Zusatzqualifikation oder weniger Lohn, Bild: Martin Ruetschi
Ohne Masterstudium nicht in die Turnhalle, Tages Anzeiger, 24.11. von Lorenzo Petro
Von heute auf
morgen 20 Prozent weniger Lohn – weil man damals im Studium den falschen
Abschluss gewählt hat. Mit dieser Nachricht hat das Volksschulamt kürzlich die
Zürcher Sportlehrer auf Sekundarstufe überrascht. Denn ab kommendem Schuljahr
sind diese nicht mehr bei ihren Gemeinden, sondern beim Kanton angestellt. Und
dieser verlangt ein Masterstudium. Bis dieses nachgeholt sei, werde der Lohn
gekürzt, hiess es. «Wahnsinn», nennt das ein Sportlehrer, der es vorzieht,
ungenannt zu bleiben. «Der Kanton sucht doch einfach eine Rechtfertigung für
seine neue Pädagogische Hochschule. Und das bei Lehrermangel und immer
bewegungsärmeren Kindern.»
«Massive Auflagen»
Hintergrund
der Änderung: Im März 2013 haben die Zürcher Stimmbürger der Änderung des
Lehrpersonalgesetzes zugestimmt, weshalb Fachlehrpersonen und solche mit einem
Pensum von weniger als 10 Wochenlektionen eine kantonale Anstellung erhalten.
Dabei werden sie neu eingestuft. In der Stadt Zürich sind gemäss Ralph König,
Leiter Schulsport, rund 650 Fachlehrpersonen betroffen, davon alle Sport- und
Schwimmlehrpersonen. Er ist enttäuscht. «Die Neubeurteilung geschehe
grosszügig, hat es zu Beginn geheissen.» Doch eine inoffizielle Umfrage des
Sportamtes ergab ein anderes Bild: «Der Kanton übernimmt den Grossteil der
Sportlehrpersonen nur mit massiven Auflagen, die für Berufstätige mit einem
Vollpensum nicht machbar sind», sagt König. Die Auflagen reichen von gezielten
Weiterbildungskursen bis zum Nachholen des Masterstudiums.
«Existenzbedrohend»
nennt er die Pläne, den Lohn bis zur Erfüllung der Auflagen auf 80 Prozent zu
reduzieren. Betroffen sind gemäss König vor allem jene Lehrpersonen, die ihre
Ausbildung an der Eidgenössischen Sporthochschule in Magglingen gemacht haben.
«Eine Ausbildung, die sich unserer Meinung nach für den Sportunterricht an der
Volksschule bewährt hat.» Von den rund 45 Sportlehrern an der Stadtzürcher
Volksschule habe gemäss der Umfrage etwa die Hälfte mit den Einschränkungen zu
rechnen.
«Gut mit Job vereinbar»
«Das ist ein
unvollständiges Bild», sagt Martin Wendelspiess, Leiter des kantonalen
Volksschulamtes. Die Angelegenheit betreffe nur sehr wenige: Von den 3500 Fach-
und Teilzeitlehrern, die neu dem kantonalen Anstellungsrecht unterstehen,
würden rund 3200 vollumfänglich akzeptiert. «Bei gerade einmal 180 Fällen wird
noch diskutiert.» Die Defizite würden individuell angeschaut und möglicherweise
Auflagen gemacht. «Bei vielen werden diese bescheidenen Umfang haben.»
Zudem sei man
den Lehrern nach den anfänglichen Protesten weit entgegengekommen. Sie haben
neu drei Jahre Zeit, die Auflagen zu erfüllen. Bei der Auflage zum
Masterlehrgang etwa muss das Studium innert dreier Jahre aufgenommen werden.
Erst dann wird der Lohn gekürzt. Ein entsprechender Lehrgang sei an der
Pädagogischen Hochschule in Entwicklung mit dem Ziel, ihn gut mit dem Beruf
vereinbaren zu können. «Existenzbedrohend ist das in den allermeisten Fällen
nicht», sagt Wendelspiess. Bei altgedienten Lehrern sei man ebenfalls kulant.
Sie können in der Gemeinde zu gleichen Bedingungen weiterarbeiten.
Amnestie gefordert
Doch das ist
König zu wenig. «Wir wünschen uns, dass der Kanton die Sache grosszügig
handhabt». Er solle alle Lehrpersonen, die in der Stadt Zürich eine positive
Mitarbeiterbeurteilung erhalten haben, zu gleichen Bedingungen weiter
anstellen.
Wendelspiess
entgegnet, die Regeln des Kantons seien gar nicht neu, sondern entsprächen der
heute gültigen Verordnung. «Die jetzige Lösung wurde in Zusammenarbeit mit den
Schulpräsidien, verschiedenen Verbänden und der Pädagogischen Hochschule
ausgearbeitet», sagt der Amtsleiter. Es sei gesamtschweizerisch die Regel, dass
auf der Sekundarstufe Masterabschlüsse gefordert werden, während an der
Primarschule ein Bachelor genügt. «Das ist bei Sportlehrern nicht anders als
bei Französischlehrern.»
Der Zürcher
Schulsportchef König bleibt bei seiner Forderung: «Um es wie im Sport zu sagen:
Es ist, als würde man mitten im Spiel die Regeln ändern.»

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