5. Januar 2015

Sexualkunde: Ein Plädoyer und ein Pamphlet

Ein Plädoyer für Sexualkunde und ein Pamphlet gegen übertourte Sexualpädagogen.



Ja, da sind sie wieder, unsere zwei alten Freunde, von denen der eine allerdings eher wie eine Freundin aussieht. Müssen die schon wieder in die Zeitung? Je länger man sie anschaut, desto komischer blicken sie zurück. Bild: Roland Schmid

Galaktischer Sex - reicht es nicht, Basler Zeitung, 5.1. von Christine Richard

Die beiden Plüschteile könnten geradewegs aus der Kantine der «Muppet Show» kommen. McBurger und ein Schübling mit nicht weiter identifizierbarer Ess-Beilage. Irgendwie niedlich und zugleich ekelhaft wirken sie; vielleicht gerade deswegen, weil sie Sex und Esslust auf obszöne Weise verbinden und erst noch aussehen, als hätten Gevatter Tod und ein Metzgermeister an ihnen gemeinsame Arbeit verrichtet, das eine Teil abhacken, das andere Teil herausschälen, lecker einfärben und ...
Ja, es reicht jetzt. Gruusig, das. Hier geht die Fantasie durch. Es ist genug. Ab in die Mottenkiste. Nie wieder vorzeigen, die beiden Puschel. Völlig unnötig. Die beiden Geschlechtsteile sind nicht mehr im Einsatz, zumindest nicht im Schulunterricht.
Wo denn sonst? Wo sind welche Geschlechtsteile im Einsatz?
So ist das: Eine sexuelle Anspielung genügt, die Neugier springt an, die Fantasie legt los. Die Neugier wächst, sie drängt, sie sucht, sie will die Leerstelle finden und füllen, sie will eindringen in das ... egal. Gustave Courbet hat es gemalt, «Der Ursprung der Welt».
Was ich damit sagen will: Sprache ist eine Spielart von Sex. Auch in der Zeitung. Erst recht erotisiert das Reden über Sex. Auch in der Schule. Sexuelle Fantasien, einmal angeregt, sind schwer zu stoppen. Sie drängen auf Entgrenzung. Auch in den Wissenschaften – und besonders in der Sexualpädagogik.
Vergesst die zwei Muppet-Puschel. Sie sind vergleichsweise harmlos. Eine Vorhut deutscher Sexualpädagogen hat sich Sex-Aufklärungsspiele der härteren Art ausgedacht.
Mach den Kondomführerschein
Im Bundesland Nordrhein-Westfalen können achtjährige Buben in der Schule den «Kondomführerschein» machen. Ein Referent von ausserhalb verteilt Silikon-Penis, Kondome, Augenbinde sowie Übungs- und Prüfungsbögen. Da werden die Eltern stolz sein, wenn ihr Büblein den Führerschein heimbringt!
In Berliner Kindergärten und Grundschulen lernten Kinder ab 5 Jahren von den beiden Hauptfiguren eines Buchs: «Wenn es so schön ist, dass es schöner nicht mehr werden kann, haben Lisa und Lars einen Orgasmus. Das ist schön kribbelig und warm in der Scheide und am Penis. Aus Lars’ Penis spritzt ...» Und so weiter.
In Niedersachsen wehren sich Elternräte gegen ein neues Mathe-Buch. Hierin ist ein Haus abgebildet, in dem zwei bisexuelle Frauen leben, die ein Kind adoptiert haben. Gibt es. Sollte ins Schulbuch. Aber als Ausnahme. In diesem Mathe-Buch jedoch ist die Normalfamilie ausgestorben.
Am weitesten hat es die Kasseler Soziologie-Professorin Elisabeth Tuider, 43, gebracht. In ihrem gleichnamigen Standardwerk plädiert sie für eine «Sexualpädagogik der Vielfalt». Nichts gegen Akzeptanz sexueller Vielfalt. Aber ihre Autoren empfehlen Übungen, die sämtliche Normen aufweichen.
Ersteigere Dildos und Aktfotos
