Den hohen Preis nicht wert, NZZ, 8.11. von Walter Bernet
Sind zu grosse Schulklassen im Kanton Zürich ein
Problem? Am Abstimmungssonntag vom 30. November werden wir die Einschätzung der
Stimmberechtigten zu dieser Frage kennen. Sehen diese die Grösse der Klassen
als generelle Ursache von Qualitätsmängeln der Schule, werden sie der
Klassengrössen-Initiative der EVP zustimmen, die eine Obergrenze von 20
Schülerinnen und Schülern für alle Volksschulklassen gesetzlich verankern will.
Schätzen sie die Lage so ein, dass zusätzliche Personalressourcen nötig sind,
um dort zu helfen, wo die Grösse einer Klasse tatsächlich Schwierigkeiten
verursacht, bietet sich ihnen ein Gegenvorschlag des Kantonsrats an, der zu
diesem Zweck einen kantonalen Pool um 100 Lehrerstellen aufstocken will. Die
Initiative verursacht Kosten von 120 Millionen Franken; die Initianten sprechen
von 90 Millionen. Dazu kommen manchenorts Infrastrukturkosten, müssten doch
rund 800 Schulklassen neu gebildet werden. Der Gegenvorschlag hätte Folgekosten
von rund 15 Millionen Franken.
Ziele und Mittel müssen zusammenpassen
Beide Vorschläge sind abzulehnen. Auch im
Bildungsbereich gilt, dass Ziele und Mitteleinsatz in einem vernünftigen und
nachvollziehbaren Verhältnis zueinander stehen müssen. Zweifellos haben
gesellschaftlicher Wandel und Reformen der letzten Jahre zu Mehrbelastungen in
der Volksschule geführt. Die Stichworte sind Heterogenität und
Individualisierung des Unterrichts, Integration schwieriger und lernbehinderter
Schüler sowie Fremdsprachenunterricht. Hinter jedem verbergen sich verschiedene
Baustellen. Die Annahme der Initianten, dass in kleineren Klassen automatisch
eine intensivere Betreuung des Einzelnen, mehr Individualisierung und damit
eine bessere Unterrichtsqualität gewährleistet seien, geht an der
Schulwirklichkeit vorbei. Die meisten Schüler finden sich auch in etwas
grösseren Klassen zurecht. Und auch in kleineren Klassen kann es an Zeit für
individuelle Betreuung mangeln, wenn die Zusammensetzung problematisch ist. Die
allermeisten Zürcher Volksschulklassen sind nicht so gross, dass die
Unterrichtsqualität allein ihrer Grösse wegen leiden müsste. Zudem würde die
starre Obergrenze immer wieder zur Neubildung von Klassen und damit zu
Eingriffen in bestehende Beziehungsgefüge zwingen.
Trotzdem haben Zürcher Lehrkräfte letztes Jahr in
einer nichtrepräsentativen Umfrage des kantonalen Lehrerverbands zur
allgemeinen Überraschung die Klassengrösse als ihr schwerwiegendstes Problem
bezeichnet - noch vor der Integration. Es gibt dafür eine einfache und eine
etwas weniger einfache Erklärung. Kleine Klassen bedeuten in aller Regel eine
wirksame Entlastung für die Lehrer. Das ist die einfache Erklärung. Wenn aber
auch Lehrer mit kleineren Klassen über die Klassengrössen klagen, heisst das
nichts anderes, als dass sie damit einem allgemeinen Unbehagen über ihre
Belastung insgesamt Ausdruck geben.
Es gibt feineres Werkzeug als die Giesskanne
Welche Ziele erreicht man tatsächlich, wenn man
Millionen in verkleinerte Klassen steckt? Misst man die Initiative an ihrem
Nutzen für die Unterrichtsqualität, fällt die Balance zwischen Aufwand und
Ertrag ziemlich schief aus. Das gilt auch für den Gegenvorschlag. Er ist ein
typischer politischer Kompromiss ohne ausgewiesene Wirkung. Will man die Lehrer
entlasten, ist die generelle Begrenzung der Klassengrösse eine ineffiziente
Lösung, die auch dort kostet, wo die Probleme andere Ursachen haben. Fest
steht: Weder für den Unterrichtserfolg noch für die Belastungssituation der
Lehrkräfte spielt die Klassengrösse eine Hauptrolle. Für wirksame
Verbesserungen braucht es feineres Werkzeug als die Giesskanne.
Es ist richtig, dass es differenziertere Vorschläge und Lösungen gäbe. In erster Linie den Vorschlag des ZLV, Kinder, die früher in Sonder- oder Kleinklassen geschult worden sind, bei der Klassengrösse doppelt oder dreifach zu zählen. Die Bildungsdirektion hat dies jedoch in Bausch und Bogen abgelehnt. Die Initative ist mit ihrer einfachen aber etwas starren Vorgabe die zweitbeste Lösung. Ich hatte im letzten Schuljahr einen Autisten, zwei Kinder, die wegen Lehrnbehinderung zwei und vier Jahre im Rückstand waren, sowie zwei Kinder, die deutsch weder richtig verstanden, noch sich in dieser Sprache einigermassen korrekt ausdrücken konnten. Daneben gab es dann noch 19 Kinder, die eigentlich gerne ins Gymnasium oder die Sek A wollten und da auch noch etwas Betreuung nötig gehabt hätten. Richtig, wir waren einige einzelnen Lektionen zu zweit. Dies als wirklich Entlastung darzustellen, grenzt an Hohn. Es ist daher nicht verwunderlich, dass nach ein oder zwei Klassenzügen die Hälfte der jungen Lehrer den Beruf bereits wieder an den Nagel gehängt haben. Ob das wohl billiger kommt, an den Pädagogischen Hochschulen ständig Lehrer für gerade sechs Jahre auszubilden?
AntwortenLöschenWenn der Vorschlag des ZLV die beste Lösung ist, die Klassengrössen-Initiative die zweitbeste, was ist dann die Wieder-Einführung der Kleinklassen?
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