28. April 2021

Postulat fordert Analyse zu den Grundkenntnissen der Schulabgänger

In der Mathematik sind die Schweizer Jugendlichen Spitze, beim Lesen befinden sie sich im internatinalen Durchschnitt: So lauteten die Ergebnisse der letzten PISA-Studie, die vor drei Jahren stattfand. Die nächste Studie wurde wegen Corona verschoben. Im Kanton St. Gallen kommen währenddessen Befürchtungen auf, dass es mit den Grundfähigkeiten der Schülerinnen und Schüler am Ende der Volksschulzeit immer mehr hapert. 

Häufige Klagen über Schulabgänger, St. Galler Tagblatt, 26.4. von Adrian Vögele

In der Aprilsession des Kantonsrats haben Sandro Wasserfallen (SVP), Bernhard Hauser (SP), Michael Sarbach (Grüne) und Peter Boppart (CVP) - alle arbeiten im Schulbereich  - einen Vorstoss zu diesem Thema eingereicht.  Die schulischen Anforderungen an die Jugendlichen würden steigen, heisst es darin. Natürlich werde die Welt einerseits immer komplexer und die Schule müsse sich anpassen. "Auf der anderen Seite klagen Lehrbetriebe, Lehrpersonen von Abnehmerschulen und Eltern immer häufiger und vehementer, dass es den Jugendlichen, welche die Volksschule abschliessen, zunehmend an elementaren Grundlagenkenntnissen und Fähigkeiten fehlt."

Demnach falle den Jugendlichen einfaches Kopfrechnen, Prozentrechnen, Rechtschreibung oder auch nur das Verfassen oder Verstehen eines einfachen Textes zunehmend schwer. 

Bei der letzten schweizweiten Überprüfung der Grundkompetenzen 2016/2017 befand sich der Kanton St. Gallen zwar im oberen Mittelfeld. Dennoch, so schreiben die Kantonsräte, seien die kritischen Hinweise "ernst zu nehmen und tiefgreifend zu analysieren, damit die junge Generation des Kantons national und international wettbewerbsfähig bleibt". 

Die Regierung soll darum bei den witerführendn Schulen - also den Mittel - und Berufsschulen - eine Bestandesaufnahme durchführen. Ein Bericht ans Parlament soll dann zusammenfassen, wie es um die Kompetenzen der Volksschulabgänger in Deutsch und Mathematik steht. 

Ist der neue Lehrplan überladen?

Sandro Wasserfallen, selber Oberstufenlehrer, betont, er wolle mit diesem Vorstoss weder den Schülerinnen und Schülern noch den Lehrpersonen einen Vorwurf machen. "Es ist nicht so, dass die Jugendlichen weniger intelligent wären als früher, und die Lehrkräfte unterrichten auch nicht schlechter." Die Schwierigkeiten mit den Grundkompetenzen seien möglicherweise eine Folge davon, dass immer mehr Ansprüche der Gesellschaft an die Schule delegiert würden. Der Unterricht werde, gerade auch seit Einführung des neuen Lehrplans, mit Anforderungen überladen - "was dazu führen kann, dass manche Themen nur noch oberflächlich behandelt werden". Und eben beispielsweise Grundlegendes wie Kopf- und Prozentrechnen, Lesen oder Rechtschreibung zu kurz kommen.

Vielleicht liege eine weitere Ursache auch in den angewandten Lernmethoden, wie etwa dem "Schreiben nach Gehör", sagt Wasserfallen. Auf die Sprachfähigkeiten hätten vermutlich auch die sozialen Medien und neue digitale Kommunikationskanäle wie Whatsapp einen Einfluss. "Dort schaut natürlich kaum jemand auf eine korrekte Schreibweise."

Wasserallen hofft nun, dass das Parlament dem Postulat zustimmt und die Erhebung an den weiterführenden Schulen tatsächlich stattfindet. "Auf diesen Ergebnissen kann man dann aufbauen und allenfalls Massnahmen einleiten."

Wa sagt die Pädagogische Hochschule St. Gallen (PHSG) zu diesen Befürchtungen ? "Die Förderung von Grundkompetenzen ist eine ständige zentrale Aufgabe von Schule und wird nach wie vor wahrgenommen", sagt Christian Brühwiler, Prorektor Forschung und Entwicklung. Studien wie PISA würden zeigen, dass der Trend in den vergangenen 20 Jahren stabil geblieben sei. Und: "Die Schülerinnen und Schüler des Kantons St. Gallen schneiden in allen nationalen Schulleistungsvergleichen mindestens durchschnittlich, oft sogar überdurchschnittlich ab." Mit Blick auf den kantonalen Vergleich bestehe somit kein besonderer Handlungsbedarf. Die nationale Studie "Überprüfung des Erreichens der Grundkompetenzen" ergab, dass 84 Prozent der Schüler die Grundkompetenzen im Rechtschreiben erreichen oder übertreffen.

"Dennoch muss uns natürlich beschäftigen, dass - trotz zahlreicher bildungspolitischer Massnahmen und pädagogischer Reformen - ein beträchtlicher Teil der Kinder und Jugendlichen nicht über die Kompetenzen verfügt, die eine erfolgreiche Teilhabe am gesellschaftlichen Leben erfordert", sagt Brühwiler. Dieser Befund sei aber keineswegs neu. Zentral sei seine möglichst gute Aus- und Weiterbildung der Lehrerinnen und Lehrer: "Gute Lehrpersonen, die guten Unterricht machen, sind die beste Möglichkeit, um die Chancen für ein flächendeckendes Erreichen der Grundkompetenzen zu erhöhen". 

Immer weniger Jugendliche lesen freiwillig

Auch wenn sich die Schuleistungen über die Zeit hinweg nicht bedeutend verändert haben: Die letzte PISA-Studie zeigt, "Dass die Lesemotivation und Lesefreude der Jugendlichen deutlich abgenommen hat", wie Brühwiler sagt. 2018 gaben in der Schweiz 51 Prozent der 15-Jährigen (und 62 Prozent der Knaben) an, nicht freiwillig zu lesen. Im Jahr 2000 war es erst etwa ein Drittel. Diese Entwicklung verbinde sich mit einem gesellschaftlichen Trend, in welchem Kurz-, Sprach- und Bildnachrichten immer stärker die schriftliche Kommunikation domineren würden und das Lesen längerer Texte immer stärker zurückgedrängt werde. "Angesichts der Erkenntnis, dass Jugendliche, die oft lesen und über gute Lesestrategien verfügen, auch Texte besser verstehen, kann die oben erwähnte Entwicklung Sorge bereiten", sagt Brühwiler. "Hierzu müssen Schule und die Bildungspolitik unserer Ansicht nach Massnahmen einer Gegensteuerung ergreifen."

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