3. Mai 2021

Die Herkunft entscheidet

Es muss nicht jeder und jede ans Gymnasium, manche wären in einer Lehre besser aufgehoben, die Berufsbildung braucht leistungsstarke Jugendliche: Diese Argumente sind richtig. Doch sie gelten vor allem für junge Menschen mit praxisorientierten Begabungen, die sich weniger für akademische Inhalte begeistern können oder die Matura nur mit Ach und Krach hinkriegen.

Schickt endlich die Richtigen ans Gymnasium, NZZ, 3.5. von Margrit Stamm

Für eine nahezu vergessene Gruppe trifft das Gegenteil zu: Intellektuell begabte und interessierte Kinder aus Arbeiter- und einfachen Migrantenfamilien schaffen es viel zu selten ans Gymnasium. Sie hätten zwar das Potential für den Übertritt, bekommen aber keine Gelegenheit dazu. Empirische Daten machen dies mehr als deutlich. Haben die Eltern studiert, tun dies 88 Prozent der Kinder auch. Aus Arbeiterfamilien hingegen schafft nur knapp jedes vierte Kind ein Studium. Und wenn der Vater gar keinen Bildungsabschluss hat, ist es sogar nur jedes fünfundzwanzigste.

Dadurch gehen unserer Gesellschaft jedes Jahr eine grosse Zahl an intellektuell begabten jungen Menschen verloren. Es ist unabdingbar, das zu verändern. Und zwar, indem wir statt Chancengleichheit Chancengerechtigkeit anstreben.

Der Erfolg eines Menschen hängt nicht nur von Leistung ab

Gymnasium und Universität sind weitgehend das Privileg der Schichten geblieben, die schon gebildet sind. Noch immer entscheidet nicht der Grips, wer es ins Gymnasium schafft, sondern vor allem die Herkunft. Dahinter steckt ein Gerechtigkeitsproblem. Das meritokratische Versprechen, wonach die individuelle Leistung den Status und den Erfolg einer Person bestimmt, ist ein Ideal geblieben. Denn unser Bildungssystem hält nicht, was es verspricht.

Trotz grossen Anstrengungen der Bildungsexpansion in den siebziger und achtziger Jahren haben sich die Chancen für Kinder und Jugendliche aus unterschiedlichen Schichten nicht angeglichen. Die Chancenungleichheit ist sogar grösser geworden, weil der Schulerfolg noch stärker als früher von der Herkunft abhängig ist. Spätestens seit den Pisa-Studien wissen wir, dass die Bildungschancen in der Schweiz deutlich ungleicher verteilt sind als in vielen anderen Ländern. Arbeiterkinder, die das Rüstzeug fürs Gymnasium mitbringen würden, landen zu oft in tieferen Schulniveaus.

Solche Fakten werden oft mit zwei Legitimationsmustern kaschiert. Erstens verweisen Bildungspolitikerinnen und -politiker gerne darauf, unser Bildungssystem gehöre zu den durchlässigsten der Welt: Wer es nicht ins Gymnasium schaffe, könne später trotzdem ein Hochschulstudium absolvieren. Zweitens ist die Überzeugung weit verbreitet, dass Väter und Mütter ohne Ausbildung oder nur mit einer Berufslehre sowieso nicht in der Lage seien, ihren Kindern im Gymnasium zu helfen, weshalb diese in der Sekundarschule besser aufgehoben seien. Beide Hinweise sind richtig, die damit verbundenen Argumentationsmuster aber falsch.

Mit Berufslehre und Berufsmaturität wird ein Studium an einer Fachhochschule möglich, so das erste Muster. Das ist längst der Königsweg für junge Menschen aus durchschnittlichen Verhältnissen geworden. Diese neue Form von Durchlässigkeit hat teilweise zum Abbau der sozialen Ungleichheit beim Hochschulzugang beigetragen.

Die neue Durchlässigkeit darf nicht als Alibi benutzt werden

Während an Universitäten vier von fünf jungen Menschen aus akademischen Elternhäusern studieren, ist es an den Fachhochschulen und pädagogischen Hochschulen ein guter Drittel. Das ist eine erfreuliche Entwicklung, doch darf sie nicht schöngeredet werden. Es kann nicht sein, dass die neue Durchlässigkeit als Alibi benutzt wird, intellektuell begabte Arbeiterkinder in die Berufsbildung abzudrängen, indem man auf die Möglichkeit eines späteren Fachhochschulstudiums hinweist – während Söhne und Töchter aus Akademikerfamilien unhinterfragt wieder Akademiker werden.

