20. November 2014

Schulreise plus

Schulreise plus nennt sich das neue Austauschprogramm der Stiftung für eidgenössische Zusammenarbeit. Dabei besuchen sich Romands und Deutschschweizer.
Schüler reisen über den Röstigraben, NZZ, 20.11. von Andrea Kucera


Spätestens seit dem 27. Oktober wissen die elfjährigen Primarschüler von Jean-Marc Gosset aus Puplinge im Kanton Genf, was ein «Zvieri» ist. Sie waren damals zu Besuch in Oberägeri im Kanton Zug und haben eineinhalb Tage mit der sechsten Klasse von Denise Bodenmann verbracht. Sie übernachteten in einer Gastfamilie, spielten zusammen Fussball, brätelten am Ägerisee und machten einen Postenlauf durch das Dorf. Und zum Abschluss gab es für einmal kein «goûter», sondern einen Zvieri in Form von Kuchen und Apfelsaft.
Möglich gemacht hat diesen Austausch das neue Angebot der Stiftung für eidgenössische Zusammenarbeit namens Schulreise plus. Seit 1976 engagiert sich die Stiftung mit Sitz in Solothurn in der Austauschförderung - rund 15 000 Schüler pro Jahr kommen schweizweit in den Genuss einer solchen Begegnung, wie Silvia Mitteregger von der Stiftung erklärt. Mitgezählt werden dabei alle Varianten von einem Austauschjahr in einer Gastfamilie bis zum eintägigen Ausflug im Klassenverband.
Ein fulminanter Start
15 000 Schüler klingt nach viel, doch wenn man sich vergegenwärtigt, dass allein der Kanton Zürich über 131 000 Volksschüler zählt, relativiert sich dieser Eindruck. Die Schweiz wäre als mehrsprachiges Land eigentlich prädestiniert für eine florierende Austauschkultur, doch die Realität sieht anders aus. Selbst im Kanton Waadt, der als Musterschüler in Sachen Austausch gilt, reisen pro Jahr unter 5 Prozent der Schüler für eine Begegnung mit Deutschschweizer Kindern und Jugendlichen über den Röstigraben.
Gut möglich, dass sich die Statistik in den nächsten Monaten aufhellen wird, denn Schulreise plus - das erst Ende August lanciert wurde - hat einen fulminanten Start hingelegt: 21 Begegnungen konnten bereits vermittelt werden, obwohl der Herbst nicht unbedingt als Schulreisezeit gilt. Der Vorteil des neuen Angebots liege darin, dass es sehr niederschwellig sei, sagt Mitteregger. Schulreisen gehörten an allen Schweizer Schulen zum Programm. Neu sei nur, dass man die Reise mit einer Begegnung mit einer anderssprachigen Klasse verbindet. Eher aussergewöhnlich und aufwendiger ist die Variante samt Übernachtung, welche die beiden Primarlehrer aus Puplinge und Oberägeri aufgrund der langen Reisezeit gewählt haben.
Das Beispiel Schulreise plus zeigt: Austauschförderung hat derzeit Hochkonjunktur. Dies lässt sich auch aus der Kulturbotschaft für die Jahre 2016 bis 2019 ableiten. Dort schreibt der Bundesrat, er wolle mithilfe der Weiterentwicklung des schulischen Austauschs den Zusammenhalt des Landes stärken. Das ist ein hehres, hochgestecktes Ziel - damit es erreicht werden kann, muss der Austausch positiv verlaufen. Und das ist keine Selbstverständlichkeit: Eine Lehrerin aus der Waadt etwa wagte sich jahrelang nicht mehr an ein solches Unterfangen heran, nachdem ein erster Versuch traumatisch verlaufen war. Grund hierfür war, dass die Deutschschweizer Schüler sich partout weigerten, auf Hochdeutsch zu sprechen.
Mein Freund aus Oberägeri

Ganz anders die Erfahrung von Jean-Marc Gosset aus Puplinge. Die Sprachbarriere sei kaum spürbar gewesen. Was ihn besonders freut: Seine Schüler sind seit der Schulreise im Deutschunterricht viel motivierter. Die beiden Klassen schreiben sich nun Briefe - die Kinder aus Oberägeri auf Deutsch und die Genfer Klasse auf Französisch. Und weil sie unbedingt verstehen wollten, was ihnen ihre Deutschschweizer Freunde mitteilen möchten, holten seine Schüler neuerdings selbständig den Dictionnaire hervor, um ein Wort nachzuschlagen, sagt Gosset. Warum? «Weil die Konversation real ist und nicht Teil eines fiktiven Dialogs in einem Schulbuch.»

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