In der Schule gibt es Noten. Das ist so weit
bekannt. Ab wann genau Kinder benotet werden, ist von Kanton zu Kanton
unterschiedlich. Die Solothurner beginnen besonders früh damit: Hier werden
Kinder ab der ersten Klasse mit Zahlen beurteilt. Eingeführt wurde diese
Regelung erst 2011, es war ein politischer Entscheid. Die Begründung: Mit
Zahlen könne den Eltern besser aufgezeigt werden, wie weit ihr Kind ist. Zudem
würden Noten für die Schüler zusätzlich motivierend wirken. Lehrer wie auch
Schulleiter waren nicht gerade glücklich über diese Änderung. Umso grösser ist
jetzt dafür die Freude, dass die Noten möglicherweise bereits wieder
abgeschafft werden.
Schulnoten für Erstklässler werden möglicherweise wieder abgeschafft, Solothurner Zeitung, 8.10. von Raphael Karpf
Rückmeldungen sind vielfältiger geworden
Genau dies lässt das Volksschulamt momentan
erproben. In insgesamt fünf Schulen laufen seit einem Jahr Versuche, bei denen
andere Beurteilungsarten ausprobiert werden (siehe dazu Text rechts). Zum
Beispiel in Halten, Oekingen und Kriegstetten, an den Standorten der
Kreisschule Hoek. «Die Relevanz von Noten in der Unterstufe ist so klein»,
begründet Schulleiter Andreas von Felten. «Wenn man die so anschaut, müsste
jedes Kind Akademiker werden. Das ist nicht so. Hier wird nicht die Realität
abgebildet.»
Statt auf Noten setzt man an der Kreisschule nun
stärker auf unterschiedliche Leistungsbelege. Mal wird den Eltern ein Portfolio
mit nach Hause gegeben, ein anderes Mal ein Test, dann wieder eine kurze
Leseübung. Den Eltern wird nach wie vor gezeigt, was ihr Kind gelernt hat. Die
Rückmeldungen seien aber vielfältiger und aussagekräftiger geworden als noch
mit den Noten, findet Delia Bohren, 1.- und 2.- Klass-Lehrerin in Oekingen:
«Eine Note ist nur eine Momentaufnahme. Drei Monate später sagt sie nichts mehr
darüber aus, was das Kind aktuell in diesem Bereich kann.» Zudem habe die
grössere Vielfalt der Rückmeldungen noch einen weiteren positiven Effekt: «Da
ich nun nicht mehr dauernd die Benotung im Hinterkopf habe, kann ich auch bei
der Bewertung darauf achten, welche Art von Rückmeldung das Kind in seiner
Entwicklung am besten voranbringt», sagt Bohren.
Standortgespräch als Plattform für das Kind
Portfolios und Co: Das sind alles keine neuen
Erfindungen. Viele dieser Werkzeuge kommen schon lange zum Einsatz. Neu fallen
einfach die Noten als Teil des Ganzen weg. «Mit den Noten legen wir einen
Bremsklotz zur Seite, der mehr geschadet als genützt hat», sagt von Felten.
Viele andere Dinge sind gleich geblieben. So zum Beispiel das Standortgespräch:
Einmal jährlich treffen sich Lehrperson, Kind und Eltern. Nur wird dort an
allen Standorten der Kreisschule Hoek kein Zeugnis mit Noten mehr vorgelegt.
Die Schule hat sich für eine andere Vorgehensweise entschieden. Und zwar für
eine mit einem Möbelstück.
Die «Gesprächs-Kommode» ist genau das: eine
Kommode. Sie hat verschiedene Fächer, auf den Schubladen finden sich Begriffe
wie Mathematik oder Deutsch, aber auch Eigenständigkeit oder soziale Medien.
Geführt von der Lehrperson, öffnet das Kind unterschiedliche Schubladen und
zeigt seinen Eltern, was es auf einem bestimmten Gebiet gelernt hat. Und diese
Plattform nutzen die Kinder offenbar rege. «Am Anfang waren wir nicht sicher,
wie ein solches Gespräch herauskommen würde», sagt von Felten. Später war er
selber überrascht. «Die Kinder haben fast eine ganze Stunde lang geredet. Das
war höchst spannend anzusehen.» Und von keinem einzigen Elternteil habe es
bisher eine Rückmeldung gegeben, man würde die Noten vermissen.
Nun wird ein Jahr lang weitergeprobt
Während die Kreisschule Hoek nun so weiterarbeitet,
testen die anderen Modellschulen andere Dinge aus. Als Grundlage gilt überall
der Solothurner Lehrplan. Wie die Beurteilung im konkreten aussieht, das
überlässt der Kanton bewusst den einzelnen Schulen. «Wir sind sehr daran
interessiert, eine breite Palette an Einschätzungen und Erfahrungen zu
bekommen», sagt Elisabeth Ambühl-Christen. Sie ist Leiterin Qualitätssicherung
beim Volksschulamt und für das Projekt verantwortlich. Aus all den
verschiedenen Erkenntnissen will das Volksschulamt schliesslich herausfiltern,
welche Erfahrungen sich auf den ganzen Kanton übertragen lassen. An der
Kreisschule Hoek denkt man indes schon einen Schritt weiter. Man spüre die
Offenheit vom Kanton und geniesse die Freiheiten, die man beim Versuch
zugesprochen bekommen hat, sagt von Felten. «Ich wünsche mir, dass man diese
Offenheit beibehält. Nicht dass es irgendwann eine Weisung gibt und die
Beurteilung von allen Schulen im Kanton genau gleich gemacht werden muss. Das
wäre schade.»
Und was meint eigentlich die Politik zu dem Ganzen?
Immerhin war es die Politik, die die Umstellung erst veranlasste. Von dieser
Front ist noch wenig zu erfahren. Begleitet werden die Modellschulen von einem
fachlichen Beirat, in dem auch Vertreter der Politik sitzen. Ende September
wurde dieser erstmals über Erkenntnisse aus dem vergangenen Jahr informiert.
Die Ergebnisse seien positiv aufgenommen und gewürdigt worden, sagt
Ambühl-Christen. Der Versuch an den Modellschulen ist auf zwei Jahre angelegt.
Weiter kommuniziert und entschieden wird danach. Jetzt wird zuerst ein Jahr
langweiter getestet.
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