20. November 2014

Tragfähige Lehrer-Schüler-Beziehung zentral

Im Kanton Bern sind jährlich 600 Lehrer mehr als vier Wochen krankgeschrieben, viele von ihnen aus psychischen Gründen. Urs Gfeller von der PH Bern sagt, weshalb das so ist.




Gfeller: Vision einer Schule mit kompetenter Schulleitung, griffigem pädagogischem Konzept sowie einer guten Team- und Feedback-Kultur. Bild: zvg

"Ein erschöpfter Lehrer ist kaum ein guter Lehrer", Bund, 20.11. von Mireille Guggenbühler


In einer kürzlich publizierten Nationalfonds-Studie kommen die Autoren zum Schluss, dass jede dritte Lehrperson Burn-out-gefährdet ist. Eine Studie im Kanton Bern geht von ähnlichen Zahlen aus. Wie viele Lehrkräfte werden denn jährlich krankgeschrieben?
Insgesamt haben wir im Kanton Bern von gut 16'000 Lehrkräften rund 600 Lehrpersonen jährlich, die mehr als vier Wochen krankgeschrieben sind und uns gemeldet werden. Davon sind rund 180 aus psychischen Gründen krank­geschrieben. 

In welchem Zustand kommen Lehrer, die bereits ein Burn-out haben, zu Ihnen?
Lehrkräfte mit einem Burn-out sind meistens in einem depressiven Zustand. Burn-out gibt es als eigentliches Krankheitsbild ja nicht, man spricht im Fachjargon von einer Erschöpfungsdepression. Leute mit einer solchen Diagnose fühlen sich leer, oft macht nichts mehr Sinn. Einige von ihnen befinden sich auch in einer Art anklagendem Zustand: Sie haben das Gefühl, sie seien aus­gebeutet worden. Oft sind sie auch von der privaten Lebenssituation her belastet. Ich möchte hier aber auch festhalten, dass rund 70 bis 80 Prozent der Lehrpersonen und 90 Prozent der Schulleitungen in und mit ihrem Beruf zufrieden sind.
Welche Charaktere sind denn tendenziell eher gefährdet?
Es sind meistens engagierte Lehrkräfte mit einem hohen Anspruch an sich selber. Oft vernachlässigen sie, was ihnen ausserhalb der Schule guttun würde. Und sie empfinden wenig Wertschätzung sich selber gegenüber. Vielen Burn-out-gefährdeten Lehrkräften fehlt zudem eine gewisse Gelassenheit im Umgang mit den Herausforderungen des Lehrerberufs. Leider suchen sich Lehrkräfte, die kurz davor sind, auszubrennen, oftmals keine Hilfe. Ihnen würde ich empfehlen, eine Beratung in Anspruch zu nehmen.

In Gesprächen mit Lehrkräften fällt einem auf, dass viele nicht gelassen sind, sondern ständig befürchten, die Lehrplanziele nicht erreichen zu können.
Man könnte tatsächlich sagen, dass Angst ein Thema ist. Lehrpersonen müssen mit dem Gefühl leben können, nie fertig zu sein, es immer noch besser machen zu können. Sie werden nie allen Anforderungen gerecht. Denn sie haben es mit jungen Menschen zu tun. Und mit Eltern, die Erwartungen, Hoffnungen und auch Ängste haben. Eltern sind heute oft gut belesen in Erziehungs- und Bildungsfragen. Ihre Erwartungen an die Schule sind gross, was auch so sein darf. Aus langjähriger Erfahrung wissen wir, dass hier ein Berufskonzept Sicherheit geben kann. Wenn eine Lehrperson den Kindern und Eltern klar aufzeigen kann, was ihr wesentlich ist, was sie unter Lernen versteht, wie sie mit Konflikten umgeht, welches Menschenbild sie hat, dann entstehen Orientierung und Klarheit. Gerade die Elternschaft möchte die Lehrkraft als Vollprofi für Lernen, Lehren und Gemeinschaftsbildung erleben.

