9. November 2014

Von 557 auf 470 Seiten

Die Deutschschweizer Erziehungsdirektorenkonferenz hat den überarbeiteten Lehrplan 21 freigegeben. Der Schaffhauser Regierungspräsident Christian Amsler bezeichnete an der Medienkonferenz gestern in Zürich das Werk als «Meilenstein». Gegenüber dem Entwurf wurde der Lehrplan gekürzt, vereinfacht und von Ideologien befreit. Die Grundansprüche und die Höhe der Anforderungen wurden in einzelnen Bereichen gesenkt, und bei den Naturwissenschaften wurde auch auf Wissen und Inhalte abgestellt.




Die Kantone entscheiden über die Einführung des LP21, Bild: Keystone


Von 557 auf 470 Seiten gekürzt, Basler Zeitung, 8.11. von Thomas Dähler


Der Lehrplan 21 hat eine Leidensgeschichte hinter sich. Ziel des gemeinsamen Lehrplans für alle Deutschschweizer Kantone ist es, die nationalen Bildungsstandards in den Kantonen mit einem harmonisierten Lehrplan umzusetzen. Dass das Unterfangen auf breite Kritik stiess, hat jedoch nichts mit dem Harmonisierungsziel zu tun, sondern mit den gleichzeitig vorgenommenen Reformen durch die Projektorganisation. Zusätzlich zum Harmonisierungsziel entschied diese, die Schulen mit Kompetenzzielen auszustatten, anstatt wie bisher Wissen und Inhalte festzulegen. Aussenstehenden wurde zudem lange der Zugang zu den Entwürfen verwehrt, sodass Korrekturen erst zu einem relativ späten Zeitpunkt gefordert wurden. «Die Projektentwicklung ist einer Demokratie unwürdig», hatte die Gruppierung «550 gegen 550» deshalb im April moniert.
Die Kritik gehört
Die nun abgeschlossenen Korrekturarbeiten erfolgten auf der Basis der Vernehmlassung. Die Veränderungen sind tiefgreifend. Die Kompetenzen wurden überarbeitet und von 453 auf 363 reduziert. «Wir haben die Kritik gehört», sagte der Schaffhauser Erziehungsdirektor Amsler gestern ausdrücklich. Auffallend ist, dass mehrere zuvor kompliziert und intellektuell anspruchsvoll formulierte Kompetenzen in der revidierten Fassung einfacher und verständlicher formuliert sind. In einigen Bereichen werden auch Wissensziele formuliert. «Die Schülerinnen und Schüler können die drei Gewalten auf Gemeinde-, Kantons- und Bundesebene unterscheiden», heisst es jetzt beispielsweise im Geschichtslehrplan.
Ob damit auch der Widerstand gegen den Lehrplan 21 leiser wird, kann erst beurteilt werden, wenn das Ergebnis in den einzelnen Kantonen analysiert ist. Gestern fielen die Reaktionen überwiegend positiv aus. «Das ist ein bildungspolitisch bedeutsamer Meilenstein für die deutsche Schweiz», schreibt etwa der Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz. In der Überarbeitung seien wesentliche Forderungen aus der Lehrerschaft berücksichtigt worden. Pro Juventute würdigt «die Vereinfachung des Lehrplans 21 und die Konzentration auf die entscheidenden Inhalte».
Die Bewegung «550 gegen 550» bleibt hingegen skeptisch und stellt infrage, ob die überarbeitete Version dem Wissen eine genügend grosse Rolle zuteile. «Wir halten immer noch fest, dass die erste Version des Lehrplans 21 auf einem unklaren Kompetenzbegriff aufbaut, der wissenschaftlich eine schwache Basis hat», schreibt Initiant Alain Pichard. Man werde die überarbeitete Version genau studieren und auf ihre Praxistauglichkeit hin prüfen. Das Komitee Starke Schule Baselland, dessen Initiative gegen das Harmos-Konkordat auch in vielen anderen Kantonen Lehrplangegner politisch mobilisiert hat, bleibt bei seiner ablehnenden Haltung. Das Komitee «wünscht sich einen Rahmenlehrplan und in jedem Fach und jeder Stufe auf einer Seite die Lernziele in Form von Inhalten zusammengefasst», schreibt Geschäftsleiterin Saskia Olsson.
Kantone sind frei
Mit der Freigabe des Lehrplans sind die Kantone am Zug. Jeder Kanton entscheidet gemäss den eigenen Rechtsgrundlagen und Zuständigkeiten, ob und wie er den Lehrplan 21 einführen wird. Ursprünglich planten die Kantone, mit dem neuen Lehrplan im Schuljahr 2017/2018 zu starten. Inzwischen haben sich jedoch mehrere Kantone entschieden, die Einführung weiter hinauszuschieben. Mit Sicherheit früher starten wird aber der Kanton Basel-Stadt im Zuge seiner total erneuerten Schulstruktur. Geplant ist die Einführung in Basel im Schuljahr 2015/2016.
Der Kanton Solothurn plant die Einführung 2018/2019. Im Baselbiet ist offen, wie es mit dem Lehrplan weitergeht. Der Einführungsprozess wurde erst vor Kurzem durch zwei parlamentarische Initiativen gestoppt, mit denen die Kompetenzen dem Landrat übertragen und die Zusammenlegung einzelner Fächer verhindert werden sollen. Im Aargau wurde eine Volksinitiative gegen den Lehrplan 21 lanciert. Die Deutschschweizer Erziehungsdirektorenkonferenz indes hat keine Freude an Volksabstimmungen. «Der Lehrplan 21 ist ein Fachinstrument für die Schulen», argumentierte dagegen gestern die Zürcher Erziehungsdirektorin Regine Aeppli.

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