14. September 2014

Die Concorde-Falle

Ich habe diese köstliche Anekdote bereits in einer Kolumne geschildert: Vor drei Jahren fragte eine Bieler Schulleiterin unseren Erziehungsdirektor während einer Informationsveranstaltung zum Frühfranzösisch, weshalb man eigentlich mit der Fremdsprache so früh beginnen wolle. Und sie fuhr weiter: "Sollen die Schüler am Ende ihrer Schulzeit besser Französisch sprechen oder gleich gut, oder will man einfach nur Frühfranzösisch einführen?" Die Antwort des zuständigen Chefbeamten empfanden wir damals noch als lustig. Er sprach von "baden", von "spielerisch", von "Abbau von Sprachbarrieren", nur die Kernfrage nach dem pädagogischen Mehrwert beantwortete er nicht.




Wenn man mal so viel Geld ausgegeben hat, gibt es kein Zurück mehr, Bild: Wikipedia

Die Concorde-Falle schnappt zu, Alain Pichard, Bund, 13.9.

Kurz darauf prägte der Pädagogikprofessor Roland Reichenbach aus Zürich den Begriff "die Concorde-Falle". Die Geschichte des Überschalldüsenflugzeugs stand für Investitionen in ein Projekt, von dem man bald einmal wusste, dass es sich nie und nimmer rechnen würde. Da man aber ab einem gewissen Zeitpunkt derart viel Geld ausgegeben hatte, gab es kein Zurück mehr. Reichenbach benutzte diesen Begriff, um damit die von der Bildungsbürokratie vom Stapel gerissenen Bildungsreformen zu kritisieren.

Erinnern wir uns: Irgendwie kam die Idee in die Welt, dass unser Nachwuchs bessere Fremdsprachenkenntnisse brauche. Dann verbreitete sich die Ansicht, dass man mit dem Erlernen von Fremdsprachen gar nicht früh genug anfangen könne, genährt durch missverstandene Erkenntnisse von Hirnforschern; von Lernfenstern war die Rede, die bei kleinen Kindern offenstünden und sich später schlössen.

Auf dieser Modewelle schwappte der Freühfremdsprachenunterricht in die Grundschulen. In bekannter Schnellschussmentalität der Bildungspolitiker und unter euphorischem medialem Applaus wurden Millionen von Franken freigemacht, die nun an anderer Stelle wieder herausgepresst werden müssen. Ohne darüber nachzudenken, dass es ein Riesenunterschied ist, ob Kinder in der Familie en passant eine zweite Sprache lernen oder in der künstlichen Situation des Schulunterrichts. Ohne dass es eine vernüftige Didaktik für frühen Fremdsprachenunterricht gibt. Ohne dass die Grundschullehrerinnen für diese Aufgabe ausreichend qualifiziert sind. Und ohne einen Plan, wie denn der Fremdsprachenunterricht nach der Grundschule auf den sehr unterschiedlichen Vorkenntnissen der Schüler aufbauen soll.

Das ist genau die Art wirkungsloser Pseudoreformen, mit denen die Schulen immer wieder malträtiert werden. Ohne Not hat man den schweizweit erarbeiteten Kokmpromiss - ab dem 5. Schuljahr die erste Fremdsprache (notabene einen Landessprache) und ab dem 7. Schuljahr Englisch - gekippt und damit einen erbitterten Sprachenstreit provoziert. 

Heute stehen wir vor einem Schlamassel der gröberen Sorte. Denn alle wissen: Der Frühsprachenunterricht wird keinen pädagogischen Effekt haben, er wird Unsummen kosten, und er hat den Sprachenfrieden aufs Spiel gesetzt. Die Verantwortlichen für diese Fehlinvestition wurden durch die Faktenlage, die Finanzknappheit und den Aufstand vieler Lehrkräfte aus ihrem Paralleluniversum gerissen. Die Folge davon sind gehässige Attacken, Durchhalteparolen, alberne Verschwörungstheorien und pathosgetränkte Landesuntergangsprophezeihungen. Das Projekt lässt sich kaum mehr stoppen, zu viel Geld und Prestige wurden bereits investiert, die Concorde-Falle schnappt zu.

Zu guter Letzt werden wir auch noch mit einem teuren Lehrmittel ("Mille feuilles") beglückt, dessen Fremdsprachendidaktik uns die Illusion eines lingualen Schlaraffenlandes suggeriert: Kein Wörtlilernen, keine Grammatiktests, moderne Schüler büffeln nicht, sie haben Spass. Weniger spassig ist dabei eine wirkliche Bildungsmisere, von der die Frühsprachendebatte ablenkt. 16 bis 20 Prozent unserer Schüler verlassen die Schule nach neun Jahren als funktionale Analphabeten. Aber die Prioritäten unserer Bildungspolitiker werden längstens nicht mehr von pädagogischen Argumenten bestimmt. 

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