17. April 2021

Umstrittene Gratis-Mittagessen in der Stadt Zürich

Was seit sechs Jahren an diversen Schulen in der Stadt Zürich getestet wird, soll bald die Norm werden: Stadtrat und Schulpflege wollen ab dem Schuljahr 2023/24 alle Schulen in freiwillige Tagesschulen überführen. Das hat der Stadtrat an seiner Sitzung am Mittwoch beschlossen, wie er mitteilt. Nächstes Jahr soll das Volk definitiv über die Einführung befinden. 

Alle Kinder sollen in der Schule essen, Tages Anzeiger, 15.4. von Ev Manz und Corsin Zander

Weil nicht alle Schulbauten schon auf Tagesschulen ausgerichtet sind, wird schrittweise auf das neue Regime umgestellt. 2023 folgen die ersten 5 von über 80 verbleibenden Schulen, an denen die Tagesschule bis 2031 eingeführt werden soll.

Die Einführung dürfte nach dem für die Stadt Zürich definierten Modell erfolgen. Dieses berücksichtigt Erkenntnisse aus den Evaluationen und bisherige Erfahrungen der Pilotschulen. Neu sollen offene und unentgeltliche Betreuungsangebote bis 15.30 Uhr hinzukommen. 

Mittagessen wird teurer

Um die grossen Zusatzkosten für die Tagesschule zu begrenzen, werde der Einheitstarif angepasst, teilt die Stadt mit. Für Familien mit tiefer wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit beträgt der Mindesttarif 4.50 Franken, der Maximaltarif für die gebundenen Mittage wird von 6 auf 9 Franken erhöht. Dabei entfallen 7 Franken auf das Essen und 2 Franken auf die Infrastrukturnutzung.

An den zusätzlichen Kosten für die Mittagessen stört sich die SP, wie sie in einer Mitteilung schreibt. Die Volksschule müsse kostenlos sein. «Dafür werden wir uns im Gemeinderat einsetzen», wird Gemeinderätin Ursula Näf zitiert. Ausserdem fordert die SP eine Betreuung aller Kinder bis 16 Uhr. 

«Wir haben uns an den effektiven Kosten für das Mittagessen orientiert», sagt der zuständige Stadtrat Filippo Leutenegger. Die gesamten Betreuungskosten trage die Stadt schon heute. Im neuen System würden die Mittage die Stadt ab dem Schuljahr 2030/31 jährlich rund 75 Millionen Franken mehr kosten. Unterstützt wird Leutenegger von seiner Partei. Die FDP zeigt sich zufrieden mit dem Plan und schreibt, die Schule müsse als Bildungsinstitution unentgeltlich sein, «die Kosten für die Verpflegung sollen aber teilweise von den Eltern übernommen werden». Die «Gratis-Mentalität von Links-Grün» lehne die Partei ab. 

Rückhalt in der Bevölkerung

Das Pilotprojekt «Tagesschule 2025» wird in Zürich seit sechs Jahren erfolgreich erprobt. 2016 startete die Stadt in einer ersten Phase mit sechs Schulen. Nachdem sich in einer Volksabstimmung im Juni 2018 eine grosse Mehrheit (77,3 Prozent Ja-Stimmen) für eine zweite Phase des Projekts ausgesprochen hat, werden seit 2019 und bis Ende 2022 weitere 24 Pilotschulen in eine Tagesschule überführt.

In der Tagesschule bleiben die Schülerinnen und Schüler ab dem zweiten Kindergartenjahr an Tagen mit Nachmittagsunterricht über Mittag in der Schule. Während der 80-minütigen Mittagspause erhalten sie eine warme, ausgewogene Mahlzeit, die je nach lokalen Gegebenheiten gestaffelt eingenommen werden kann. Diese Zeit könne an fast allen Schulen eingehalten oder aus betrieblichen Gründen bis zu 90 Minuten verlängert werden, sagt Leutenegger: «Widerstand dagegen gibt es kaum.» Dies zeigten Evaluationen der Pilotphasen. 

Anders klingt es im Gemeinderat, wo es sowohl rechts als auch links kritische Stimmen gibt. «Wir sind nicht grundsätzlich gegen die Tagesschule, aber sie muss freiwillig bleiben», sagt SVP-Gemeinderat Stefan Urech. Sei die Zeit für die Verpflegung zu kurz, zwinge man die Kinder, über Mittag in der Tagesschule zu bleiben. Dazu gibt es auch Widerstand einzelner Eltern, die kürzlich eine Petition lanciert haben.

5 Betreuende für 60 Kinder

Walter Angst von der AL weist auf die Qualität der Betreuung hin. Einerseits seien 80 Minuten sehr kurz, andererseits müsse auch sichergestellt werden, dass die Kinder wirklich betreut und über Mittag nicht abgefertigt werden. Momentan rechne der Stadtrat mit 5 Personen pro 60 Kinder. Dies sei sehr knapp. 

Ausserdem fordert Angst, dass die Betreuungspersonen nicht einfach nur Aufsicht halten, sondern die Kinder auch fachlich betreuen, mit ihnen etwa Hausaufgaben machen. «Dafür muss das Personal entsprechend ausgebildet sein», sagt Angst.

Ähnlich klingt es bei den Grünen: «Für die Chancengerechtigkeit ist ein guter Betreuungsschlüssel wichtig», schreiben sie in einer Mitteilung. Weiter stellen sie räumliche Anforderungen an die Tagesschulen. Kinder sollten die Möglichkeit erhalten, sich zurückziehen zu können. «Kinder haben unterschiedliche Bedürfnisse, und manche brauchen zwischendurch Momente der Ruhe», schreiben die Grünen.

Die Weisung des Stadtrats über die flächendeckende Einführung der Tagesschule wird nun noch in der gemeinderätlichen Kommission und dann im Parlament diskutiert. Es ist durchaus denkbar, dass da noch Anpassungen zum Plan des Stadtrats vorgenommen werden.

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