Die Deutschschweizer Erziehungsdirektorenkonferenz hat den
überarbeiteten Lehrplan 21 freigegeben. Der Schaffhauser Regierungspräsident
Christian Amsler bezeichnete an der Medienkonferenz gestern in Zürich das Werk
als «Meilenstein». Gegenüber dem Entwurf wurde der Lehrplan gekürzt,
vereinfacht und von Ideologien befreit. Die Grundansprüche und die Höhe der
Anforderungen wurden in einzelnen Bereichen gesenkt, und bei den
Naturwissenschaften wurde auch auf Wissen und Inhalte abgestellt.
Die Kantone entscheiden über die Einführung des LP21, Bild: Keystone
Von 557 auf 470 Seiten gekürzt, Basler Zeitung, 8.11. von Thomas Dähler
Der Lehrplan 21 hat eine Leidensgeschichte hinter sich. Ziel des
gemeinsamen Lehrplans für alle Deutschschweizer Kantone ist es, die nationalen
Bildungsstandards in den Kantonen mit einem harmonisierten Lehrplan umzusetzen.
Dass das Unterfangen auf breite Kritik stiess, hat jedoch nichts mit dem
Harmonisierungsziel zu tun, sondern mit den gleichzeitig vorgenommenen Reformen
durch die Projektorganisation. Zusätzlich zum Harmonisierungsziel entschied
diese, die Schulen mit Kompetenzzielen auszustatten, anstatt wie bisher Wissen
und Inhalte festzulegen. Aussenstehenden wurde zudem lange der Zugang zu den
Entwürfen verwehrt, sodass Korrekturen erst zu einem relativ späten Zeitpunkt
gefordert wurden. «Die Projektentwicklung ist einer Demokratie unwürdig», hatte
die Gruppierung «550 gegen 550» deshalb im April moniert.
Die
Kritik gehört
Die
nun abgeschlossenen Korrekturarbeiten erfolgten auf der Basis der
Vernehmlassung. Die Veränderungen sind tiefgreifend. Die Kompetenzen wurden
überarbeitet und von 453 auf 363 reduziert. «Wir haben die Kritik gehört»,
sagte der Schaffhauser Erziehungsdirektor Amsler gestern ausdrücklich.
Auffallend ist, dass mehrere zuvor kompliziert und intellektuell anspruchsvoll
formulierte Kompetenzen in der revidierten Fassung einfacher und verständlicher
formuliert sind. In einigen Bereichen werden auch Wissensziele formuliert. «Die
Schülerinnen und Schüler können die drei Gewalten auf Gemeinde-, Kantons- und
Bundesebene unterscheiden», heisst es jetzt beispielsweise im
Geschichtslehrplan.
Ob
damit auch der Widerstand gegen den Lehrplan 21 leiser wird, kann erst
beurteilt werden, wenn das Ergebnis in den einzelnen Kantonen analysiert ist.
Gestern fielen die Reaktionen überwiegend positiv aus. «Das ist ein
bildungspolitisch bedeutsamer Meilenstein für die deutsche Schweiz», schreibt
etwa der Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz. In der Überarbeitung seien
wesentliche Forderungen aus der Lehrerschaft berücksichtigt worden. Pro
Juventute würdigt «die Vereinfachung des Lehrplans 21 und die Konzentration auf
die entscheidenden Inhalte».
Die
Bewegung «550 gegen 550» bleibt hingegen skeptisch und stellt infrage, ob die
überarbeitete Version dem Wissen eine genügend grosse Rolle zuteile. «Wir
halten immer noch fest, dass die erste Version des Lehrplans 21 auf einem
unklaren Kompetenzbegriff aufbaut, der wissenschaftlich eine schwache Basis
hat», schreibt Initiant Alain Pichard. Man werde die überarbeitete Version
genau studieren und auf ihre Praxistauglichkeit hin prüfen. Das Komitee Starke
Schule Baselland, dessen Initiative gegen das Harmos-Konkordat auch in vielen
anderen Kantonen Lehrplangegner politisch mobilisiert hat, bleibt bei seiner
ablehnenden Haltung. Das Komitee «wünscht sich einen Rahmenlehrplan und in
jedem Fach und jeder Stufe auf einer Seite die Lernziele in Form von Inhalten
zusammengefasst», schreibt Geschäftsleiterin Saskia Olsson.
Kantone
sind frei
Mit
der Freigabe des Lehrplans sind die Kantone am Zug. Jeder Kanton entscheidet
gemäss den eigenen Rechtsgrundlagen und Zuständigkeiten, ob und wie er den
Lehrplan 21 einführen wird. Ursprünglich planten die Kantone, mit dem neuen
Lehrplan im Schuljahr 2017/2018 zu starten. Inzwischen haben sich jedoch
mehrere Kantone entschieden, die Einführung weiter hinauszuschieben. Mit
Sicherheit früher starten wird aber der Kanton Basel-Stadt im Zuge seiner total
erneuerten Schulstruktur. Geplant ist die Einführung in Basel im Schuljahr
2015/2016.
Der
Kanton Solothurn plant die Einführung 2018/2019. Im Baselbiet ist offen, wie es
mit dem Lehrplan weitergeht. Der Einführungsprozess wurde erst vor Kurzem durch
zwei parlamentarische Initiativen gestoppt, mit denen die Kompetenzen dem
Landrat übertragen und die Zusammenlegung einzelner Fächer verhindert werden
sollen. Im Aargau wurde eine Volksinitiative gegen den Lehrplan 21 lanciert.
Die Deutschschweizer Erziehungsdirektorenkonferenz indes hat keine Freude an
Volksabstimmungen. «Der Lehrplan 21 ist ein Fachinstrument für die Schulen»,
argumentierte dagegen gestern die Zürcher Erziehungsdirektorin Regine Aeppli.

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