Auch das zweite Legitimationsmuster hat seine argumentativen Lücken. Es setzt zu sehr auf die Erwartung, dass Eltern die Lernleistung ihrer Kinder festigen helfen sollen und diese «verantwortete Elternschaft» die Grundlage für eine erfolgreiche Schullaufbahn sei. Dem widersprechen fast alle Untersuchungen der frühkindlichen Bildungsforschung. Sie weisen nach, dass Kinder mit einem sehr unterschiedlichen Rucksack an Startkapital und familiären Unterstützungsmöglichkeiten ins Bildungssystem eintreten, dann aber entsprechend ihrer sozialen Herkunft so sortiert werden, dass Arbeiterkinder die Sekundar- oder Realschule besuchen, Akademikerkinder das Gymnasium.

Dieses Phänomen lässt sich nicht in den Griff kriegen, indem man gutsituierten Eltern einredet, sie sollten ihre Ambitionen herunterfahren. In einer demokratischen Gesellschaft kann man ambitionierte Väter und Mütter nicht daran hindern, ihre Ressourcen einzusetzen, um die Bildungslaufbahn der Kinder zu fördern. Ihre Absichten sind legitim. Die Achillesferse liegt in der fehlenden Unterstützung begabter Kinder aus einfachen sozialen Verhältnissen und in der meist zu grossen Zurückhaltung ihrer Familien. Oft wollen die Eltern ihr Kind vor einem gymnasialen Bildungsweg bewahren, weil sie befürchten, es könne sich emotional, intellektuell und strategisch von ihnen entfernen.

Daran haben wir uns gewöhnt. Vielleicht ist dies einer der Gründe, warum die fehlenden Arbeiterkinder am Gymnasium auffallend schnell mit der Metapher «Jeder ist seines Glückes Schmied» relativiert werden. Alle jungen Menschen aus bescheidenen Verhältnissen, so die Botschaft, könnten es hierzulande mit genug Fleiss, Anstrengung und Hartnäckigkeit zu etwas bringen.

Erfolgreiche Arbeiterkinder sind deshalb beliebte Medienobjekte, weil man ihre Geschichten nicht nur bewundern, sondern auch mit dem salbungsvollen Schlagwort «Aufstieg durch Bildung» versehen kann. Doch solche märchenhaften Schilderungen verdecken die Realität. Ein intelligentes Arbeiterkind, das es – wie die Amerikaner sagen – against all odds ans Gymnasium schafft, hat nicht einfach zusätzlich hart gearbeitet, sondern auch viel Glück gehabt.

Es geht nicht nur um Leistung, sondern auch um «Habitus»

Warum ist dem so? Zur Erklärung gibt es theoretische Modelle, die trotz ihrer Unterschiedlichkeit einen gemeinsamen Nenner haben. Sie erklären die Ungleichheiten vor allem mit Merkmalen der Familie sowie dem Einfluss der Schule. Zum einen ist es der Bildungsstand der Eltern, der über Erziehungsstil, Anregungsgehalt und private Förderung die Kompetenzen der Kinder beeinflusst. Er wird bereits beim Schuleintritt sichtbar. Und zwar nicht nur bei der Spreizung der individuellen Leistungsunterschiede zugunsten von Kindern aus gutsituierten Familien, sondern auch beim «Habitus». Der Lebensstil kann sich in einem grösseren Wortschatz zeigen, in der Kleidung, den Hobbies und dem Freundeskreis, den die Eltern oft handverlesen zusammenstellen.

Ausgerüstet mit solchen kulturellen Merkmalen, entsprechen diese Kinder den Idealen der Schule, die sich an der Mittelschicht orientieren. Arbeiterfamilien haben oft andere Erziehungsziele und Vorstellungen, wie sich ein Kind verhalten soll oder was Schulerfolg ist. Manche Arbeiterkinder fühlen sich deshalb in der Schule anders als die Kinder höher gebildeter Eltern und müssen Sprache und Verhalten anpassen. Das gelingt ihnen unterschiedlich.

