Gemäss
einer Studie ist Lesen auf gedrucktem Papier für Lernende förderlicher als auf
Bildschirmen. Vor allem das Buch sollte im Zeitalter der Digitalisierung nicht
auf dem Müllhaufen der Geschichte landen.
Bildschirmlesen kann Verständnis gefährden, St. Galler Tagblatt, 18.6. von Gottlieb Höpli
Als Ernest Hemingway gebeten wurde,
eine Geschichte in sechs Wörtern zu erzählen, antwortete er mit dem folgenden
Beispiel: «For sale: Baby shoes. Never worn.» (Zu verkaufen: Baby-Schuhe. Nie
getragen.) Herzzerreissend. Aber nur für den, der zu lesen weiss. Hinter den
alltäglichen Wörtern verbirgt sich die Geschichte eines ungeborenen oder
vielleicht totgeborenen Kindes. Verbirgt sich die Verzweiflung der Eltern,
welche die Erinnerung an das tote Kind nicht mehr ertragen – vielleicht sind
sie auch arm und zum Verkauf gezwungen.
In die Dimensionen hinter den sechs
banalen Wörtern einzudringen, das nennen Leseforscher «tiefes Lesen». Es ist
eine unschätzbare Qualität – und ein Kulturgut, das im Zeitalter der
Digitalisierung in Gefahr ist. Darauf weist die Erklärung von 130 europäischen
Wissenschaftern hin, die sich disziplinenübergreifend – als Neurolinguisten,
Sprach-, Lese- und Lernforschern und Sozialwissenschafter – in einer
grossangelegten vierjährigen Forschungsinitiative namens E-READ mit der Zukunft
des Lesens im Zeitalter der Digitalisierung befasst haben. Ihre «Erklärung von
Stavanger» verdient die Beachtung jedes Einzelnen, der sich beruflich mit
Fragen des Lesens und Lernens auseinandersetzt.
Die Erklärung von Stavanger ist
die differenziert dargelegte Erkenntnis, dass Bildschirme und bedrucktes Papier
nicht gleichwertig sind. Was angesichts der rasend schnell vorangetriebenen
Digitalisierung bedeutet: Es besteht Grund zur Sorge um das Lesen gedruckter
Texte. Dieser Druck, der ja auch ein kommerzieller Druck zur möglichst
schnellen und möglichst vollständigen Digitalisierung ist, muss hinterfragt
werden. Die gängigen Floskeln vom Rückstand in der Digitalisierung gegenüber
den Anderen, Schnelleren, Besseren, wie sie von der Politik gerne übernommen
werden, sind manchmal blosses Nachplappern der Digitalisierungs-Lobbyisten, die
sich mit immer neuer Hard- und Software eine goldene Nase verdienen.
Es droht
der Verlust des «tiefen Lesens»
Die Forschergemeinschaft aus 34 Ländern hält
fest, dass digitale Texte zwar «ausgezeichnete Möglichkeiten bieten, die
Textpräsentation auf individuelle Präferenzen und Bedürfnisse abzustimmen» (zum
Beispiel im Unterricht). Leser neigten allerdings beim Lesen digitaler Texte
«eher zu übersteigertem Vertrauen in ihre Verständnisfähigkeiten als beim Lesen
gedruckter Texte». Überfliegen und geringere Konzentration auf den Inhalt sind
die Folge. Es droht der Verlust des «tiefen Lesens», vor allem bei längeren
Texten. Das Verständnis des Gelesenen sinkt.
Bedrucktes Papier, vor allem das
Buch, sind dem Verständnis, der Konzentration, dem Aufbau eines Wortschatzes
und dem Gedächtnis förderlicher als der Bildschirm, schreiben die Forscher. Das
hat damit zu tun, dass der Mensch nicht nur mit den Augen und dem Hirn, sondern
mit dem ganzen Körper liest. Die Eigenschaften des Körpers bestimmen mit, was
wir lernen, wissen und tun können. «Dieser Faktor wird von Lesern, Erziehern
und sogar Forschern unterschätzt», heisst es in der Stavanger-Erklärung.
Wichtig sei deshalb, dass Schüler und Studierende immer wieder zur Lektüre
gedruckter Bücher motiviert würden. Lehrer und Erzieher müssten wissen, dass
«der rasche und wahllose Ersatz von Druckwerken, Papier und Stift durch
digitale Technologien im Primarbereich nicht folgenlos bleibt». Er könne zur
Verzögerung in der Entwicklung des kindlichen Leseverständnisses und des
kritischen Denkens führen. Könnte das «flachere» Bildschirmlesen nicht sogar
zum Standardmodus des Lesens werden? Mithin Anfälligkeit für Fake News,
Einseitigkeit und Vorurteile fördern? fragen die Leseforscher.
Vielleicht haben
Leute wie der Direktor der ETH-Bibliothek, der alle Bücher digitalisieren und
aus der Bibliothek entfernen will, zu viel am Bildschirm gelesen. Was zur
Gefahr führt, dass sie ihrer Aufgabe nicht mehr völlig gewachsen sind.
Die Stavanger-Erklärung kann hier gelesen werden http://ereadcost.eu/wp-content/uploads/2019/01/StavangerDeclaration.pdf
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