19. November 2014

Männer Täter - Frauen Opfer

Der Fall einer Sekundarlehrerin, die verdächtigt wird, mit einem Schüler Sex gehabt zu haben, beherrscht die Diskussionen in den Lehrerzimmern. Dass die Frau trotz der Vorwürfe nicht freigestellt wurde, sorgt für Irritationen. Von Gesetzes wegen wäre der Sex zwischen den beiden ein Offizialdelikt. Der Jugendpsychologe Allan Guggenbühl findet, hier werde mit unterschiedlichen Ellen gemessen.





Die betroffene Lehrerin ist in der Zwischenzeit krankgeschrieben, Bild: Basler Zeitung

"Ein Mann wäre wohl sofort freigestellt worden", Basler Zeitung, 19.11. von Alessandra Paone


BaZ: Herr Guggenbühl, haben Sie als Teenager in der Schule auch für eine Lehrerin geschwärmt?
Allan Guggenbühl: Ich kann mich noch an eine Lehrerin aus Kanada erinnern. Wir haben alle für sie geschwärmt – auch die Mädchen –, weil sie gut war und toll auftrat.
Waren Sie verliebt?
Nein, aber eine gewisse Erotik war durchaus im Spiel. Doch das ist in diesem Alter völlig normal.
In Pratteln soll eine 52-jährige Sekundarschullehrerin mit einem fast volljährigen Schüler Sex gehabt haben. Wie problematisch ist diese Beziehung?
Das Abhängigkeitsverhältnis zwischen der Lehrerin und dem Schüler ist das Problem. Sie ist als Lehrerin eine Autoritätsperson. Schüler nehmen ihre Lehrer als sexuelle Personen wahr, haben sexuelle Fantasien. Das Umgekehrte ist auch möglich. Es kann eine geladene Atmosphäre entstehen. Dessen muss man sich bewusst sein, wenn man als Lehrer unterrichtet. Hätten die beiden ausserhalb des schulischen Kontextes eine Beziehung, gäbe es nichts einzuwenden.
Trotz der Brisanz des Falls hält sich die Entrüstung in der Öffentlichkeit in Grenzen. Wäre die Lehrperson ein Mann gewesen, hätte es wohl einen grösseren Aufschrei gegeben.
Wir entrüsten uns oft gerne über andere, auch um uns besser zu fühlen. Wir suchen dann Themen, über die wir uns empören können. Die Empörung entspricht aber nicht immer der Gravität eines Falls. Heute werden Männer eher Objekt öffentlicher Empörung als Frauen. Männer scheinen auch eher pathologisiert zu werden.
Warum?
Männer werden als Täter stigmatisiert, Frauen als Opfer. Deshalb werden Frauen beschützt und Männer eingeschränkt. In den Köpfen der Leute ist der Gedanke verankert, dass der Sex von Männern angetrieben wird. Dabei wird völlig ausgeblendet, dass Frauen den Sex genauso suchen. Im Gegensatz zu Männern gehen Frauen aber geschickter vor, manipulieren und erpressen – oft auch im Versteckten. Männer sind im Bereich der Sexualität deutlich plumper.
Interessant ist im Fall von Pratteln, dass die Lehrerin trotz Anzeige nicht freigestellt wurde.
Ich finde es an sich richtig, dass die Lehrerin nicht freigestellt wurde. Die Unschuldsvermutung ist das Grundprinzip unseres Rechtsstaates.
Die Unschuldsvermutung müsste aber in jedem Fall gelten.
Absolut. Ein Mann wäre wahrscheinlich sofort freigestellt worden. Mir ist ein Fall eines Lehrers bekannt, der am Abend in der Schule ausserhalb des Unterrichts an seinem Computer Bilder einer Frau oben ohne angeschaut hat. Schüler haben ihn dabei fotografiert und das Foto im Netz veröffentlicht. Der Lehrer musste sein Pult räumen. Es wird mit verschiedenen Ellen gemessen. Männer haben es in diesem Bereich viel schwerer.
Eine Freistellung könnte auch zum Schutz der angelasteten Lehrperson erfolgen. Nach diesen Anschuldigungen ist ein unbeschwerter Unterricht kaum mehr möglich.
Schutz wovor? Die Schulleitung muss zusammen mit der Lehrerin und den Eltern entscheiden, was möglich ist. Wegen einer öffentlichen Empörung muss man sie nicht freistellen.
Wie soll die Schule mit einer solchen Situation umgehen?
Sexualität ist ein hochbrisantes Thema, man echauffiert sich gerne darüber, darum ist auf jeden Fall Nüchternheit angesagt. Zuerst muss abgeklärt werden, was wirklich geschehen ist. Vorverurteilungen sind oft sehr selbstgerecht.

Kann ein solches Erlebnis der jugendlichen Sexualität schaden?
Das bezweifle ich. Ausser die Lehrerin hätte den Schüler ausgepeitscht oder ähnlich. Doch davon gehe ich in diesem Fall nicht aus. Der Jugendliche könnte höchsten von der medialen Aufmachung des Falls Schaden davontragen. In diesem Fall würde man in der Fachsprache von einer sekundären Traumatisierung sprechen.

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