Zudem wirken sich die Entscheidungen einer Familie je nach sozialer Schicht unterschiedlich aus und erklären, weshalb Kinder aus gutsituierten Verhältnissen anspruchsvolleren und kostspieligeren Bildungswegen zugewiesen werden – auch wenn sie sich nicht von Kindern aus einfachen Verhältnissen unterscheiden. Geht es ums Gymnasium, sind gebildete Väter und Mütter motivierter, fürchten sich kaum vor Investitionsrisiken und gewichten das Sozialprestige höher als Arbeiterfamilien. Diese kennen das Gymnasium nicht aus eigener Erfahrung, schätzen die Hürden als hoch ein und schrecken vor den Kosten zurück, was sich in einer Skepsis gegenüber akademischer Bildung äussern kann.

Das zeigt sich im «Habitus der Notwendigkeit», einem Verhalten, das sich an der Verwertbarkeit der Ausbildung orientiert. Solche Eltern wünschen sich, ihre Kinder sollten wie sie eine Lehre absolvieren und schnell eigenes Geld verdienen. Dieser Verwertbarkeitsgedanke kann den Horizont von Arbeiterkindern einschränken.

Selbstverständlich gibt es Arbeiterfamilien, die stolz sind auf ihr smartes Kind und alles dafür tun, ihm den Schritt ans Gymnasium zu ermöglichen. Doch je niedriger die Bildungsorientierung der Familie, desto deutlicher ist die skeptische Haltung. Aussagen wie «Wer ins Gymnasium geht und studiert, weiss nicht, was arbeiten heisst», sind ein schlechtes Fundament für junge Menschen, die als erste in der Familie übers Gymnasium und ein Studium überhaupt nachdenken. Zweifel, ein geringes Selbstbewusstsein und Angst vor dem Scheitern sind programmiert.

Der Wert des Gymnasiums sinkt

Jenseits der unterschiedlichen familiären Entscheidungen erzeugt unser Zeitgeist ein Bildungsparadox, das der Soziologe Ulrich Beck als «Fahrstuhleffekt» bezeichnet hat. Gemeint ist das Phänomen, wonach unsere Gesellschaft sich zwar ein kollektives Mehr an Einkommen, Bildung, Recht und Massenkonsum erarbeitet hat und so eine Etage höher gefahren ist. Der Abstand zwischen den Schichten aber ist dadurch nicht kleiner geworden. Der Trend zur Akademisierung und die Entwertung von Bildungsabschlüssen haben diesen Fahrstuhleffekt im vergangenen Jahrzehnt weiter verstärkt. In dem Masse, wie der Bedarf nach Bildung und der Zustrom zu den Gymnasien wächst, sinkt ihr Wert.

Der Trend zum Gymnasium führt deshalb auch dazu, dass es für alle immer enger wird – für Arbeiterkinder sowieso, aber auch für Kinder aus Mittelschichtfamilien, die sich einer immer grösseren Konkurrenz aus den eigenen Reihen gegenübersehen. Wenn sich alle ähnlich verhalten und mehr in ihre Ausbildung investieren, zählt auch die beste Leistung weniger als bisher. Der Soziologe Heinz Bude hat diesen Sachverhalt an einem Beispiel veranschaulicht: Wenn im Fussballstadion alle aufstehen, um besser aufs Spielfeld zu sehen, sieht niemand besser, als wenn alle sitzen.

Noten sind nach wie vor die wichtigste Voraussetzung für den Aufstieg. Auch Lehrkräfte sind oft überzeugt, der Übertritt ins Gymnasium hänge von den Noten ab, weshalb die Entscheidung einfach sei. Zu selten wird berücksichtigt, wie sie zustande kommen. Arbeiterkinder werden gemäss verschiedenen Studien bei gleichen Kompetenzen deutlich strenger bewertet als Kinder aus der Mittelschicht.

Nimmt man den Intelligenzquotienten (IQ) als Massstab, sind viele Kinder heute am falschen Ort. Die Intelligenzforscherin Elsbeth Stern von der ETH Zürich hat nachgewiesen, dass ein Drittel aller Gymnasiastinnen und Gymnasiasten gar nicht fürs Gymnasium geeignet ist. Andererseits verfügen bis zu zehn Prozent der Jugendlichen, die nicht das Gymnasium besuchen, über einen IQ, der sie für diesen Schultyp qualifizieren würde. Dies ist auch ein Ergebnis unserer Längsschnittstudie «Hochbegabte Lehrlinge in der Berufsbildung», in der fast acht Prozent der Lernenden einen überdurchschnittlichen IQ aufwiesen. Manche von ihnen verfügten auch über akademisch orientierte Neigungen. Das heisst: Sie wären für den Besuch eines Gymnasium prädestiniert gewesen.

