Elisabeth Abbassi vom alv und Elfy Roca vom Initiativkomitee gegen den Lehrplan 21, Bild: zvg
Schulreform: Lehrplan 21 steht - der Widerstand im Aargau auch, Aargauer Zeitung, 10.11. von Rolf Cavalli
Während die
Erziehungsdirektoren letzten Freitag in Zürich den überarbeiteten Lehrplan 21
vorstellten, freute sich Elfy Roca in Oberrohrdorf gerade über Post. 130 neue
Unterschriften zählte sie im Postfach ihres Komitees «Ja zu einer guten
Bildung, Nein zum Lehrplan 21». Bereits 2000 Unterschriften sind es seit der
Lancierung der Volksinitiative Ende August, bestätigt Roca. Bis Weihnachten,
spätestens im Januar sollen die benötigten 3000 zusammen sein.
Elfy Roca ist
Heilpädagogin und eine der härtesten Kritikerinnen des neuen Lehrplans. Im
Aargau will sie diesen vors Volk und so zu Fall bringen. Auch dem
überarbeiteten, entschlackten Lehrplan kann sie nichts Gutes abgewinnen. «Es
wurden zwar bei ideologisch umstrittenen Themen wie Gender und Konsumkritik die
Formulierungen abgeschwächt», sagt Roca. «Aber das ist nicht relevant und
ändert nichts daran, dass der Lehrplan 21 in eine völlig falsche Richtung
geht.»
Kompetenzziele
in der Kritik
Die Lehrplan-Gegnerin lehnt
den Wechsel zur sogenannten Kompetenzorientierung grundsätzlich ab: «Diese geht
von einer falschen Theorie aus, nämlich, dass sich das Kind vorwiegend in
Lernumgebungen sein Wissen selber aneignen soll.»
Roca wirft den Machern des
Lehrplans 21 vor, ihre Korrekturen seien Augenwischerei. Um die Kritik an den
rund 5000 Kompetenzzielen zu entschärfen, habe man einfach die Zählweise
geändert. Neu ist jetzt noch von 363 Kompetenzen die Rede. Aber das sei
irreführend. Es gebe weiterhin Tausende von Kompetenzen und wenig inhaltliche
Zielformulierungen.
Einen Anlass, von der
Volksinitiative abzurücken, sieht Roca darum nicht, im Gegenteil: «Der Lehrplan
21 ist eine pädagogische Neuausrichtung, die in der Bevölkerung gar nicht
diskutiert wurde. Deshalb braucht es unsere Initiative.» Zudem werde die
Ausrichtung auf Kompetenzen auch im Aargau bereits schleichend umgesetzt. «Die
Folge ist das weiter sinkende Bildungsniveau. Das wollen wir ändern.»
Ursprünglich war der
Lehrplan 21 (die Zahl steht für die 21 Deutsch- und mehrsprachigen Kantone)
vorab ein Projekt zur Harmonisierung der Schulziele. Doch mittlerweile
entzündet sich anhand des 470-seitigen Papiers ein grundsätzlicher
Methodikstreit. Der neue Lehrplan rückt die Kompetenzen in den Mittelpunkt, die
ein Schüler erlernen soll. Gegner erachten dies des Teufels. Sie wollen einen
konkreten Fächerplan als Lerngerüst und diesen im Schulgesetz festschreiben.
«Widerstände
abbauen»
Davor warnt Elisabeth
Abbassi, Präsidentin des Aargauer Lehrerverbandes. «Der alte Lehrplan genügt
den Ansprüchen längst nicht mehr. Würde die Volksinitiative angenommen, müsste
der Kanton für viel Geld einen eigenen Lehrplan entwickeln.» Abbassi beurteilt
die revidierte Version des Lehrplans 21 überwiegend positiv. Er sei weniger
stark beladen, etwa im Bereich Natur, Mensch, Gesellschaft seien nun auch
Inhalte beschrieben. Und vor allem komme für die Deutschschweiz endlich ein
gemeinsamer Lehrplan.
Leichte Abstriche macht
die oberste Aargauer Lehrerin beim Thema Fremdsprache. Da sei «kein klarer
Wille zur Harmonisierung der heiklen Frage der Sprachenfolge sichtbar». Abbassi
betont aber, man dürfe «die Bedeutung des Lehrplans nicht überhöhen».
Der Lehrplan 21 wird es so
oder so schwer haben im Aargau. Auch der Regierungsrat zeigt bisher wenig Begeisterung
und vor allem keine Eile. Er hat die Einführung des neuen Lehrplans auf das
Schuljahr 2020/21 verschoben. Und der zuständige Regierungsrat Alex Hürzeler
war einer der zwei Deutschschweizer Erziehungsdirektoren, die sich bei der
Schlussabstimmung zum Lehrplan 21 der Stimme enthielten.
Lehrer-Präsidentin Abbassi
nimmt die Regierung in die Pflicht. Der Kanton müsse die Widerstände, die es
auch in der Lehrerschaft gebe, ernst nehmen und abbauen. «Sonst droht ein
Debakel wie bei Mundart-Initiative.» Zur Erinnerung: Das Stimmvolk stellte sich
im Mai gegen die Regierung und sagte mit 55,5 Prozent Ja zu Mundart im
Kindergarten.

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