungsexperten einen einheitlichen Lehrplan für alle deutschsprachigen Schulen:
den Lehrplan 21.
UMFRAGE
Wissensvermittlung aufgegeben?
Einer der Hauptkritikpunkte der Gegner: Dem
Lehrplan 21 liege ein konstruktivistisches Weltbild zugrunde. Damit gemeint
ist, dass Schüler künftig ihre Lernprozesse weitgehend selber steuern sollen
und die Lehrer zu Lernbegleitern degradiert würden. Mit dem Konzept der
«Kompetenzorientierung» werde zudem die Wissensvermittlung in der Schule
aufgegeben. Die SVP erstellte bereits 2010 unter Federführung von Ulrich
Schlüer, damals Nationalrat, einen eigenen, alternativen Lehrplan. 2014, nach
Beendigung der Vernehmlassung zum Lehrplan 21, forderte sie einen
«Übungsabbruch». Entsprechend kämpfen nun lokale SVP-Politiker an vorderster
Front gegen den Lehrplan an, meist im Verbund mit Bürgerinitiativen von Lehrern
und Eltern.
Während im Rest der Schweiz über den Lehrplan 21
gestritten wird, unterrichten die Lehrerinnen und Lehrer in Basel-Stadt bereits
seit einem Jahr damit. Gaby Hintermann ist Lehrerin am
Theobald-Baerwart-Schulhaus und als Präsidentin der Kantonalen Schulkonferenz
Vertreterin der Lehrpersonen Basels. Sie sagt: «Es herrscht keine grosse
Euphorie, es gibt aber auch keinen grossen Widerstand.» Natürlich sei an einem
so grossen Wurf nie alles gut, so sei er sehr «schwurblig» geschrieben und sehr
kleinteilig. Aber sie könne ihn lesen – schliesslich sei er ein
Arbeitsinstrument, das für Fachpersonen geschrieben sei. Genau deshalb eigne er
sich in dieser Form auch nicht für die öffentliche Diskussion.
Konventioneller Unterricht
Die Lehrerin beklagt, dass die öffentliche
Diskussion von vielen Missverständnissen geprägt sei. So würden sie die
Kompetenzziele zwar dazu verpflichten, sich Wege zu überlegen, wie die
Schülerinnen ihr Wissen anwenden können. Selbstverständlich bleibe aber die
Wissensvermittlung ein zentraler Bestandteil ihres Unterrichts: «Alles andere
wäre gegen meine Berufsehre.» Und der Lehrplan sei ein Kompass und keine To-doListe,
auf der man jeden Punkt abhaken müsse: «Er lässt einem sogar mehr Freiheiten
als der alte.»
Und Hintermann stellt klar: Das Lernatelier, das
bei ihnen ein Viertel des Unterrichts ausmacht, sei keine Vorgabe des Lehrplans
21: «Viele anderen Schulen in Basel-Stadt haben weiterhin einen konventionellen
Unterricht, und das passt auch.» Dass sich die Basler Lehrpersonen gegen die
Einführung kaum wehrten, führt sie vor allem darauf zurück, dass ihre Anliegen
von der Erziehungsdirektion angehört wurden und auch vieles in die
Überarbeitung des Lehrplans einfloss – darunter die Gewährung einer
sechsjährigen Übergangsfrist, bis er vollständig umgesetzt sein muss.
Alles halb so wild also? SVP-Nationalrat und
Bildungspolitiker Peter Keller ist einer der Kritiker des Lehrplans 21. Dass er
einen «konstruktivistischen Ansatz» verfolge, sei nicht sein Hauptargument. Für
ihn ist der Lehrplan 21 «eine Riesenübung, die viel Geld kostet und mit der die
Lehrer geplagt werden.» Und er sei nicht praxistauglich – weshalb er auch
hoffe, dass sich am Ende auch mit dessen Einführung nicht viel ändern werde.
Gelassener sieht es sein Parteikollege Felix Müri,
Präsident der Bildungskommission des Nationalrats. Er meint: «Am Lehrplan ist
nicht alles falsch.» Vielleicht 80 Prozent seien gut, 20 Prozent schlecht. Ihn
deshalb ganz zu kippen, fände er falsch. Zu den kantonalen Initiativen meint
er: «Man ist letztlich frei, Abstimmungen zu machen. Ich persönlich bevorzuge
es, wenn man Lösungen auf anderem Weg findet.» Er halte die Bildung nicht für
ein geeignetes Thema, «um parteipolitischen Wirbel» zu machen. Die Opposition
in den Kantonen hält er dennoch für gerechtfertigt: «Manchmal muss man halt ein
bisschen auf die Pauke hauen, um etwas zu erreichen. Die Bereitschaft,
Anpassungen zu machen, kam erst mit den kantonalen Referenden.»
Gschpürschmi-Pädagogik
Wie sehr der Streit um die Schulinhalte eben doch
genutzt wird, um politischen Wirbel zu machen, zeigt die Tonlage, in welcher
die Debatte oft geführt wird. Bereits 2010, als die Arbeiten zum Lehrplan 21
begannen, legte die SVP unter Federführung des damaligen Nationalrats Ulrich
Schlüer einen eigenen Lehrplan als Gegenentwurf vor und verunglimpfte darin die
aktuelle Schule als «Vergnügungszentrum». Danach gefragt, warum die Schule in den
letzten Jahren für die SVP plötzlich ein derart wichtiges Thema geworden sei,
sagt Peter Keller, sie sei «viel zu lange ein Sandkasten der Linken» gewesen,
weshalb eine «Gschpürschmi-Pädagogik» Einzug gehalten habe.
Matthias Aebischer, Nationalrat und Bildungspolitiker
der SP, widerspricht Keller vehement. Auch er ist ehemaliger Lehrer und Vater
dreier schulpflichtiger Kinder. Er meint, dass heute mehr Wert auf
Sozialkompetenzen gelegt werde und die Anwendung des Wissens einen höheren
Stellenwert habe, sei richtig. «Meine Beobachtung ist aber, dass sich über die
Jahre gar nicht viel geändert hat. Auch der Lehrplan 21 wird daran kaum etwas
ändern.» Grundsätzlich ist er überzeugt: «Die Politik hat auf den Schulalltag
sowieso keinen entscheidenden Einfluss.»
Im Theobald-Baerwart-Schulhaus nähert sich die
Mittagspause. Im Mathematikunterricht beendet die Lehrerin ihre Erklärungen zu
den Rechenaufgaben, im Lernatelier beginnen die Schüler, ihre Sachen
zusammenzupacken. Die Politik scheint hier Welten weit weg. Auch Gaby
Hintermann freut sich auf die Mittagspause. Und meint zum Schluss: «Die
Diskussionen um den Lehrplan hin oder her – wie gut der Unterricht ist, hängt
letztlich immer noch von der Lehrperson ab.»
Ein seltsamer Artikel. Wie gross muss die Panik im Lager der Lehrplan-Befürworter sein, wenn man jetzt sogar SVP-Müri vor den Karren spannen muss?
AntwortenLöschen