26. Januar 2016

Leistungsdruck bringt Schüler und Eltern ans Limit

Der hohe Leistungsdruck in der Sekundarschule lässt Schulrechts-Experte Peter Hofmann ein düsteres Bild zeichnen.«Wir laufen Gefahr, dass eine Generation von Kindern unter dem Leistungsdruck und überzogenen Erwartungshaltungen zusammenbricht», warnte er kürzlich.













Im Schnitt vier Prüfungen pro Woche, Bild: Colourbox
"Mein Sohn bricht regelmässig zusammen", 20 Minuten, 26.1. von B. Zanni

Hofmann legt den Finger damit auf einen wunden Punkt: Zahlreiche Leser-Feedbacks zeigen, dass die Oberstufe Schüler und Eltern ans Limit bringt. 20 Minuten hat mit Betroffenen geredet.

Keine Pause für den Kopf
«Ich habe oft Kopfschmerzen und muss Tabletten nehmen», sagt der 12-Jährige Elias Halter*, der die erste Sek in Rümlang besucht. Auch schlafe er schlecht und sei müde. «Ich muss meinen Kopf dauernd anstrengen.» Elias berichtet, es stehe fast jeden Tag eine Prüfung an. Jeden Abend müsse er lernen. «Und die Lehrer geben jeden Tag Hausaufgaben auf viele andere Tage auf», klagt er. Viel Zeit kosteten ihn die Ufzgi in Deutsch und Geschichte. «Manchmal müssen wir ganze Texte von Hand abschreiben.»

Wegen der Schule bleibt die Freizeit auf der Strecke. «Ich gehe fast nie nach draussen. Das Fussballtraining musste ich aufgeben.» Selbst in den Ferien könne er kaum ausspannen. «In der zweiten Woche muss ich dann schon wieder für Prüfungen lernen.»

«Ich habe meinem Sohn schon die Aufgaben gemacht»
Seine Mutter leidet mit. «Mein Sohn hat regelmässige Zusammenbrüche. Dann weint er nur noch», sagt sie. Er schreibe pro Woche im Schnitt vier Prüfungen. «Ich sitze mit ihm zwei bis drei Stunden an den Ufzgi, manchmal bis zehn Uhr abends – obwohl er ein durchschnittlicher Schüler ist.»

Die Mutter sagt, sie habe für ihren Sohn auch schon die Aufgaben erledigt. «Es macht doch keinen Sinn, von Hand eine zwölfseitige Zusammenfassung über ein Buch zu schreiben.» Die Schule belastet das Familienleben. Skifahren am Wochenende sei nicht möglich. «Die Freizeitaktivitäten mit der Familie sind auf ein Minimum geschrumpft.»

«Ich schlafe in der Schule fast ein»
Auch Sekschüler in höheren Klassen haben zu kämpfen. Vor allem in der Zeit vor der Zeugnisabgabe sei es sehr hektisch, sagt der 15-jährige Pascal Grob* aus Appenzell-Innerrhoden. «Letzte Woche habe ich sicher etwa 15 bis 20 Stunden für Prüfungen gelernt.» Und zweimal pro Woche sitze er bestimmt bis zehn Uhr abends an den Hausaufgaben. «Am nächsten Tag bin ich dann oft so müde, dass ich im Unterricht fast einschlafe.»

Oft stehe am Montag eine Geschichtsprüfung an. «Denke ich am Freitag daran, dass ich am Sonntag wieder üben muss, liegt mir das auf dem Magen.» Der Zweitsekschüler räumt ein, schon mehr gelitten zu haben. «Kürzlich haben Schulkameraden beim Lehrer reklamiert. Seither haben wir etwas weniger Stress.»

«Die Schüler müssen sich zuhause mehr erarbeiten»
Lehrervertreter bestätigen den erhöhten Druck in der Sek. «Die Schüler müssen sich zuhause mehr erarbeiten, weil in der Schule die Zeit knapp ist», sagt Jürg Brühlmann, Geschäftsführer des Dachverbands Schweizer Lehrerinnen und Lehrer. Dazu zählten selbständige Arbeiten wie Gruppenarbeiten, Vorträge, Projekte, schriftliche Arbeiten, Rollenspiele und Recherchen im Internet. «Im Unterricht sind andere Kompetenzen wie das Üben von Sozialkompetenz oder sinnliches Erarbeiten von Lernstoff gefragt.»

Weiter führt Brühlmann an, viele Eltern wollten ihr Kind ins Gymnasium schicken. «Jede Sek, die wenige Schüler ins Gymi bringt, gilt als schlecht.» Zudem erwarteten die Lehrmeister von den angehenden Lehrlingen immer mehr.


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