Im
letzten Jahr wurden der Lehrplan 21 und die damit verbundenen Schulreformen in
den Medien sehr kontrovers diskutiert. Anfänglich haben sich vor allem
rechtskonservative Kreise kritisch zu den problematischen Entwicklungen um
Harmos, den Lehrplan 21 und das Frühsprachenkonzept geäussert. Mit der
Informationsbroschüre «Einspruch» haben sich gegen Ende des Jahres aber auch
namhafte linksliberale Persönlichkeiten mahnend zu Wort gemeldet[1].
Grosses Publikumsinteresse an der Veranstaltungsreihe der Ostschweizer Kinderärzte, Bild: Kinderärzte Schweiz
Geht der Lehrplan 21 uns Pädiater etwas an? Kinderärzte Schweiz 01/2016 von Jürg Barben und Arnold Bächler
Meinung der Kinderärzte ist gefragt
Im
Sommer 2014 wurde der Verein Ostschweizer Kinderärzte (VOK) von der
Bildungsdirektion des Kantons St.Gallen aufgefordert, zum neuen Schulkonzept
«Die ersten Schuljahre im Kanton St.Gallen» Stellung zu nehmen. Eine
Arbeitsgruppe mit Mitgliedern aus der VOK und dem Ostschweizer Kinderspital hat
sich daraufhin intensiv mit dem Thema «Schule und Pädiatrie» beschäftigt und
ein Positionspapier verfasst, aus dem hier einige zentrale Statements in
kursiver Schrift wiedergegeben werden.
«Kinderheilkunde, Erziehungsberatung und
Pädagogik sind seit jeher eng miteinander verbunden. Sie lassen sich nicht
trennen, weil Eltern beim Kinderarzt nicht nur medizinischen, sondern auch
pädagogischen Rat suchen. Die Grundlage dieses Vertrauensverhältnisses ist die
in vielen Fällen bis zur Geburt zurückreichende Beziehung zwischen der Familie
und ihrem Kinderarzt.»
In
einem Begleitbrief an die kantonale Bildungsdirektion haben wir die beiden
Hauptanliegen des neuen Konzeptes, das selbstorganisierte Lernen und die
Kompetenzorientierung, kritisch hinterfragt.
Selbstorganisiertes Lernen bereits ab
Schulstart?
Gestützt
auf den Lehrplan 21 sieht das neue Schulkonzept vor, dass die Kinder schon zu
Beginn ihrer Schulzeit selbstorganisiert lernen und die Lehrer sich darauf
beschränken sollen, lediglich als Lern-Coach zur Verfügung zu stehen.
«Unsere Skepsis gegenüber dem
selbstorganisierten Lernen in den ersten Schuljahren beruht auf der
neurophysiologischen Tatsache, dass die dafür erforderlichen exekutiven
Funktionen spät reifen und erst mit 20 Jahren voll ausgebildet sind.
Selbstorganisiertes Lernen im eigentlichen Sinn ist deshalb erst im höheren
Schulalter und in der Erwachsenenbildung möglich.»
In
Übereinstimmung mit der Hattie-Studie «Lernen sichtbar machen»[2; 3] halten wir
der neuen Rollenzuteilung an die Lehrer entgegen, dass vor allem die Stärkung
der Lehrer-Schülerbeziehung die Lernmotivation und die soziale Integration zu
fördern und unterschiedliche Lernvoraussetzungen auszugleichen vermag.
Kompetenzorientierung – ein Paradigmawechsel
Das
pädagogische Konzept der Kompetenzorientierung wird von namhaften pädagogischen
Experten äusserst kontrovers beurteilt, von Befürwortern wie Gegnern jedoch
übereinstimmend als Paradigmawechsel gewertet[4–9]. Da wir uns in der
kinderärztlichen Sprechstunde ständig mit Schulproblemen konfrontiert sehen,
wollten wir angesichts der angekündigten, tiefgreifenden Veränderungen im Schulbereich
nicht abseits stehen und einfach nur zuschauen und abwarten, was da auf uns
zukommt.
Reformhektik stoppen
Wird in
der Medizin ein neues Medikament eingeführt, muss dieses zuerst geprüft und
müssen dessen Wirkungen und Nebenwirkungen genau untersucht werden. Bei den
Schulreformen scheint das anders zu laufen: Da wird etwas Neues eingeführt, das
erst anschliessend evaluiert wird. Dabei dienen die Schulkinder als Probanden
in einem offenen Forschungsdesign mit unbekanntem Ausgang [16]. Um diesem Vorgehen
entgegenzuwirken, haben wir im Begleitbrief zu unserem Positionspapier ein
Moratorium der Reformaktivitäten empfohlen.