Hier ein Beispiel, gedacht als Aufgabe für Vierzehnjährige. Und los geht es: In einem Mietshaus leben eine alleinerziehende Mutter, eine Einwanderin aus Kasachstan, zwei Lesben mit Kindern, ein schwules Paar, drei Menschen mit Behinderungen. Die Aufgabe lautet sinngemäss: Erwerbe in einer virtuellen Versteigerung einen Dildo, Kondome, Potenzmittel, Windeln, Vaginalkugeln, Latex, Aktfotos und Handschellen. Ordne die Gegenstände den unterschiedlichen Mietern zu. Lange Denkpause.
Da kommt man auch als Erwachsener ins Grübeln. Kondome für die Alleinerziehende? Handschellen für die Immigrantin? Aktfotos für die Kinder oder von ihnen? Schlimm, solche entfesselten Fantasien. Aber nur Ergebnis dieser Übung: Weil sie die Möglichkeit schafft, alles frei zu kombinieren, erregt sie eine Lust, die zuvor niemand hatte. Am besten Handschellen für Frau Tuider, damit sie nicht mehr zum Schreiben kommt? Für eine Entfesselungskünstlerin kein ernsthaftes Problem.
Problematisch ist es für die Schülerinnen und Schüler. 13-Jährige sollen über ihr «erstes Mal» berichten. Echt? Echt. Spielerisch natürlich. Die Kinder dürfen ihr «erstes Mal» in Kunst verpacken, in einen Sketch, ein Bild.
Tolle Idee. Aber «erstes Mal» – wie jetzt? Was mag unsere Lehrerin damit meinen? Mein «erstes Mal»? Um den Kindern auf die Sprünge zu helfen, dürfen sie ein Kärtchen ziehen: «Das erste Mal ein Kondom überziehen, das erste Mal ein Tampon einführen, das erste Mal Analverkehr». Brrrr.
Vervielfältigte Sexualitäten
Man möchte der guten alten Aufklärung, wie sie mit Oswald Kolle und Bravo begann, geradezu hinterherweinen. Summerhill, Christopher Street Day, Swingerclub – reicht das nicht? Nicht den sogenannten de­- konstruktivistischen Sexualkundlern. Die neueste Mode emanzipatorischer Sexualpädagogik zielt auf «Vervielfältigung von Sexualitäten, Identitäten und Körpern».
Das hört sich an wie Sex mit Tausendfüsslern. Gewiss ist so eine «Vervielfältigung von Sexualitäten» lieb und nett gemeint. Im Sinne von Toleranz gegenüber Minderheiten und Offenheit gegenüber kapriziösen Sexualpraktiken. Aber müssen deshalb 14-jährige Kinder im Unterricht Handschellen und Aktfotos ersteigern?
Ich weiss nicht, was die Muslime unter uns (unter uns?) zu dieser ebenso entfesselten wie entfesselnden Sexualpädagogik sagen. Ob sie ihre «Sexualitäten» auch «vervielfältigen» wollen? Ob sie überhaupt von den Emanzipationspädagogen gefragt worden sind?
Schön wärs. Andererseits ist es ein rechtes Armutszeugnis, wenn man als emanzipierte Westlerin beginnt, auf erzkonservative Muslime zu hoffen, nur weil die eigene Herkunftsgesellschaft es mit Anstand, Sitte und Familienzusammenhalt nicht mehr schafft.
Die Losung postmoderner Sexualpädagogik hört sich an wie postdramatisches Theater: «Verstörung von Selbstverständlichkeiten». Aber sind wir nicht alle verstört genug?
Sexboxen-Springen in Zürich
Ginge es nach Frau Truider und ihren Glaubensgenossen, müssten die Schulklassen «galaktische Sex-Praktiken» mit passendem Spielzeug erfinden. Dabei komme ich mir jetzt schon vor, als wohne ich auf einem anderen Stern. Ich sage nur Verrichtungsboxen. Was ist das für eine Gesellschaft, die es ungerührt und ungestraft hinnimmt, dass Liebe in Sexboxen verrichtet wird?
