Am 10. Februar entscheidet das St. Galler Stimmvolk über die IT-Bildungsoffensive. Wer profitiert von dieser Vorlage? Wer verteilt das Geld? Wer hat das Nachsehen? Antworten auf die wichtigsten Fragen.
Wer bekommt die 75 IT-Millionen? St. Galler Tagblatt, 23.1. von Andri Rostetter und Regula Weik
Wer bekommt die 75 Millionen Franken, die für die IT-Bildungsoffensive vorgesehen sind?
Das Geld wird während acht Jahren in fünf Schwerpunkte investiert: Volks- und Mittelschulen, Fachhochschulen, Universität St. Gallen, Berufsbildung, Vernetzung von Bildung und Wirtschaft inklusive Förderung der MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik). Konkret geht es um die Schaffung von Kompetenzzentren für digitalen Unterricht, Lernplattformen sowie die Aus- und Weiterbildung für Lehrpersonen. An der HSG soll eine «School of Information and Computing Science» (SICS) mit Bachelor- und Masterstudiengang errichtet werden. Allein für diese SICS sind 18,8 Millionen Franken eingeplant. Für die Aus- und Weiterbildung der Lehrkräfte sind knapp 19 Millionen Franken veranschlagt. Das restliche Geld soll für den Aufbau der diversen Plattformen und Kompetenzzentren eingesetzt werden. Im Schwerpunkt «Vernetzung von Bildung und Wirtschaft» hofft der Kanton auf zusätzlich 15 Millionen Franken aus der Privatwirtschaft.
Kaufen die
Stimmbürgerinnen und Stimmbürger die Katze im Sack?
Auch wenn die Schwerpunkte definiert sind: Bis zu einem
gewissen Grad stimmt diese Aussage. Die geplanten Investitionen sind noch nicht
in jedem Fall konkretisiert, zu verschiedenen Projekten existieren bis jetzt
nur grobe Skizzen. Dazu kommt: 75 Millionen Franken klingt nach viel Geld.
Angesichts der grossen Zahl von Massnahmen und der Dauer von acht Jahren wirkt
die Summe überschaubar. In der Parlamentsdebatte zur Vorlage hatte
FDP-Politikerin Isabel Schorer mahnend ihre Stimme erhoben: Es müsse geklärt
werden, wer langfristig für die Kosten der IT-Bildungsoffensive aufkomme.
Tatsächlich ist unklar, wie die Projekte weiterfinanziert werden, wenn der
Sonderkredit nach den acht Jahren aufgebraucht ist.
Wer kontrolliert die
Ausgaben?
Die Obergrenze des Kredits ist fix und «keineswegs
überschreitbar», verspricht die Regierung. Die 75 Millionen werden in Tranchen
freigegeben; Geld fliesst nur, wenn konkrete Anträge für Projekte vorliegen.
Die Regierung kontrolliert die Freigabe der Tranchen.
Wie hat das Parlament
abgestimmt?
Das Kantonsparlament stimmte der IT-Bildungsoffensive im
Herbst mit 110 zu 0 Stimmen zu, bei sechs Enthaltungen und vier Abwesenheiten.
Diese Begeisterung herrschte aber nicht von Anfang an. Ursprünglich hatte die
Regierung nur vier Schwerpunkte für die IT-Offensive vorgesehen. Die
Berufsbildung war nicht darunter. In der Vernehmlassung gab es dafür heftige
Kritik. Insbesondere die Industrie- und Handelskammer St. Gallen-Appenzell
(IHK) und der St. Galler Gewerbeverband bezeichneten die Vorlage als
ungenügend. Auch SVP, FDP und SP bemängelten, die Stossrichtung der Offensive
sei «zu akademisch». Die Regierung nahm daraufhin Korrekturen vor und nahm die
Berufsbildung als fünften Schwerpunkt in die Vorlage auf.
Der Kanton St. Gallen
spricht von einer Schweizer Pionierleistung. Worin besteht diese?
Dass ein Kanton in die Digitalisierung investiert, ist
alles andere als neu. In kaum einem Bereich gibt die öffentliche Hand derzeit
mehr Geld für neue Projekte aus. Bis jetzt hat aber kein Kanton einen derart
umfangreichen Kredit für eine IT-Offensive über sämtliche Bildungsstufen und
-bereiche beschlossen.
Was will der Kanton
damit erreichen?
Die IT-Bildungsoffensive ist auch eine
Wirtschaftsoffensive. Die Ostschweiz kämpft – wie viele Randregionen – mit
einem Fachkräftemangel. Im Bereich Digitalisierung ist dieser Mangel besonders
eklatant. In der Ostschweiz werden nur wenige Fachkräfte ausgebildet. Die
IT-Bildungsoffensive soll Gegensteuer geben.
Werden dann alle
St. Galler Schüler mit Laptops oder Tablets ausgestattet?
Solche Details sind in der Vorlage nicht enthalten. Möglich
ist aber, dass einzelne Schulstufen im Rahmen von neuen Programmen mit neuen
Geräten ausgestattet werden. Im Kantonsparlament gab es dazu eine mahnende
Stimme. «Wir dürfen unsere Kinder nicht schon in der Primarschule mit
Bildschirmarbeit überlasten», hielt SVP-Vertreter und Sekundarlehrer Sandro
Wasserfallen fest. Bildungschef Stefan Kölliker wies damals darauf hin, dass
bei den Schülern nicht nur Computerkenntnisse, sondern auch «Soft Skills» wie
Teamfähigkeit vermehrt gefördert werden.
Wer koordiniert alle
diese Massnahmen?
Die Regierung hat Anfang Januar einen Programmleiter
eingesetzt. Roger Trösch, IT-Spezialist und Schulratspräsident von
St. Margrethen, soll sämtliche Massnahmen aufeinander abstimmen. Für diese Stelle
ist ein 50-Prozent-Pensum eingeplant. Um die Details der einzelnen Massnahmen
sollen sich die geplanten Kompetenzzentren und Plattform-Verantwortlichen
kümmern.
Was passiert, wenn die
IT-Offensive abgelehnt wird?
In der Bildung werden so oder so Investitionen im Bereich
Digitalisierung fällig. Verschiedene Informatik- und Digitalisierungsprojekte
sind bereits angelaufen, weitere in Planung. Ohne den Sonderkredit der
IT-Bildungsoffensive dürfen diverse Massnahmen trotzdem kommen, allerdings ohne
übergeordnete Koordination. Die Regierung warnt im Falle eines Neins gar vor
Stillstand oder Rückschritt in der Digitalisierung.
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