«Die Erfahrung der letzten Jahre hat gezeigt,
dass im Bildungswesen ‹Reformen von oben› regelmässig Schiffbruch erleiden,
während Initiativen im Klassenzimmer meistens rasch zum Erfolg führen. Als
Kinderärzte setzen wir unsere Erwartungen auf ‹Reformen von unten› und
plädieren deshalb für einen verstärkten Einbezug der Lehrpersonen, eine
vermehrte Vernetzung der Schule mit den Eltern und allen an der Förderung
beteiligten Fachpersonen, zu denen wir uns als Kinderärzte auch zählen. Ein
Moratorium vor der allgemeinen Einführung des Lehrplans 21 ist nicht nur aus
fachlichen, sondern auch aus politischen Gründen ratsam.»
Mit
dieser Empfehlung haben wir uns auf das Memorandum «Mehr Bildung, weniger
Reformen» bezogen, in welchem namhafte Entwicklungspädiater wie Prof. Remo
Largo und renommierte Erziehungswissenschaftler wie Prof. Walter Herzog, einen
Stopp der Reformhektik im Bildungswesen fordern[9;11–13]. Insbesondere plä-
dieren wir dafür, die kritischen Stimmen aus deutschen Schulen, in denen die
Lehrplanveränderungen schon implementiert sind, wahrzunehmen.
Öffentliche Vortragsreihe «Schule und
Pädiatrie»
Leider
haben wir bisher nicht erfahren, ob unsere kinderärztliche Sichtweise in der
weiteren Ausarbeitung des Konzeptes für die ersten Schuljahre berücksichtigt
worden ist. Da die Vorbereitungen zum Lehrplan 21 unter striktem Ausschluss der
Öffentlichkeit stattgefunden haben, bestand zu Beginn des letzten Jahres nicht
nur bei uns Pädiatern, sondern auch in weiten Teilen der Bevölkerung ein
grosses Informationsmanko. Das veranlasste uns, unter dem Patronat des VOK und
des Ostschweizer Kinderspitals eine öffentliche Vortragsreihe zum Thema «Schule
und Pädiatrie» zu lancieren.
Grosser Fundus gemeinsamer Themen
Schule
und Pädiatrie sind über viele Fragestellungen miteinander verbunden: Dazu
gehören die Forderung nach einer breiten, auch biologische Aspekte umfassenden,
Entwicklungsabklärung bei Kindern mit gravierenden Schulproblemen, die
Früherfassung von Entwicklungs- und Verhaltensstörungen, die Prävention von
Hör- und Sehstörungen, die Abklärung und Behandlung von psychosomatischen
Beschwerden bei Schulstress, die Sicherstellung von Therapiemassnahmen, die
nicht von der Schule erbracht werden können, die Prävention und Behandlung von
Übergewicht und Bewegungsmangel, sowie die ärztliche Mitarbeit zur Vermeidung
von Mobbing und Schulabsentismus. Aus dem Fundus dieser Themen liess sich ein
reichhaltiges Vortragsprogramm gestalten.
Mehr Mut zu öffentlichen Stellungnahmen
Unsere
Erwartung, mit einer öffentlichen Vortragsreihe auf grosses Interesse zu
stossen, hat sich mehr als bestätigt. Bei allen Veranstaltungen füllte sich der
grosse Hörsaal im Fachhochschulzentrum St.Gallen bis auf den letzten Platz. Der
Vortrag von Prof. Largo musste sogar in einen zweiten Hörsaal übertragen
werden. Nicht nur in Schulfragen, sondern auch bei anderen Fragen, welche die
Lebenswelt der Kinder betreffen, fehlt fast immer die Stimme der Kinderärzte.
Das grosse und anhaltende Interesse an der Vortragsreihe «Schule und Pädiatrie»
sollte uns Mut machen, die kinderärztliche Sichtweise auch in andere
gesellschaftspolitische Debatten einzubringen; nicht im Sinne einer
parteipolitischen Stellungnahme, sondern im Interesse einer sachlichen
Information.
Zitierte
Literatur erhältlich bei: juerg.barben@kispisg.ch
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