Arbeitereltern kaufen keine Vorbereitungsstunden ein

Der IQ ist nicht das Mass aller Dinge. Gemäss der Forschung sprechen viele Indizien dafür, dass sogenannte Lebenskompetenzen wie Fleiss, Durchsetzungsfähigkeit oder Frustrationstoleranz für den langfristigen Bildungserfolg ebenso bedeutsam sind. Doch die massive Übervertretung von Akademikerkindern am Gymnasium liegt auch daran, dass die Lehrerinnen und Lehrer die soziale Herkunft und die Erwartung der Eltern bei der Selektion berücksichtigen. Dies ist keine neue Erkenntnis, aber der Bildungspolitik fällt es schwer, darauf zu reagieren. Es heisst dann, Lehrkräfte sollten einfach weniger selektiv benoten, dann sei das Problem gelöst. Doch Noten sind grundsätzlich anfällig für Verzerrungen. Das Problem liegt kaum in der persönlichen Verantwortung der Lehrkräfte.

Bereits wenige Umstände können dazu führen, dass Arbeiterkinder beim Übertritt ans Gymnasium schlechtere Karten haben. Ihnen fehlt zum Beispiel die Unterstützung der Eltern bei den Hausaufgaben, die vorausgesetzt wird. Ihre Eltern können aber auch nicht einfach Vorbereitungsstunden dazukaufen. Ausserdem treten höhergebildete Eltern selbstbewusster auf und neigen stärker zu Rekursen. Eine Studie von Franz Baeriswyl und seinem Team an der Universität Freiburg weist zudem nach, dass Akademikereltern ihre Kinder eher überschätzen, während für Arbeitereltern das Gegenteil gilt. Sie attestieren ihren Kindern bei vergleichbaren Fähigkeiten geringere Begabungen und empfinden eine schlechtere Beurteilung durch die Lehrperson nicht als ungerecht.

Solche Parameter sind Störfaktoren, welche die Qualität jedes Übertrittsverfahrens schwächen. In Kantonen mit einem grossen Mitspracherecht der Eltern ist die soziale Selektivität beim Übertritt ans Gymnasium grösser als in Kantonen, in denen die Schule den Übertrittsentscheid allein fällt oder er auf einer Aufnahmeprüfung basiert. Aber auch beim Modell der Aufnahmeprüfung wirkt der «Elternwille» in Form von vielen in die Prüfungsvorbereitung investierten Förderstunden.

Die Dirigierfunktion des Auswahlverfahrens hat weitreichende Konsequenzen, weil der Übergang ins Gymnasium das wohl wichtigste Nadelöhr für die bessere Ausschöpfung der intellektuellen Begabtenreserven von Arbeiterkindern ist. Doch bis heute steht kein gerechtes Aufnahmeverfahren zur Verfügung. Ob notenbasierte Lehrerempfehlung und Elternmitspracherecht oder eine Prüfung – es gibt keine wissenschaftlichen Belege dafür, dass das eine oder andere Verfahren zu einem Abbau der Ungleichheit führt. Weder mit einer seriösen Handhabung der Noten noch mit einem wissenschaftlich durchdachten System kann man den Übertrittsentscheid gerecht gestalten – lediglich fairer. Welches Verfahren gewählt wird, bleibt deshalb eine politische Glaubensfrage.

Die Lösung: Mentorinnen und Mentoren

Wie kann unsere Gesellschaft vor diesem düsteren Hintergrund mehr Bildungsaufstiege ins Gymnasium ermöglichen? Grundsätzlich könnte man die beliebte Forderung unterstützen, dass es hierfür grosse Anstrengungen in der Sozial- und Bildungspolitik braucht und keine «Alibi-Reförmchen». Doch inzwischen gilt es als Tatsache, dass nicht in erster Linie die Bildungsausgaben eine zentrale Rolle spielen (die Schweiz nimmt hier bekanntlich einen Spitzenplatz ein), sondern die Einstellung von Leitungsgremien sowie Lehr- und Fachkräften an Schulen. Deshalb plädiere ich für eine bescheidene und kostengünstige Variante, die sich auf die Mentoratsfunktion von Erwachsenen konzentriert und im Hier und Jetzt umsetzbar ist.

