Die überladene Lektionentafel der
fünften und sechsten Klasse hat die Diskussion um den eigentlichen Auftrag der
Primarschule wieder neu entfacht. Welche Bildungsinhalte sind von grosser
Bedeutung für die Entwicklung der Kinder und was ist Zusatzstoff?
Allgemeinbildung und MINT-Fächer stärker in den Fokus rücken, 15.9. von Hanspeter Amstutz
Bildungsprogramm der Mittelstufe wie
ein Wunschkonzert
Die
Vernehmlassung zum Zürcher Lehrplan 21 zeigt, dass die Schule mit zu vielen
Erwartungen konfrontiert wird. So soll auf der Mittelstufe neu das Fach
Informatik und Medienkunde eingeführt werden, der naturwissenschaftliche
Unterricht ausgebaut und neben Deutsch und Englisch auch noch Französisch
forciert gelernt werden. Das alle Wünsche umfassende Bildungsprogramm mag das
zwar manche Eltern beeindrucken und viele Bildungspolitiker zufriedenstellen.
Wie das Mammutprogramm aber unter
verschlechterten Rahmenbedingungen mit
weniger Halbklassenunterricht umgesetzt werden soll, ist
eine ganz
andere Frage.
Ein neu
aufgenommener Programmpunkt ist die Stärkung der Naturwissenschaften. Doch
dieses zentrale Bildungsziel erreicht man nicht im Handumdrehen. Seit gut zehn
Jahren hat die Lehrerbildung in erster Linie in die Fremdsprachendidaktik und
die Förderung der sprachlichen Kompetenz der Lehrpersonen investiert. Der ganze
Realienbereich mit den Fächern Geschichte, Geografie und Naturwissenschaften
geriet dabei arg ins Hintertreffen. Eine ganze Generation von jüngeren
Lehrerinnen und Lehrern muss sich erst das Rüstzeug erarbeiten, um einen
spannenden und kindgerechten naturwissenschaftlichen Unterricht erteilen zu
können.
Viel versprechendes Interesse der
Schüler an Realienthemen
Durch das
Anvisieren zu vieler Bildungsziele werden Lehrpersonen zu gehetzten
Bildungsangestellten. So geht es sicher nicht. Die Schule muss sich
entscheiden, welche Fächer wirklich relevant sind und was eher zum Wunschbedarf
einer Stufe gehört.
Das Interesse
von Schülerinnen und Schülern der Mittelstufe für die reale Umwelt ist enorm. Entsprechend
hoch ist die Beliebtheit des Faches Mensch und Umwelt, wenn die Bildungsinhalte
kompetent vermittelt werden. Die Motivation für die Themen im Realienunterricht
liegt meist deutlich höher als für das Französisch in der sechsten Klasse. Für
die Schule gilt es, diese Neugier für das Erkennen von Zusammenhängen und ganz
allgemein für den Zugang zu elementarer Bildung zu nutzen. Ein guter
Realienunterricht ist in vielfacher Hinsicht ein Dreh- und Angelpunkt moderner
Bildung.
Lehrerbildung bei den Naturwissenschaften
stark gefordert
Die
Wirtschaft beklagt einen erheblichen Mangel an ausgebildeten Technikern und
Ingenieuren. Die Weichen für das Interesse an Naturwissenschaften und dem
ganzen MINT-Bereich werden schon früh gestellt. Engagierte
Mittelstufenlehrkräfte haben dies erkannt und den Kindern beispielsweise in
Lektionen mit elektrischen Bauelementen technisches Verständnis geweckt oder
mit praktischen naturwissenschaftlichen Experimenten wertvolles Wissen vermittelt.
Doch diese Annäherung an die Naturwissenschaftlich blieb mehr oder weniger der
Einzelinitiative von Lehrpersonen überlassen.
Nun soll
dieser erfolgreiche Ansatz in den Lehrplan der Mittelstufe aufgenommen werden.
Das Ziel ist richtig, doch der Auftrag droht an fehlender Zeit, ungenügender
Ausbildung und schlechteren schulischen Rahmenbedingungen zu scheitern. Vorerst
gilt es, die Anstrengungen in der Primarlehrerbildung zugunsten der
naturwissenschaftlichen und technischen Bildung zu verstärken. Das dürfte aber
sehr schwierig sein, wenn weiterhin zu viele Ziele im frühen
Fremdsprachenlernen verfolgt werden und die Primarlehrerbildung dafür einen
enormen Zeitaufwand budgetieren muss.
Wird die
Didaktik für die zweite Fremdsprache hingegen der Sekundarlehrerausbildung
zugeteilt, können die Pädagogischen Hochschulen dem Realienbereich der
Primarschule und den MINT-Fächern den erforderlichen höheren Stellenwert
einräumen.
Allgemeinbildung als Basis für gute
Nutzung des Internets
Die Schule
kann an den Anforderungen unseres Medienzeitalters nicht vorbeiplanen. Der
Umgang mit den elektronischen Medien setzt ein solides Allgemeinwissen voraus,
damit die Orientierung in der Datenflut des Internets einigermassen gelingt.
Ohne ein hilfreiches Weltbild, das in einem farbigen Realienunterricht
schrittweise entworfen wird, bleiben
Lernfortschritte beim Einsatz des Internets zu stark dem Zufall
überlassen. Unsere Welt ist komplex geworden, aber ein anschaulicher Realienunterricht
mit Schwerpunktbildung kann wichtige Voraussetzung für das Verstehen
wesentlicher Zusammenhänge schaffen.
