Die Nachfrage nach Plätzen an privaten Lehrinstituten steigt.
Öffentliche Schulen bleiben aber ein wichtiger Pfeiler unserer demokratischen
Gesellschaft, doch müssen sie in Zukunft auch wieder verstärkt ihrem
Kernauftrag gerecht werden.
Fluch und Segen der Privatschulen, St. Galler Tagblatt, 17.6. von Mario Andreotti
Privatschulen werden, nicht zuletzt durch den
Pisa-Schock, immer beliebter. In den letzten Jahren sind private Institute wie
Pilze aus dem Boden geschossen. Die Zahl privat unterrichteter Schüler hat
stark zugenommen. Warum sind immer mehr Eltern bereit, für ihre Kinder auf die
staatlichen, weitgehend kostenlosen Schulen zu verzichten und stattdessen auf
zum Teil sehr teure Privatschulen zu setzen? Die Gründe dafür sind vielfältig,
decken doch die Privatschulen ganz unterschiedliche pädagogische Konzepte und
Weltanschauungen ab. Da finden sich konfessionelle Schulen, die – so ihr
Leitbild – für christlich-humanistische Werte stehen, neben säkularen,
besonders teuren Internaten. In diesen bleiben die Söhne und Töchter der
Reichen unter sich. Oder es gibt Schulen, die, wie etwa die Montessori- und
Rudolf-Steiner-Schulen, reformpädagogische Alternativen zur staatlichen Schule
anbieten, oder gar solche für besonders begabte Jugendliche im musischen und
sportlichen Bereich.
Dass Privatschulen im Trend liegen, kommt nicht von ungefähr. Ein
Grossteil des Wachstums erklärt sich damit, dass immer mehr Eltern glauben,
ihre Kinder seien in den öffentlichen Schulen entweder unter- oder überfordert.
Das Letztere betrifft vor allem die staatlichen Gymnasien, deren Druck viele
Schüler nicht standhalten und die deshalb den Weg zur Matura über Privatschulen
suchen, wo sie sich besser betreut fühlen und auch mehr Zeit für ihre
Entwicklung haben. Dass Privatschulen oftmals auch Sammelbecken für
Schulversager sind, wird niemand ernsthaft bestreiten wollen. Indessen darf
auch gesagt werden, dass Schüler, die in den öffentlichen Schulen durch das
Raster fallen, in privaten Einrichtungen bisweilen aufblühen.
Ausdruck des
Misstrauens
Die steigende Nachfrage nach Privatschulen hat aber nicht nur mit
Problemkindern zu tun. Sie ist auch Ausdruck des Misstrauens gegenüber einer
staatlichen Schule, in der die Schüler, schon in der Unterstufe, vor Computer
gesetzt und mehr oder weniger allein gelassen werden. Auf diese Weise spielt
die für den Lernerfolg der jungen Menschen zentrale Beziehung zwischen der
Lehrperson und den Schülern nur noch am Rande. Es sind oft die chaotischen
Zustände an öffentlichen Schulen und damit die Verwirrungen innerhalb des
Lehrkörpers durch ständig neue, pädagogisch fragwürdige Reformen, die Eltern
dazu bringen, ihr Geld in die private Schulausbildung ihrer Kinder zu
investieren. Hier werden die öffentlichen Schulen nicht darum herumkommen, sich
erneut auf ihre pädagogischen Kernaufgaben zu besinnen.
Organisationen wie die
«elternlobby schweiz» fordern die freie Schulwahl für alle. Danach sollen auch
staatlich bewilligte Privatschulen öffentlich finanziert werden, so dass das
Schulgeld für die Eltern entfällt. Eine Idee, die auf den ersten Blick
einleuchtet, die sich bei genauerem Hinsehen aber als problematisch erweist.
Denn sie bedeutet im Grunde die Abschaffung der Volksschule, jener öffentlichen
Schule, die für einen demokratischen Staat eine unabdingbare Voraussetzung
bildet. Dank ihr konnte sich eine Gesellschaft entwickeln, die es schafft, dass
Kinder über alle sozialen, kulturellen und religiösen Grenzen hinweg
miteinander aufwachsen, lernen und kommunizieren können. Würde der
Bildungsbereich vollständig privatisiert, so bestünde die Gefahr, dass Kinder
in Parallelwelten aufwachsen, dass es zu Ausgrenzungen und Ghettoisierungen
kommt und sich die soziale Ungleichheit in unserer Gesellschaft verstärkt.
In
der Öffentlichkeit herrscht die Meinung vor, Privatschulen seien prinzipiell
besser als staatliche Schulen. Das entspricht nicht den Tatsachen. Zwar
erzielen Privatschüler etwa bei Pisa ein höheres mittleres Leistungsniveau, das
jedoch damit zu erklären ist, dass sie in der Regel aus bildungsnahen
Elternhäusern kommen. Berücksichtigt man diese Herkunft, dann heben sich die
Unterschiede weitgehend auf, dann schneiden unsere staatlichen Schulen, vor
allem wenn sie ihren Kernauftrag ernst nehmen, ebenso gut oder sogar besser ab.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen