Angstmacher und Besserwisser, St. Galler Tagblatt, 15.9. von Andri Rostetter
Wenn es um die Schule geht, sind nüchterne Debatten ausgeschlossen.
Dieser politische Grundsatz hat sich in den vergangenen Monaten einmal mehr
bewahrheitet. Seit klar ist, dass das St.Galler Stimmvolk nach 2008 erneut über
das Harmos-Konkordat befinden soll, fliegen im Kanton die Fetzen. Eine
sachliche Diskussion ist kaum möglich, statt Fakten werden Gerüchte verbreitet,
statt Sachlichkeit dominiert Polemik. Ein Stück weit ist das verständlich: Die
Schule zählt zu den Pfeilern einer Demokratie. Was dort richtig oder falsch
gemacht wird, wirkt sich auf die gesamte Gesellschaft aus. Schulreformen wecken
deshalb Ängste. Und wer Angst hat, argumentiert nicht mehr rational. Nur: Von
den Harmos-Gegnern werden diese Ängste gezielt geschürt.
Dass Harmos gerade im Kanton St.Gallen umstritten ist, hat nichts mit
dem hiesigen Schulsystem zu tun. Die St.Galler Volksschule funktioniert. Daran
hat auch der Harmos-Beitritt von 2008 nichts geändert. Der Widerstand gegen das
Konkordat kommt denn auch nicht von der Lehrerschaft, die sonst rasch auf die
Barrikaden steigt. Auch politisch herrscht praktisch Einigkeit: Von links bis
rechts steht alles hinter dem Konkordat, einzig die SVP stemmt sich dagegen –
und das nicht einmal einstimmig.
Offenbar ist etlichen Mitgliedern nicht ganz wohl dabei, dass sich die
Partei damit gegen den eigenen Regierungsrat stellt, einen Volksentscheid
missachtet und dazu die Verfassung aushebeln will. Zur Erinnerung: 2006
stimmten Volk und Stände mit einem überwältigenden Mehr von 86 Prozent dem
Bildungsartikel in der Verfassung zu, der die landesweite Harmonisierung
bestimmter Eckwerte zum Ziel hat. Dazu gehören Schuleintrittsalter,
Schulpflicht, Dauer und Ziele der Bildungsstufen. Die Kantone sind also zur
Harmonisierung der Volksschule verpflichtet. Harmos ist nichts anderes als die
Umsetzung dieser Verpflichtung.
Überraschend ist der SVP-Widerstand gegen Harmos trotzdem nicht: Wenn
sämtliche Parteien und Verbände dafür sind, sucht die Volkspartei mittlerweile
fast schon reflexartig die Oppositionsrolle. Entlarvend ist dabei die Wandlung
von SVP-Bildungschef Stefan Kölliker. Noch 2008 ein vehementer Harmos-Gegner,
ist Kölliker heute ein flammender Befürworter des Konkordats. Seine lapidare
Erklärung: Er habe sich eben mittlerweile mit Harmos befasst.
Treibende Kraft hinter der Harmos-Austritts-Initiative ist aber ohnehin
nicht die SVP. Die wahren Angstmacher stehen in einer ganz anderen Ecke – im
schwer fassbaren Verein Starke Volksschule. In diesem Sammelbecken für
Unzufriedene und Besserwisser aller Art tummeln sich Evangelikale, Impfgegner
und Staatsskeptiker, argumentiert wird mit einer kruden Mischung aus
pädagogischem Revisionismus, religiös verbrämtem Antiliberalismus und
engherzigem Kantönligeist. Hier treffen Sexualkunde-Gegner und
Schiefertafel-Nostalgiker auf politisch Ewiggestrige, die hinter jeder
Schulreform eine marxistische Verschwörung vermuten. Ihre einzige Gemeinsamkeit
ist die pauschale Ablehnung einer modernden Volksschule, wie sie der
Bildungsartikel vorzeichnet.
Der Verein Starke Volksschule macht sich dabei nicht einmal die Mühe,
seine Verbindungen zu zweifelhaften Organisationen zu kaschieren. Auf seiner
Internetseite verlinkt er ohne Umwege zur Plattform von «Bürger für Bürger»,
einer Organisation aus dem Umfeld der Vereinigung zur Förderung der
psychologischen Menschenkenntnis (VPM). Die inzwischen aufgelöste
sektenähnliche Vereinigung provozierte in den 1990er-Jahren Schlagzeilen mit
Verschwörungstheorien über eine angebliche Unterwanderung des Bildungswesens –
ein Vorwurf, der in abgewandelter Form nun auch in der Harmos-Debatte wieder
auftaucht.
Vor diesem Hintergrund wirkt die Beteuerung des Vereins Starke
Volksschule, es gehe ihm allein um das Wohl der Kinder, wenig glaubwürdig. Die
unsachlichen Tiraden gegen Harmos, Lehrplan 21 und andere Modernisierungspläne
lassen vielmehr den Verdacht aufkommen, dass es hier um die Verteidigung eines
Weltbilds geht – eines Weltbilds notabene, das mit einem fortschrittlichen
Bildungswesen nicht vereinbar ist. Auch die Gegner wissen ganz genau: Bei
Harmos geht es nicht um eine tiefgreifende Neuordnung des Schulsystems, sondern
schlicht um die Fortsetzung der bisherigen Politik. Ein Nein zum
Harmos-Austritt ist deshalb nichts weiter als konsequent.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen