7. März 2020

Logopädinnen wollen mehr Ressourcen


Die Logopädinnen und Logopäden aus dem Kanton Solothurn wollen die Vielfältigkeit ihres Berufs aufzeigen und fordern mehr Ressourcen.
Mehr als Hilfe für lispelnde Kinder: Logopädinnen wünschen sich mehr Ressourcen, Solothurner Zeitung, 6.3. von Rebekka Balzarini

Das Logopädiezimmer in Biberist ist voll mit Büchern und Spielsachen. In der Ecke steht ein Trampolin, an der Wand hängen bunte Reifen. In dem Zimmer in Biberist geht es aber nichts nur ums Spielen, sondern auch um Sprache. Am Tisch sitzt Logopädin Sira Kaiser, ihr gegenüber ein Primarschüler. Gemeinsam üben sie den Laut «P». Mit jedem gelungenen «P» pusten sie kleine Wattebäusche auf ein Blatt Papier zwischen ihnen. Am Ende kann der Schüler daraus einen Schneemann auf das Blatt kleben.
Sira Kaiser ist Logopädin an der Primarschule in Biberist und Co-Präsidentin des Vereins der Logopädinnen und Logopäden des Kantons Solothurn (VLS). Der VLS möchte anlässlich des heutigen europäischen Tages der Logopädie die Vielfältigkeit und den Nutzen der Logopädie betonen. Und damit zeigen, wieso es sich lohnt, Ressourcen in die Logopädie zu investieren.

Zum einen macht den Schulen im Kanton Solothurn ein Fachkräftemangel zu schaffen, der vor allem auf dem Land zu spüren ist. Zum anderen könnten die Logopädinnen und Logopäden im Kanton mehr Stunden brauchen. Viele Logopäden an den Solothurner Schulen haben lange Wartelisten, auf der Liste von Sira Kaiser stehen manchmal bis zu zehn Kinder.

Viele Kinder, aber nur wenig Stunden
Die Logopädiestunden an den Schulen im Kanton Solothurn werden durch die Gemeinden finanziert. Pro 100 Schüler müssen die Gemeinden mindestens drei und maximal sechs Stunden finanzieren, an den meisten Schulen werden die sechs Stunden gewährt. Trotzdem sind die Stunden laut dem VLS knapp bemessen: «Zwischen fünf bis zwölf Prozent der Kinder haben Sprachentwicklungsstörungen», sagt Sira Kaiser.

Logopädie kommt an den Schulen nicht nur dann zum Einsatz, wenn es bei der Aussprache hapert. Logopäden helfen auch bei Problemen mit der Grammatik, bei Stottern oder dann, wenn Kinder einen zu kleinen Wortschatz haben. Damit sind sie eine wertvolle Ergänzung zum Unterricht, bestätigt Roland Misteli vom Verband Lehrerinnen und Lehrer Solothurn (LSO). «Die gezielte Förderung in der Logopädie entlastet den Unterricht in den Regelklassen», schreibt er auf Anfrage.

Besonders eine Entwicklung der letzten Jahre hat bewirkt, dass die Wartelisten der Logopädinnen und Logopäden voll sind: In Zusammenhang mit der schulischen Integration kamen mehr Kinder in die Kindergärten und Primarschulen, die vorher in der Sprachheilschule betreut wurden. Für Kinder mit dem Sonderschulstatus erhalten Schulen zwar zusätzliche Logopädiestunden im Rahmen der Integrativen sonderpädagogischen Massnahmen (ISM). Allerdings nur dann, wenn die Kinder zusätzlich noch eine andere Beeinträchtigung aufweisen und von einer Heilpädagogin betreut werden müssen.

Ist dies nicht der Fall, dann müssen die Kinder in Stunden aus dem herkömmlichen Pool für Logopädiestunden betreut werden. Andere Kinder mit leichteren Sprachstörungen rutschen so auf der Warteliste nach unten, und die Kinder mit schweren Störungen können trotzdem nicht so intensiv betreut werden, wie sie es eigentlich nötig hätten.
Das kann laut VLS-Co-Präsidentin Sira Kaiser Spätfolgen verursachen: «Wenn Kinder nicht verstanden werden, dann ist das für sie schlimm. Sie könnten sich zurückziehen oder Verhaltensstörungen entwickeln», erklärt sie.

Damit Kinder erfolgreich an ihrem Alltag teilhaben können, sei deshalb früh eine umfassende Betreuung nötig. Logopädie als ISM soll deshalb für Kinder mit schweren Spracherwerbsstörungen, welche keine zusätzliche Beeinträchtigung haben, auch ohne Heilpädagogik angeboten werden können. Und zwar ohne dafür Stunden aus dem logopädischen Pool beziehen zu müssen.

Diese Forderung wird vom Verband Lehrerinnen und Lehrer Solothurn laut Roland Misteli unterstützt – unter einer Bedingung: «Wichtig ist, dass die zusätzlichen Lektionen nicht aus dem Pool für heilpädagogische Stunden abgezogen werden», schreibt er.

Kanton will vorerst nichts an der Stundenzahl ändern
Die Verfahren und Zuständigkeiten im Bereich der Logopädie im Kanton Solothurn sind im Merkblatt Logopädie festgelegt, welches der Kanton im Jahr 2015 gemeinsam mit dem VLS erarbeitet hat. Dem Kanton Solothurn ist der Wunsch des LSO und des VLS nach mehr Logopädiestunden für Kinder mit Sonderschulstatus bekannt. Das schreibt Andreas Walter, der Amtsvorsteher des Solothurner Volksschulamts auf Anfrage. Allerdings will der Kanton den beiden Verbänden vorerst nicht entgegenkommen.
«Die Umsetzung gemäss erwähntem Merkblatt hat sich grossmehrheitlich bewährt. Es ermöglicht den Beteiligten eine transparente, kantonsweit einheitliche und damit rechtsgleiche Anwendung. Eine Ausweitung der Angebote ist nicht angezeigt», schreibt er. Und weiter: «Aus qualitativen Gründen müsste vor einem allfälligen Ausbau zwingend zuerst genügend zusätzliches Fachpersonal rekrutiert und ausgebildet werden. Eine durchaus schwierige Aufgabe im Kampf um die besten Leute in den einzelnen Fachdisziplinen.»

Am meisten würde es laut Walter die kleinen Gemeinden treffen, wenn zusätzliche Logopädiestunden für Kinder mit Sonderschulstatus bewilligt würden. Diese hätten dann laut Walter noch mehr Mühe als heute, Logopädinnen und Logopäden für ihre Schulen zu finden.
Ganz vom Tisch ist die Möglichkeit für mehr Logopädiestunden aber nicht. Ab April 2020 könnte es eine mögliche Entlastung geben im Bereich der Logopädie. Ab April sind Therapiestunden für Kinder, die an einer anatomischen Beeinträchtigung wie etwa einer Nasen-Gaumen-Spalte leiden, wieder zu einem gewissen Teil von Krankenkassen finanziert. Hier sieht Walter ein mögliches Potenzial für eine Entlastung im Bereich der Logopädie. «Die neuen Zuständigkeiten und Abrechnungsverfahren müssen sich aber noch einspielen», so Walter.


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