28. Dezember 2016

Mutiger Kämpfer oder unangenehmer Störenfried?

Für die einen ist Alain Pichard der mutige Kämpfer gegen Bildungsbürokratie und engagierte Anwalt der Migrantenkinder. Für die anderen ist er einfach ein unangenehmer Störenfried.

Pichard: "Ich bin nicht ein Lehrplangegner, sondern ein Lehrplankritiker". Bild: Adrian Moser
"Politiker kann jeder werden, Lehrer nicht", Bund, 27.12. von Reto Wissmann

Herr Pichard, die Pisa-Studie hat soeben gezeigt, dass jeder fünfte Schüler am Ende seiner Schulzeit selbst einfache Texte nicht versteht. Ist das in Ihrer Klasse auch so?
Es ist nicht gerade jeder fünfte, aber auch bei uns gibt es solche Schüler. Wir Lehrer haben das Problem schon lange erkannt, dafür braucht es keine Pisa-Studie. Es ist eine tickende Zeitbombe. Schülerinnen und Schüler, die nicht richtig lesen können, kommen auch in den anderen Fächern nicht mit.

Was macht man mit solchen Schülern?
Ich bin überzeugt, dass wir dieses Problem lösen können. Dafür brauchten die Schulen aber mehr Autonomie. Wir müssten solche Schüler zum Beispiel vom Französisch dispensieren und ihren Deutschunterricht massiv ausbauen können. Es darf nicht sein, dass immer neue Ansprüche an die Schule gestellt, elementare Aspekte wie das Leseverständnis hingegen vernachlässigt werden. Die Schule muss sich auf das konzentrieren, was sie kann, und sich nicht mit Zielen überfordern, die ausserhalb ihrer Reichweite liegen.

Sie wurden vor zehn Jahren national bekannt mit einem Artikel in der «Weltwoche», in dem Sie einigen Ausländergruppen, unter anderem Muslimen, mangelnden Integrationswillen vorgeworfen haben. Wie gross ist das Problem heute noch?
Die Schulen haben unterdessen viel gelernt. Wir lassen uns nicht mehr auf der Nase herumtanzen, verlangen mehr von Schülern und Eltern und setzen klarere Grenzen. Zudem haben wir jetzt die Möglichkeit eines befristeten Schulausschlusses. Dieser war zwar anfangs sehr umstritten, hat sich aber als wirksames Mittel in schwierigen Fällen erwiesen. 
Wenn eine Familie allerdings gar nicht mitmacht, stossen wir immer noch an eine Grenze. Hier würde ich mir mehr Unterstützung der Behörden wünschen, indem sie zum Beispiel Sozialhilfegelder stärker an die Kooperationsbereitschaft knüpfen. Es kann doch nicht sein, dass wir Lebensweisen finanzieren, die nicht kompatibel mit einer einigermassen erfolgreichen Berufslaufbahn sind.

Diesbezüglich gab es bereits Verschärfungen.
Ja, aber immer gegen massiven Widerstand. Interessant ist, dass meine Arbeit vor allem von den Migranten selber sehr geschätzt wird.

Vor zehn Jahren wurden Sie noch als Rassist verschrien. Heute werden Integrationsprobleme viel offener diskutiert. Gibt es noch Tabus?
Nein, heute kann man viel freier über diese Probleme sprechen.

Sie rühmen sich, seit 40 Jahren an «sozialen Brennpunkten» zu unterrichten. Orpund ist aber nicht gerade ein solcher.
Ich habe mich nie gerühmt, aber ich habe es betont. Im Vergleich zu Biel ist Orpund tatsächlich eine heile Welt. Ich bin jedoch nicht freiwillig von Biel weg. Nach meiner Wahl in den Stadtrat konnte ich nicht den Bildungsdirektor kritisieren, solange er gleichzeitig mein Chef war. Ich habe in Biel eine Klasse mit 22 Schülern verlassen, von denen 4 Schweizer waren, und habe in Orpund eine Klasse mit 24 Schülern übernommen, darunter 2 Fremdsprachige, die perfekt Deutsch sprachen. Nach meinem Wechsel hatte ich schon ein bisschen das Gefühl, ein Verräter zu sein.

Woher kommt Ihr Einsatz für Migrantenkinder?
Ich bin kein Missionar. Ich denke einfach, dass man das, was man gut kann, mit Hingabe machen muss. Und ich habe das Gefühl, dass mir die Arbeit mit diesen Jugendlichen liegt. Als Altlinker ist mir zudem die Chancengerechtigkeit sehr wichtig.

Was macht einen guten Lehrer aus?
Das A und O ist ein gut gestalteter und vorbereiteter Unterricht. Dann muss man den Schülern zeigen, dass man sich für sie interessiert, und eine Beziehung zu ihnen aufbauen. Und man muss selbstkritisch sein und sich selber immer wieder hinterfragen. Schliesslich braucht es sicher auch Leidenschaft.

Derzeit engagieren Sie sich vor allem gegen den Lehrplan 21, der im Kanton Bern 2018 eingeführt werden soll. Was stört Sie daran?
Ich bin nicht ein Lehrplangegner, sondern ein Lehrplankritiker. Mir macht die Entwicklung von Bologna über Harmos bis zum Lehrplan 21 Sorgen. Alles läuft auf ein System hinaus, in dem alles vergleichbar und messbar ist. Wer vergleichen will, braucht Standards. Wer Standards hat, muss diese testen. Und wer testen will, um vergleichen zu können, braucht Kompetenzen. Darum ist dieser Lehrplan kompetenzorientiert. Er liest sich wie ein Pisa-Testbuch und ist sicher kein Harmonisierungs-, sondern ein Kontroll- und Steuerungsinstrument.

