Etwa 500 Kinder fahrender Jenischer besuchen die
Schule nur im Winterhalbjahr. Im Sommer sind sie mit ihren Familien auf Reisen.
Von März bis Ende Oktober müssen sich diese Kinder den Schulstoff weitgehend
ohne pädagogische Unterstützung aneignen. Damit sind Probleme verbunden: «Viele
jenische Kinder verlieren den Anschluss an die Klasse», sagt Venanz Nobel. Er
ist Geschäftsführer der Cooperation Jenische Kultur, die von der vom Bund
subventionierten Radgenossenschaft der Landstrasse gegründet wurde. Eine
gesamtschweizerische Regelung, wie die jenischen Kinder im Sommer den
Schulstoff aufarbeiten, gibt es nicht. Das regelt die zuständige Schulbehörde.
Die EDK signalisiert Unterstützung für das Projekt, Bild: Jiri Reiner
Eigene Lehrer für die Jenischen, Schweiz am Sonntag, 4.5. von Anna Kappeler
Eine, die sich der Verbesserung der Schulbildung
für fahrende Kinder verschrieben hat, ist Ursula Spillmann, Mitarbeiterin der
Cooperation Jenische Kultur. Spillmann ist eines der «Kinder der Landstrasse»,
als Baby wurde sie ihrer Familie weggenommen. Erst als junge Erwachsene erfuhr
sie von ihren jenischen Wurzeln. «Bis dahin hatte ich keine Ahnung von den
Jenischen. Meine gute Bildung hat es mir ermöglicht, mir mittels Bücher Wissen
über meine Kultur anzueignen», sagt Spillmann. «Ohne Bildung ist ein Leben in
der Schweiz schwierig – gerade Fahrende werden es ohne gute Grundausbildung
beim Hausieren und im Umgang mit Behörden schwierig haben.» Erwachsene Fahrende
mit dem Bildungsstand eines Viertklässlers seien keine Ausnahme – das müsse
sich ändern.
Jetzt
ist eine schweizweite Verbesserung in Sicht. «Im August 2015 soll das von der
Cooperation Jenische Kultur erarbeitete Projekt ‹Lernen auf Reisen› starten»,
sagt Spillmann. Damit sollen jenische Kinder eine so gute Grundbildung
erhalten, dass ihnen nach den obligatorischen neun Schuljahren zumindest die Wahlmöglichkeit
einer Lehre freisteht. Ermöglicht werden müsse dies, ohne dass die Eltern ihre
halbnomadische Kultur aufgeben müssen.
Laut
Geschäftsführer Nobel soll den Kindern ein konstanter und persönlicher Kontakt
zu den Lehrern ermöglicht werden. Spillmann ergänzt: «Mit den modernen,
ortsunabhängigen Medien und via E-Learning kann viel verbessert werden.»
Wichtig sei aber auch eine persönliche Betreuung direkt auf den Plätzen.
Hierfür sollen für das Projekt zusätzlich Lehrer eingestellt werden. Wie viele,
ist zurzeit noch offen. «Die Lehrer werden direkt auf den Stellplätzen mehrere
Kinder unterschiedlichen Alters unterrichten. Sie müssen dabei das Wissen vom
Kindergarten bis zum 9. Schuljahr abdecken können«, sagt Spillmann. Damit das
reibungslos funktioniert, werden Vereinbarungen zwischen den einzelnen Familien
und den zuständigen Schulbehörden getroffen. Ausserdem soll für die Eltern eine
Telefon-Hotline in Betrieb genommen werden, die bei Fragen jederzeit kompetent
weiterhilft.
Geeignete
Lehrmittel für Jenische sind gemäss Spillmann ebenfalls essenziell. «Hier
streben wir eine Zusammenarbeit mit der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW)
an», sagt die Berufsschullehrerin Gesundheitswesen. Bernhard Schär,
wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Pädagogischen Hochschule der FHNW, sagt
dazu: «Wir stehen mit Frau Spillmann im Austausch und dem Projekt sehr
wohlwollend gegenüber. Es ist uns generell ein Anliegen, dass die Geschichte
dieser Minderheit, die immer ein Teil der Schweiz war, in den Schulen mehr Raum
bekommt.» Gegenwärtig sei man dabei, entsprechende Lehrmaterialien für den
Unterricht zu entwickeln. Das Thema Jenische und Schule ist durch die
Verfolgung durch Pro Juventute, die Jenischen die Kinder wegnahm, historisch
belastet. Einige Jenische stehen jeder Beschulung skeptisch gegenüber. Sie
sehen diese als Versuch des Staates, ihnen die Lebensweise der Sesshaften
aufzuzwingen. Die meisten Jenischen aber sind laut Spillmann sehr offen für das
Projekt.
«In
der föderalistischen Schweiz ist ein solches Projekt ein Novum und eine riesige
Herausforderung», sagt Nobel. «Lernen auf Reisen» soll vorerst für ein Jahr in
zwei Kantonen starten. Welche das seien, sei noch nicht kommunizierbar. «Für
die Pilotphase und deren Auswertung haben wir ein Budget von 120 000 Franken.
Die Hälfte der Finanzierung steht», sagt Spillmann. Danach soll das Projekt
unbefristet und schweizweit weitergeführt werden.
Mit an
Bord ist auch die Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren
(EDK). «Am vergangenen Dienstag habe ich mich mit Vertretern des
Generalsekretariats der EDK getroffen und ihnen mein Projekt präsentiert. Die
EDK hat sich dem Projekt gegenüber sehr offen geäussert», sagt Spillmann.
EDK-Sprecherin Gabriela Fuchs bestätigt: «Das Generalsekretariat der EDK hat
grundsätzlich seine Unterstützung für ein solches Vorhaben signalisiert.»

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen