8. November 2014

Klassengrössen-Initiative untauglich?

Walter Bernet setzt sich in einem Kommentar mit der Zürcher Klassengrössen-Initiative auseinander.
Den hohen Preis nicht wert, NZZ, 8.11. von Walter Bernet


Sind zu grosse Schulklassen im Kanton Zürich ein Problem? Am Abstimmungssonntag vom 30. November werden wir die Einschätzung der Stimmberechtigten zu dieser Frage kennen. Sehen diese die Grösse der Klassen als generelle Ursache von Qualitätsmängeln der Schule, werden sie der Klassengrössen-Initiative der EVP zustimmen, die eine Obergrenze von 20 Schülerinnen und Schülern für alle Volksschulklassen gesetzlich verankern will. Schätzen sie die Lage so ein, dass zusätzliche Personalressourcen nötig sind, um dort zu helfen, wo die Grösse einer Klasse tatsächlich Schwierigkeiten verursacht, bietet sich ihnen ein Gegenvorschlag des Kantonsrats an, der zu diesem Zweck einen kantonalen Pool um 100 Lehrerstellen aufstocken will. Die Initiative verursacht Kosten von 120 Millionen Franken; die Initianten sprechen von 90 Millionen. Dazu kommen manchenorts Infrastrukturkosten, müssten doch rund 800 Schulklassen neu gebildet werden. Der Gegenvorschlag hätte Folgekosten von rund 15 Millionen Franken.
Ziele und Mittel müssen zusammenpassen
Beide Vorschläge sind abzulehnen. Auch im Bildungsbereich gilt, dass Ziele und Mitteleinsatz in einem vernünftigen und nachvollziehbaren Verhältnis zueinander stehen müssen. Zweifellos haben gesellschaftlicher Wandel und Reformen der letzten Jahre zu Mehrbelastungen in der Volksschule geführt. Die Stichworte sind Heterogenität und Individualisierung des Unterrichts, Integration schwieriger und lernbehinderter Schüler sowie Fremdsprachenunterricht. Hinter jedem verbergen sich verschiedene Baustellen. Die Annahme der Initianten, dass in kleineren Klassen automatisch eine intensivere Betreuung des Einzelnen, mehr Individualisierung und damit eine bessere Unterrichtsqualität gewährleistet seien, geht an der Schulwirklichkeit vorbei. Die meisten Schüler finden sich auch in etwas grösseren Klassen zurecht. Und auch in kleineren Klassen kann es an Zeit für individuelle Betreuung mangeln, wenn die Zusammensetzung problematisch ist. Die allermeisten Zürcher Volksschulklassen sind nicht so gross, dass die Unterrichtsqualität allein ihrer Grösse wegen leiden müsste. Zudem würde die starre Obergrenze immer wieder zur Neubildung von Klassen und damit zu Eingriffen in bestehende Beziehungsgefüge zwingen.
Trotzdem haben Zürcher Lehrkräfte letztes Jahr in einer nichtrepräsentativen Umfrage des kantonalen Lehrerverbands zur allgemeinen Überraschung die Klassengrösse als ihr schwerwiegendstes Problem bezeichnet - noch vor der Integration. Es gibt dafür eine einfache und eine etwas weniger einfache Erklärung. Kleine Klassen bedeuten in aller Regel eine wirksame Entlastung für die Lehrer. Das ist die einfache Erklärung. Wenn aber auch Lehrer mit kleineren Klassen über die Klassengrössen klagen, heisst das nichts anderes, als dass sie damit einem allgemeinen Unbehagen über ihre Belastung insgesamt Ausdruck geben.
Es gibt feineres Werkzeug als die Giesskanne
Welche Ziele erreicht man tatsächlich, wenn man Millionen in verkleinerte Klassen steckt? Misst man die Initiative an ihrem Nutzen für die Unterrichtsqualität, fällt die Balance zwischen Aufwand und Ertrag ziemlich schief aus. Das gilt auch für den Gegenvorschlag. Er ist ein typischer politischer Kompromiss ohne ausgewiesene Wirkung. Will man die Lehrer entlasten, ist die generelle Begrenzung der Klassengrösse eine ineffiziente Lösung, die auch dort kostet, wo die Probleme andere Ursachen haben. Fest steht: Weder für den Unterrichtserfolg noch für die Belastungssituation der Lehrkräfte spielt die Klassengrösse eine Hauptrolle. Für wirksame Verbesserungen braucht es feineres Werkzeug als die Giesskanne.


2 Kommentare:

  1. Es ist richtig, dass es differenziertere Vorschläge und Lösungen gäbe. In erster Linie den Vorschlag des ZLV, Kinder, die früher in Sonder- oder Kleinklassen geschult worden sind, bei der Klassengrösse doppelt oder dreifach zu zählen. Die Bildungsdirektion hat dies jedoch in Bausch und Bogen abgelehnt. Die Initative ist mit ihrer einfachen aber etwas starren Vorgabe die zweitbeste Lösung. Ich hatte im letzten Schuljahr einen Autisten, zwei Kinder, die wegen Lehrnbehinderung zwei und vier Jahre im Rückstand waren, sowie zwei Kinder, die deutsch weder richtig verstanden, noch sich in dieser Sprache einigermassen korrekt ausdrücken konnten. Daneben gab es dann noch 19 Kinder, die eigentlich gerne ins Gymnasium oder die Sek A wollten und da auch noch etwas Betreuung nötig gehabt hätten. Richtig, wir waren einige einzelnen Lektionen zu zweit. Dies als wirklich Entlastung darzustellen, grenzt an Hohn. Es ist daher nicht verwunderlich, dass nach ein oder zwei Klassenzügen die Hälfte der jungen Lehrer den Beruf bereits wieder an den Nagel gehängt haben. Ob das wohl billiger kommt, an den Pädagogischen Hochschulen ständig Lehrer für gerade sechs Jahre auszubilden?

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  2. Wenn der Vorschlag des ZLV die beste Lösung ist, die Klassengrössen-Initiative die zweitbeste, was ist dann die Wieder-Einführung der Kleinklassen?

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