Erziehungsdirektor Bernhard Pulver ist aber nicht gerade dafür bekannt, dass er die Schulen vermessbar und vergleichbar machen und auf die Wirtschaft ausrichten will.
Gegenfrage: Wie lange ist Herr Pulver noch im Amt?

Keine Ahnung.
Ich schätze Herrn Pulver als guten Zuhörer. Wer jedoch behauptet, der Lehrplan habe nicht die befürchteten Folgen, blendet alles aus, was überall dort passiert, wo die Kompetenzorientierung bereits eingeführt worden ist. Man muss dafür nur nach Deutschland gehen, wo bereits eine enorme Testerei und Vergleicherei eingesetzt hat.

Volksabstimmungen im Thurgau oder in Schaffhausen über den Lehrplan 21 haben gezeigt, dass die Bevölkerung ihren Erziehungsdirektoren offenbar vertraut. Gibt Ihnen das zu denken?
Wir müssen uns tatsächlich hinterfragen. Die Idee von Kompetenzen ist sehr positiv besetzt, niemand ist gegen Kompetenzen. Die Bevölkerung und insbesondere auch viele Lehrpersonen verstehen zurzeit unsere Argumente noch nicht.

Ist es sinnvoll, dass das Volk über einen Lehrplan abstimmt?
Es geht ja nicht darum zu entscheiden, ob man den Pythagoras in der 8. oder in der 9. Klasse durchnehmen soll. Es geht um eine Grundsatzfrage, und über die soll eine breite Diskussion geführt werden.

Aufseiten der Pädagogen sind es vor allem ältere Herren, die gegen den Lehrplan 21 antreten. Sollten nicht jüngere Lehrpersonen sagen, wie die Volksschule in Zukunft aussehen soll?
Da haben Sie völlig recht. Die jungen Lehrpersonen, die übrigens alle bereits kompetenzorientiert ausgebildet werden, haben am Anfang aber so viel anderes zu tun, dass sie sich fast nicht engagieren können.

Sie stecken viel Energie in den Kampf gegen den «therapeutischen Überbau» der Schule. Können Sie nicht auch froh sein über die Unterstützung durch die verschiedenen Fachstellen?
Wenn die Schule Ziele verfolgt, die ausserhalb der Reichweite des Unterrichts liegen, muss sie mit Fachinstanzen kooperieren. Das tut sie seit langem, und das ist auch kein Problem. Unterdessen gibt es aber einfach viele solcher Aufgaben und zu viele externe Fachstellen. Die Einrichtung einer unterstützenden Institution ist noch nicht per se ein humanitärer Akt. Das wird sie erst, wenn sie auch etwas bringt – wenn die Schüler dadurch zum Beispiel besser lesen können, die Gewalt abnimmt oder die Kinder dünner werden.

Damit stossen Sie viele Mitarbeitende solcher Fachstellen vor den Kopf.
Durch meine direkte Art kann das so wirken. Ich möchte auch betonen, dass wir zum Beispiel aus der Heilpädagogik viele wichtige Inputs erhalten. Trotzdem denke ich, dass gewisse Fachstellen den Anbietern mehr nützen als den Zielpersonen. Solche sollte man abschaffen und etwas Neues ausprobieren.

Wie kam es, dass Sie zu einem der bekanntesten Lehrer der Schweiz wurden?
Vielleicht liegt es daran, dass ich einer der wenigen Praktiker bin, die sich äussern. In der Zeitung kommen Erziehungsdirektoren, Bildungswissenschaftler oder vielleicht noch Schulleiter zu Wort. Normale Lehrer werden selten gefragt. Ich bin einer der wenigen, die sich getrauen, Probleme zu benennen. Mit der Zeit wurde das zum medialen Selbstläufer.

Sie verabschieden sich Ende Jahr aus der Bieler Politik. Können Sie überhaupt ohne die politische Bühne leben?
Ich war nie ein Animal politique und habe mich immer nur dort eingemischt, wo ich direkt betroffen war. Bevor ich in das politische Amt reingerutscht bin, war ich ziemlich hochnäsig gegenüber der institutionalisierten Politik. Heute begegne ich ihrer Arbeit mit mehr Respekt.

Sie haben auch schon für «höhere» Ämter kandidiert. Bedauern Sie es, politisch nicht weitergekommen zu sein?
Ich habe nie eine politische Karriere angestrebt. Politiker kann jeder werden, Lehrer nicht! Ich hätte ja sogar in den Grossrat nachrutschen können, habe aber zugunsten eines Jüngeren darauf verzichtet. Ich habe mich schon bisher vor allem ausserhalb der institutionellen Politik engagiert und werde das auch weiter tun. Vor allem werde ich mich aber wieder richtig dem Unterricht widmen. 
Die letzten Rückmeldungen meiner Schülerinnen und Schüler waren nicht mehr so gut wie früher, das war ein ziemlicher Schlag für mich. Ich hatte einfach zu viel um die Ohren. Auch wenn man 40 Jahre lang Lehrer war, sollte man den Unterricht immer noch seriös vorbereiten.

Ihre Partei, die Grünliberalen, steckt in der Krise. Hat sie ihren Zenit bereits überschritten?
Das ist eine Korrektur, keine Krise. Die Beziehung zwischen den Grünliberalen und mir war auch nie die grosse Liebe. Ich habe aber an der Partei ihre Standfestigkeit und Unabhängigkeit vom Service public geschätzt. Sie hat gerade in Finanzdebatten den Mut, auch schmerzhafte und unpopuläre Positionen zu vertreten. Bei den Grünliberalen gibt es eine grosse Diskussionskultur ohne Tabus, wie ich es von früher von der Grünen Partei her nicht kannte. 


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