Mit Sprachaufenthalten soll die Mehrsprachigkeit gefördert werden, Bild: Peter Schneider
Gratisarbeit der Lehrer für Sprachaustausch nötig, Tages Anzeiger, 24.11. von Anja Burri
Im Streit um den
Fremdsprachenunterricht wird er als Wundermittel gepriesen: der
Sprachaufenthalt. Die Nidwaldner Regierung, die das Frühfranzösisch abschaffen
will, möchte zum Ausgleich alle Kinder für einen Austausch in die Westschweiz
schicken. Auch die Bildungskommission desNationalrats (WBK) will den nationalen
Zusammenhalt via Sprachaustausch fördern. Heute entscheidet der Nationalrat
über ein entsprechendes Postulat. Der Bundesrat soll damit beauftragt werden,
ein Konzept für einen «systematischen» Sprachaustausch an der Volksschule auszuarbeiten.
Doch wie realistisch
sind diese Ideen? Wer soll die Austauschwochen bezahlen und organisieren? Neben
der Tatsache, dass es viel mehr Deutschschweizer Schulkinder gibt als solche in
der Westschweiz und dem Tessin, gibt es weitere Hürden. «Der Aufwand darf nicht
unterschätzt werden», sagt eine Frau, die es wissen muss: Silvia Mitteregger
leitet den Bereich Austausch bei der Stiftung für eidgenössische
Zusammenarbeit. Die Stiftung bietet im Auftrag des Bundes und der Kantone
Austauschprogramme für alle Stufen an. Bis jetzt fehle der Schweiz die
fundierte Erfahrung mit flächendeckenden Austauschprojekten, sagt Mitteregger.
Ein Blick auf die Zahlen zeigt: Im Schuljahr 2012/13 ging ein Bruchteil der
Schweizer Schüler zum Austausch in eine andere Sprachregion. Auf Primarstufe
waren es 0,6 Prozent, auf Sekundarstufe I rund 3 Prozent, und
bei den Schülern auf Sekundarstufe II und der pädagogischen Hochschulen
waren es 0,3 Prozent.
Hochdeutsch
am Familientisch
«Austauschprojekte kann
man nicht verschreiben», sagt Mitteregger. Damit ein Projekt gelinge, müsse es
von allen Beteiligten und vor allem von einer überzeugten Lehrkraft getragen
werden. Diese müsse an vieles denken, Schüler und Gastfamilien vorbereiten.
«Sie muss zum Beispiel die Gastfamilien darauf aufmerksam machen, dass sie am
Esstisch Hochdeutsch statt Schweizerdeutsch sprechen», sagt Mitteregger. Neben
Geld brauche es vor allem ein gutes Konzept, Zeit und Anerkennung für die
Lehrkräfte.
Zu den rund
600 Klassenlehrkräften, die im Schuljahr 2012/13 aus eigenem Antrieb einen
Austausch organisierten, gehört die Tessiner Französischlehrerin Isabella
Marino. «Meine 13-jährigen Schüler merken, dass die Kinder in der Romandie zwar
eine andere Sprache sprechen, aber eigentlich die gleichen Sorgen und Freuden
haben wie sie», sagt sie. Auf solchen Erkenntnissen baue der Zusammenhalt der
Schweiz auf. Gehe es um den Austausch, schrieben ihre Schüler sogar gern Briefe
auf Französisch. Der Aufwand sei gross, sagt Marino. Sie müsse Gastfamilien
suchen oder unzählige Listen schreiben – zum Beispiel über die Allergien der
Kinder. Marino ist derart begeistert vom Sprachaustausch, dass sie die Arbeit
in ihrer Freizeit erledigt. «Es ist ein Geschenk an meine Schüler», sagt sie.
Schätzungen, wie viel
ein flächendeckender Sprachaustausch kosten würde, gibt es nicht. Auch deshalb
nicht, weil heute viel Arbeit freiwillig erledigt wird. Beat Zemp, Präsident
des Dachverbands der Schweizer Lehrer, bringt den Bund ins Spiel: Der Bund
könnte auf der Grundlage des Sprachengesetzes solche Austauschprojekte
finanzieren – analog zum Programm «Jugend und Sport», sagt er. Es lasse sich
aber auch vieles direkt zwischen Partnerschulen organisieren, die sich
gegenseitig Gastfamilien vermitteln könnten.
«Symbolpolitik
ohne Wirkung»
Zurzeit haben vor allem
jene Kantone grosses Interesse am Sprachaustausch, die aus dem
Sprachenkompromiss der Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK)
ausscheren und in der Primarschule nur noch Englisch als Fremdsprache
unterrichten wollen. Ein Beispiel ist der Thurgau, dessen Parlament beschlossen
hat, den Französischunterricht auf die Sekundarstufe zu verschieben. Der Kanton
arbeitet derzeit an der Umsetzung des Entscheids. Man diskutiere auch die Idee
eines flächendeckenden Sprachaustausches, sagt Paul Roth, Generalsekretär des
Erziehungsdepartements. Um die Verbindlichkeit zu erhöhen, gäbe es die
Möglichkeit, den Austausch im Lehrplan zu verankern. Damit müssten aber der
Kanton und die Gemeinden entsprechende Zusatzkosten in Kauf nehmen.
Wenig begeistert vom
flächendeckenden Sprachaustausch ist die jurassische Bildungsdirektorin
Élisabeth Baume-Schneider (SP). Das sei sehr aufwendig und überdies kein Ersatz
für den Unterricht in der Primarschule, sagte sie am Freitag an einem Podium
des Schweizerischen Austauschkongresses in Delsberg.
Der Nationalrat dürfte
solche Bedenken schwächer gewichten und Ja sagen zum Vorstoss der WBK. Sobald
es aber um die konkrete Umsetzung respektive die Finanzierung geht, wird sich
wohl auch das Parlament zurückhaltend geben. Dies zeigt eine Umfrage unter
Bürgerlichen, die den Sprachaustausch im Grundsatz gut finden. Sie sei gegen
ein Obligatorium, sagt etwa die Thurgauer SVP-Nationalrätin Verena Herzog. Für
CVP-Nationalrätin Elisabeth Schneider-Schneiter (BL) ist klar: Die Kosten
müssten die Kantone übernehmen. SVP-Nationalrat Peter Keller erinnert an
Aussagen von Sprachwissenschaftlern: Um erkennbare Fortschritte zu erzielen,
müsse ein Kind mindestens vier Wochen in den Sprachaustausch. Es stelle sich
deshalb die Frage, «ob wir bei diesen Austauschideen nicht nur Symbolpolitik
ohne grosse Wirkung betreiben».

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen