Schüler reisen über den Röstigraben, NZZ, 20.11. von Andrea Kucera
Spätestens seit dem 27. Oktober wissen die
elfjährigen Primarschüler von Jean-Marc Gosset aus Puplinge im Kanton Genf, was
ein «Zvieri» ist. Sie waren damals zu Besuch in Oberägeri im Kanton Zug und
haben eineinhalb Tage mit der sechsten Klasse von Denise Bodenmann verbracht.
Sie übernachteten in einer Gastfamilie, spielten zusammen Fussball, brätelten
am Ägerisee und machten einen Postenlauf durch das Dorf. Und zum Abschluss gab
es für einmal kein «goûter», sondern einen Zvieri in Form von Kuchen und
Apfelsaft.
Möglich gemacht hat diesen Austausch das neue
Angebot der Stiftung für eidgenössische Zusammenarbeit namens Schulreise plus.
Seit 1976 engagiert sich die Stiftung mit Sitz in Solothurn in der
Austauschförderung - rund 15 000 Schüler pro Jahr kommen schweizweit in den
Genuss einer solchen Begegnung, wie Silvia Mitteregger von der Stiftung
erklärt. Mitgezählt werden dabei alle Varianten von einem Austauschjahr in
einer Gastfamilie bis zum eintägigen Ausflug im Klassenverband.
Ein fulminanter Start
15 000 Schüler klingt nach viel, doch wenn man sich
vergegenwärtigt, dass allein der Kanton Zürich über 131 000 Volksschüler zählt,
relativiert sich dieser Eindruck. Die Schweiz wäre als mehrsprachiges Land
eigentlich prädestiniert für eine florierende Austauschkultur, doch die
Realität sieht anders aus. Selbst im Kanton Waadt, der als Musterschüler in
Sachen Austausch gilt, reisen pro Jahr unter 5 Prozent der Schüler für eine
Begegnung mit Deutschschweizer Kindern und Jugendlichen über den Röstigraben.
Gut möglich, dass sich die Statistik in den
nächsten Monaten aufhellen wird, denn Schulreise plus - das erst Ende August
lanciert wurde - hat einen fulminanten Start hingelegt: 21 Begegnungen konnten
bereits vermittelt werden, obwohl der Herbst nicht unbedingt als Schulreisezeit
gilt. Der Vorteil des neuen Angebots liege darin, dass es sehr niederschwellig
sei, sagt Mitteregger. Schulreisen gehörten an allen Schweizer Schulen zum
Programm. Neu sei nur, dass man die Reise mit einer Begegnung mit einer
anderssprachigen Klasse verbindet. Eher aussergewöhnlich und aufwendiger ist
die Variante samt Übernachtung, welche die beiden Primarlehrer aus Puplinge und
Oberägeri aufgrund der langen Reisezeit gewählt haben.
Das Beispiel Schulreise plus zeigt:
Austauschförderung hat derzeit Hochkonjunktur. Dies lässt sich auch aus der
Kulturbotschaft für die Jahre 2016 bis 2019 ableiten. Dort schreibt der
Bundesrat, er wolle mithilfe der Weiterentwicklung des schulischen Austauschs
den Zusammenhalt des Landes stärken. Das ist ein hehres, hochgestecktes Ziel -
damit es erreicht werden kann, muss der Austausch positiv verlaufen. Und das
ist keine Selbstverständlichkeit: Eine Lehrerin aus der Waadt etwa wagte sich
jahrelang nicht mehr an ein solches Unterfangen heran, nachdem ein erster
Versuch traumatisch verlaufen war. Grund hierfür war, dass die Deutschschweizer
Schüler sich partout weigerten, auf Hochdeutsch zu sprechen.
Mein Freund aus Oberägeri
Ganz anders die Erfahrung von Jean-Marc Gosset aus
Puplinge. Die Sprachbarriere sei kaum spürbar gewesen. Was ihn besonders freut:
Seine Schüler sind seit der Schulreise im Deutschunterricht viel motivierter.
Die beiden Klassen schreiben sich nun Briefe - die Kinder aus Oberägeri auf
Deutsch und die Genfer Klasse auf Französisch. Und weil sie unbedingt verstehen
wollten, was ihnen ihre Deutschschweizer Freunde mitteilen möchten, holten
seine Schüler neuerdings selbständig den Dictionnaire hervor, um ein Wort
nachzuschlagen, sagt Gosset. Warum? «Weil die Konversation real ist und nicht
Teil eines fiktiven Dialogs in einem Schulbuch.»
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