Der mit Steuergeldern errichtete «Prostitutionspark» in Zürich ist das Erbärmlichste, was in Sachen Sex derzeit zu besichtigen ist. Er ist ein Rückschritt in eine Barbarei, die es nie gegeben hat. Sex wurde in Holzställen und Scheunen getrieben; Sex wurde mehr oder weniger still und leise in der Kammer neben den Kindern erledigt. Aber nie als Seriennummer, Box neben Box, Mann neben Mann, mitten auf der Strasse.
In den meisten Ländern werden die Freier und/oder die Prostituierten bestraft. Sexkauf gibt es gleichwohl, auf dem schwarzen Markt. Im illegalen Raum geht es oft brutaler zu, kriminell. Aber deshalb im öffentlichen Raum Holzboxen hinbrettern, gegen die öffentliche WCs Design-Oasen sind? Die Schweiz (Top of the World) sollte wenigstens eine Bordell-Kultur hinbekommen wie Frankreich vor 100 Jahren.
Das Boxen-Springen von Zürich ist, mal vulgär ausgedrückt, «unterm Tier». Jeder Hirsch muss sich mehr Mühe geben, jeder Vogel setzt Schönheit ein. Wollte der als zu offen kritisierte Sexualkundeunterricht mit dem öffentlichen Boxen-Springen mithalten, müsste er schon Tierfilme zeigen. Sarkastisch? Schutz vor Resignation.
Erfinde das «neue Puff für alle»
Es geht auch zynisch. Also: Falls du wissen willst, wie das Bordell der Zukunft sein soll, frag Frau Tuider. Eine ihrer praxisnahen Übungen für Schüler ab 15 Jahren heisst «Der neue Puff für alle». Der Grundriss wird als Arbeitsblatt vorgegeben. Die Schüler und wohl auch die Schülerinnen sollen sich Gedanken über vier Aspekte machen: das inhaltliche Angebot im Bordell, die Innenraumgestaltung, das Personal, Werbung und Preisgestaltung.
Es darf losfantasiert werden. Lieber eine weisse Frau oder eine schwarze? Von vorne oder von hinten? Seidenkissen, Spermaschlucken? Hier werden nicht nur Schamgrenzen von Jugendlichen aufgebrochen, die zu hüten Aufgabe von Schule und Gesellschaft ist. Hier werden halbe Kinder nicht nur zu Erwachsenen-Fantasien verführt, sondern durch die Aufgabenstellung geradezu gezwungen.
Die Regelschule gibt die Regeln vor. Wenn Sexualerziehung auf diese tief ins Fantasieleben eingreifende Weise ein Bordell zum Unterrichtsgegenstand macht, macht Schule die Prostitution zum Normalzustand.
Probleme durch Erwachsene
Dies ist ein Pamphlet gegen Hypersexualisierung von Heranwachsenden; ein Plädoyer gegen Sexualerziehung ist es nicht. Verhütungsmittel, Geschlechtskrankheiten, sexueller Missbrauch, Gewalt in der Familie, Transgender, Pornografie im Internet: Es gibt genügend brisante Probleme, die meisten erzeugt von Erwachsenen.
Und es gibt die Unschuld: Laut einer Studie der deutschen Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hatte 2005 ein Viertel der 17-jährigen Mädchen noch keinen Geschlechtsverkehr, im Jahr 2010 war es ein Drittel.
Sexualerziehung ist das schwierigste Fach, das man sich denken kann. Regel Nummer eins: Vergesst die Scham und die Unschuld nicht; sie sind das Beste, was wir haben.
Regel Nummer zwei: Reden über Sex erotisiert. Lehrer, Schüler, Eltern. Das mag man abtun, aber damit muss man rechnen. Die Aufklärung muss eine doppelte sein: Reden über Sex und darüber reden, was dieses Reden anrichten kann. Sex will Entgrenzung, immer mehr.
Regel Nummer drei: Wer der Sexualität ihr Geheimnis nimmt, vernichtet sie. Das kann niemand wollen.

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