Die
Mittelstufe hat die anspruchsvolle Aufgabe, im Realienunterricht den Schülern
ein Stück Welt ins Schulzimmer zu bringen. Was bieten sich da nicht alles für
Chancen, um Neues zu entdecken und Fragen nachzugehen! Guter Realienunterricht
weckt das Interesse für Kultur und ist im besten Sinne Menschenbildung. Ein
lebendiger Naturkunde- und Zoologieunterricht kann die Basis für späteres naturwissenschaftliches
Forschen legen. Es sind verpasste Chancen, wenn Schülerinnen und Schüler auf
der Mittelstufe die Umwelt nur rudimentär kennen lernen oder aus der Geschichte nur
wenig Spannendes erfahren, weil die Sprachlastigkeit der Lektionentafel die
Lehrkräfte zu sehr in eine andere Richtung drängt.
Wertvolle Wortschatzerweiterung im Sachunterricht
Für Schüler,
die sich eher schwer tun mit dem Lesen, bietet der Realienunterricht die beste
Gelegenheit, um mit Erfolg Deutsch zu lernen. Wo eine Sache fasziniert, kommt
auch die Sprache zum Zug. Das tägliche Sprachbad im Realienunterricht stellte
hohe Anforderungen an die fachliche und sprachliche Kompetenz der Lehrkräfte.
Aber der Aufwand lohnt sich, wenn auf diese Weise Bildungsprozesse in Gang
gesetzt werden. So kann in einer Geografielektion beispielsweise eine
eindrückliche Bildfolge über die Zerstörung einer Naturlandschaft zu
Denkanstössen und Diskussionen anregen. Oder beim Bau eines kleinen
Elektromotors erleben Jugendliche, wie die elektromagnetischen Kräfte wirken
und welchen Bauteilen wichtige Funktionen zukommen. Die gewonnenen Einsichten
auch sprachlich festzuhalten, ist Teil eines zielgerichteten
Realienunterrichts, der die Sprachkompetenz nachhaltig fördern will.
Eine enge
Verbindung von Anschauung und Sprache im Realienunterricht ist neben dem Lesen
der direkteste Weg, um einen differenzierten Wortschatz zu gewinnen. Diese
Feststellung gilt aber nicht mehr, wenn der Realienunterricht für das Lernen
von englischem oder französischem Ergänzungsstoff missbraucht wird.
Realienunterricht als Eldorado der Begabtenförderung
Es ist eine
zentrale Aufgabe der Volksschule, das vorhandene Begabungspotenzial der Kinder
möglichst auszuschöpfen. Es ist aber ein Unsinn, die wichtige Frage der Begabtenförderung
fast ausschliesslich auf das frühe Lernen mehrerer Sprachen zu fokussieren.
Spätestens in der sechsten Klasse geht im Französisch die Schere zwischen
langsam und schnell Lernenden auseinander und führt zu erheblichen Spannungen
in den Klassen. Viel besser geeignet für das Ausschöpfen des Lernpotenzials ist
der Unterricht in Mensch und Umwelt, weil der gestalterische Freiraum dieses
Faches im Gegensatz zu einem stark an den Lernzielen orientierten Fremdsprachenunterricht keine Grenzen setzt.
Der
erlebnisorientierte Realienunterricht spricht alle Kinder an und bietet eine
Fülle von Möglichkeiten, um Wissensdurstige individuell zu fördern. Was liegt
nicht alles drin bei einem Thema wie „Vom Alltag der Römer in Helvetien“ oder
bei einer Projektarbeit über den Bau der NEAT- Eisenbahntunnels! Begabte Kinder
können ihr ganzes Repertoire an Möglichkeiten hervorholen: Konzentriertes
Einlesen ins Thema, Zusatzinformationen im Internet beschaffen, Projekt als
schriftliche Arbeit gestalten,
Stichworttechnik für den Vortrag anwenden, Präsentationskonzept in der
Gruppe besprechen und schliesslich einen Kurzvortrag halten. Begabte Kinder
kommen dabei voll auf ihre Rechnung, sei es im kognitiven, gestalterischen oder
sprachlichen Bereich. Diese Art der Begabtenförderung ist sozial gut
verträglich und bringt in der Regel der ganzen Klasse einen Gewinn.
Notwendige Weichenstellung zugunsten
des MINT-Bereichs
Die
Volksschule muss einen erfüllbaren Auftrag erhalten, der frei ist von
stofflicher Hektik und schwer einzulösenden Versprechungen. Zurzeit muss die
Mittelstufe ein Sprachenkonzept umsetzen, das in keiner Weise überzeugt und
erhebliche Auswirkungen auf andere Fächer hat. Bei der Einführung der zweiten
Fremdsprache in der fünften Klasse ist die Zeit für vorwiegend spielerisches
Lernen entwicklungspsychologisch vorbei und das analytische Lernen steckt erst
in den Anfängen. Aufwand und Ertrag beim Frühfranzösisch stimmen nicht. Mit der Verschiebung der zweiten
Fremdsprache in die Sekundarschule würde Raum geschaffen, damit die
Primarschule ihren ganzheitlichen Bildungsauftrag mit den neuen Schwerpunkten
in den MINT-Fächern tatsächlich erfüllen kann. Es wäre ein grosser Schritt
vorwärts, wenn im neuen Lehrplan die entsprechende Weichenstellung vorgenommen
würde.
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