Jahr für Jahr stehen die Schulen in der Schweiz vor der gleichen
Herausforderung: Tausende Lehrer müssen angestellt werden, damit im neuen
Schuljahr vor jeder Klasse eine Fachperson steht. Längst gelingt dies nicht
mehr überall. Die Schulen behelfen sich vielerorts mit unterqualifizierten
Lehrern.
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| Gewöhnliche Lehrer ersetzen die fehlenden Heilpädagogen, Bild: Fotolia
An den Berner Schulen fehlen die Heilpädagogen, Berner Zeitung, 19.9. von Marius Aschwanden
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Noch ausgeprägter ist der Mangel an Heilpädagogen (siehe Kasten). Im Kanton
Bern etwa konnten im laufenden Schuljahr zwar alle Lehrerstellen besetzt
werden. Fünf unbefristete Posten für Heilpädagogen seien hingegen
offengeblieben, sagt Erwin Sommer, Vorsteher des kantonalen Amtes für
Kindergarten, Volksschule und Beratung. Das ist aber nur die Spitze des
Eisberges. In der Not würden oftmals gewöhnliche Lehrer den Unterricht
übernehmen, den eigentlich ausgebildete Heilpädagogen bestreiten sollten.
Wie viele Speziallehrkräfte effektiv fehlen, weiss der Kanton nicht. Für
die Anstellung zuständig seien die Gemeinden, sagt Sommer. Klar ist deshalb
nur: Die jedes Jahr neu ausgebildeten Heilpädagogen könnten den Mangel an den
Berner Schulen nicht in kurzer Zeit beheben.
«Lebenspraxis» soll reichen
Dass so viele Heilpädagogen nötig sind, hängt mit der Umsetzung des
Integrationsartikels 2009 zusammen. Seither werden im Kanton Bern lernschwache
oder verhaltensauffällige Schüler möglichst in der Regelschule unterrichtet.
Gleichzeitig ist aber auch die Anzahl solcher Sonderschüler um über die Hälfte
gestiegen – von 1533 auf 2475. Das führte zu einem höheren Bedarf an Heilpädagogen.
Wegen des Mangels schaltet sich nun die Politik ein. In einer
überparteilichen Motion fordern fünf Grossräte, dass für den integrativen
Unterricht auch pädagogisch geeignete Fachleute aus «lebenspraktischen
Bereichen» angestellt werden dürfen. Gemeint sind damit etwa Landwirtschaft,
Mechanik, Kochen oder Schreinern. So könnte dem Mangel an Heilpädagogen
entgegengewirkt und den Kindern mit speziellem Förderbedarf «gezielter und
wirkungsvoller geholfen werden», glauben die Politiker.
«Die Schulen können auch Personen anstellen, die nicht über eine pädagogische
oder eine fachspezifische Grundausbildung verfügen.»Erwin Sommer
Bei der Erziehungsdirektion ist man der Meinung, dass diese Forderung
bereits heute umgesetzt ist. «Die Schulen können auch Personen anstellen, die
nicht über eine pädagogische oder eine fachspezifische Grundausbildung
verfügen», sagt Erwin Sommer. Ob er den Vorschlag der fünf Grossräte auch
inhaltlich unterstützt, lässt der Amtsleiter aber offen.
Kritik von der Hochschule
Anders beurteilt die Pädagogische Hochschule (PH) Bern die Sache. Sie
kritisiert bereits die heutige Praxis der Schulen, sich mit gewöhnlichen
Lehrern zu behelfen. «Dem Mangel an Heilpädagogen kann nicht entgegengewirkt
werden, indem unqualifizierte Personen heilpädagogische Aufgaben übernehmen»,
sagt Michael Eckhart, Leiter des Instituts für Heilpädagogik.
Das erweise sich häufig als Bumerang, weil die Probleme trotz Engagement
der Lehrer nicht angemessen gelöst werden könnten. «Oft werden damit neue
Probleme geschaffen. Das schadet dem Ruf der Heilpädagogik.»
Lockerung der Zulassung
Eckhart fordert, dass das Heilpädagogikstudium attraktiver werden müsse.
Es gebe immer wieder Lehrer, die wegen des Lohnausfalls auf die Weiterbildung
verzichten würden. «Hier könnte der Kanton unterstützend einspringen. Bei
anderen Ausbildungen, etwa im Gesundheitsbereich, haben sich entsprechende
Beiträge bewährt», sagt Eckhart. Im Gegenzug könnte der Kanton die
Heilpädagogen nach Abschluss der Ausbildung dazu verpflichten, eine gewisse
Zeit in Bern zu arbeiten.
Sowohl Michael Eckhart als auch Erwin Sommer hoffen zudem, dass die vom
Grossen Rat per 2018 beschlossene Lockerung der Zulassungsbedingungen für die
Heilpädagogikausbildung an der PH Bern eine positive Wirkung haben wird.
Bislang ist ein Lehrerdiplom Voraussetzung für das Studium.
Neu sollen auch Inhaber eines Bachelordiploms in Logopädie oder Psychomotorik
oder eines Bachelorabschlusses in einem verwandten Studienbereich wie
Erziehungswissenschaften, Sozialpädagogik, Psychologie oder Ergotherapie Zugang
zum Studiengang erhalten. In anderen Kantonen ist dies bereits heute der Fall.
Kapazität wäre vorhanden
In Bern müssten wegen der strengen Zulassungsbedingungen jedes Jahr rund
zehn Interessierte abgewiesen werden, sagt Eckhart. Bei sechzig Studierenden
pro Jahrgang sind das mehr als zehn Prozent. «Allerdings ist davon auszugehen,
dass sich Interessierte auf der Website der PH Bern über die
Zulassungsbedingungen informieren und sich dann gar nicht bei uns melden», so
der Institutsleiter. Es gebe deshalb vermutlich eine hohe Dunkelziffer.
Theoretisch könnte die PH laut Michael Eckhart pro Jahrgang bis zu
hundert Heilpädagogen ausbilden. Davon ist man aber noch weit entfernt: Trotz
steigenden Anmeldezahlen schliessen momentan jedes Jahr lediglich vierzig bis
fünfzig Personen ihre Ausbildung in Bern ab.

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