Die Forschung belegt mit einiger Eindeutigkeit, dass intellektuell begabte und akademisch interessierte Arbeiterkinder ganz besonders auf die Unterstützung solcher Mentorinnen und Mentoren angewiesen sind. Damit sind keineswegs nur Lehrerinnen und Lehrer gemeint, sondern auch Trainerinnen und Trainer im Sport, Musiklehrerinnen, Pfarrer, Schulsozialarbeiterinnen oder Berater. Da Arbeiterkindern Modelle des sozialen Aufstiegs und oft auch das Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten fehlen, hängt der Erfolg wesentlich von der Unterstützung solcher Personen ab, die an die Stelle der Eltern als «signifikante andere» ins Spiel kommen.

Ihre Haltung ist wichtiger als jede grosse Reform – aber nur, wenn sie gegenüber Arbeiterkindern herausfordernd sind, damit das Gymnasium eine echte Option werden kann. Der Weg zu solchen herausfordernden Haltungen bezeichne ich in Anlehnung an die Studie von Thomas Spiegler als «die drei Schritte zum Bildungsaufstieg». Er umfasst das Dürfen, das Wollen und das Können.

Mehr Akademikerkinder in die Berufslehre

Das Dürfen zu fördern ist die wichtigste Aufgabe von Mentorinnen und Mentoren. Sie haben eine Schlüsselfunktion, wenn sie Arbeiterkinder ermuntern, sich ihres Potentials überhaupt bewusst zu werden, sie darin unterstützen, Aspirationen zu entwickeln und an Visionen zu glauben. Die Haltung «Du schaffst das!» kann für den Aufstieg entscheidend sein.

Das Wollen gehört ins Repertoire von Lehrkräften und schulischer Beratung. Gemeint ist, dass sie die Möglichkeit Gymnasium konsequent mitdenken, sich nicht der Skepsis von Arbeitereltern anschliessen und das Negativ-Labeling «Lieber ein guter Sekschüler als ein schlechter Gymnasiast» vermeiden. Man hört noch viel zu oft die gutgemeinten Ratschläge, solchen Kindern müsse man ein realistisches Bild vermitteln, wie hoch die Ansprüche am Gymnasium seien, um sie vor dem Scheitern zu bewahren.

Die vielleicht schwierigste Aufgabe haben Lehrerinnen und Lehrern, wenn es um das Können geht. Wollen sie das Können objektiv erfassen, kommen sie nicht darum herum, Leistungen als Ergebnis von Anstrengung und Übung und nicht von sozialer Herkunft und familiärer Unterstützung zu betrachten. Solche Lehrkräfte stellen darum Lernprozesse und Fähigkeiten in den Mittelpunkt und nicht die Produkte in Form von Noten oder die Ressourcen der Herkunft.

Das Gymnasium muss eine Bildungsstätte für intellektuell begabte junge Menschen jeglicher Herkunft werden. Deshalb muss unsere Gesellschaft das Ziel der Chancengerechtigkeit verfolgen, definiert als die Ermöglichung und Unterstützung fairer Chancen bei der Überwindung von Nachteilen und die Ausrichtung auf die Entdeckung von Potentialen.

Wer sich an einem solchen Verständnis von Chancengerechtigkeit orientiert, bekennt sich dazu, dass soziale Selektivität kein unabänderliches Schicksal ist. Den Ausschlag bei der Bildungs- und Berufswahl müssen Neigungen und Fähigkeiten geben, nicht soziale Herkunft oder familiäre Förderressourcen.

Wenn es so wäre, würden mehr Jugendliche aus gutsituierten Familien einen Beruf erlernen, während mehr intellektuell begabte Kinder aus Arbeiterfamilien das Gymnasium besuchen würden. Dies zu bewerkstelligen ist eine der grossen Herausforderungen der Zukunft.

Margrit Stamm ist emeritierte Professorin für Erziehungswissenschaften an der Universität Freiburg.

 

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