Das heisst, wenn eine Lehrperson ein klares Unterrichtskonzept hat, dann betreibt sie eigentlich auch Burn-out-Prävention?
Das ist so. Und das gilt nicht nur für die einzelnen Lehrkräfte, sondern auch für die Schule als Ganzes. Eine Schule, die ein pädagogisches Konzept hat, die damit allen Partnern gegenüber klar aufzeigen kann, was ihr wesentlich ist, was sie unter gutem Unterricht versteht, wie sie mit Heterogenität umgeht – eine solche Schule gibt Orientierung und versucht vom Wesentlichen auszugehen. Eine solche Schule wird gerade auch von der Elternschaft anders wahrgenommen.

Für junge, unerfahrene Lehrkräfte wird es schwierig sein, beim Berufseinstieg bereits ein klares Unterrichtskonzept zu haben.
Dies gilt nicht für alle. Zum Teil wird in der Grundausbildung bereits ein Berufskonzept verfasst. Das Problem ist eher, dass die Neueinsteiger die Realität vielleicht etwas verkennen.
Was heisst das?
Sie haben sehr hohe Ideale und ebenso hohe Erwartungen an den Lehrerberuf, die sich dann oft nicht erfüllen. Relativ viele steigen deshalb nach kurzer Zeit wieder aus.

Wie viele sind das?
Genaue Zahlen dazu gibt es noch nicht, sie werden aber bald erhoben sein. Im Prinzip gibt es auch für Berufseinsteigerinnen-und -einsteiger eine breite Palette an Unterstützungsangeboten. Leider steigen junge Lehrkräfte zum Teil auch aus, weil die Karriereoptionen im Beruf gering sind.

Was bedeutet es eigentlich für die Kinder, wenn sie von einer Lehrperson unterrichtet werden, die kurz vor einem Burn-out steht?
Es ist sicher eine sehr schwierige Situation für eine Klasse. Ein erschöpfter Lehrer ist kaum ein guter Lehrer. Ist die Beziehung zwischen Lehrerin und Schülerschaft gut, kann es sein, dass sich die Kinder mitverantwortlich fühlen für den Zustand des Lehrers oder der Lehrerin. Dies sollte nicht sein. Was jedoch nicht heissen soll, dass es zwischen der Lehrkraft und der Schülerschaft keine gute Beziehung geben soll. Im Gegenteil: Ich erachte die gute, tragfähige Bezie­hung zwischen Lehrern und Schülern als etwas vom Zentralsten.

Was brauchen Lehrpersonen, die Ihre Hilfe in Anspruch nehmen?
Dies ist sehr verschieden: In meinem Bereich beraten und bilden wir die Lehrpersonen unter anderem in Themen weiter, die der Gesunderhaltung dienen, wie beispielsweise Selbstmanagement, Arbeitsorganisation oder Klassenführung. Ist jemand länger als vier Wochen krankgeschrieben, kommt er ins Case-Management. Hier geht es in erster Linie um eine sorgfältige, begleitete Rückkehr in den Schuldienst.

Wie sähe ihre Vision einer Schule aus, in welcher Lehrer möglichst nicht ausbrennen?
Ich sehe vor mir eine Schule mit einer kompetenten Schulleitung, einem griffigen pädagogischen Konzept sowie einer guten Team- und Feedback-Kultur. Es ist eine Schule, in der Kooperation gelebt wird, in welcher sich die Kinder wahr- und ernst genommen fühlen und die mit den Eltern einen guten Austausch pflegt. In dieser Schule dürften Fehler gemacht werden, und es wäre eine Schule, die zwar ein Ideal anstrebt, aber auch mit der Realität umgehen kann und sich als Teil dieser Gesellschaft und nicht als Insel versteht. Schön ist, dass es im Kanton Bern solche Schulen gibt.


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