Die
Bildungslandschaft ist im Wandel. Neue Erkenntnisse aus den pädagogischen
Wissenschaften kommen langsam in der Volksschule an. Ob allerdings das
Seelenheil der Kinder auf dem Spiel steht, wenn sie statt halber Noten ganze
plus ein Wortzeugnis bekommen, darf bezweifelt werden.
Schulpolitik erreicht Lernziele noch nicht, St. Galler Tagblatt, 18.9. von Odilia Hiller
Elternabend an einer Ostschweizer Primarschule. Es gibt Informationen zu
Skilager, Basisschrift und schulischer Heilpädagogik. Dann folgt das Traktandum
Notengebung. Totenstille im Saal. Die Lehrerin fleht: «Bitte fangen Sie nicht
an, Notenschnitte auszurechnen. Lassen Sie den Taschenrechner in der
Schublade.» Noten seien im heutigen Schulsystem nicht mehr Noten, sondern Codes
für den Lernstand der einzelnen Kinder, sagt sie. Eine Drei («Lernziel nicht
erreicht») bedeutet, dass ein Schüler in einer Materie noch nicht dort steht,
wo er hin soll. Und nicht, dass er nächstes Mal mindestens eine Fünf «braucht»,
um auf eine genügende «Note» zu kommen. Und schon gar nicht, dass er dumm ist –
ist man versucht anzufügen.
Ob das Flehen der Lehrerin etwas nützen wird, sei dahingestellt. Noten
sind den Schweizerinnen und Schweizern lieb und teuer. Noten gaukeln messbare
Leistungen vor. Noten, so meinen viele, lassen darauf schliessen, wie gut das
Kind im Vergleich zum Kind der Nachbarn dasteht. Ob im Leben etwas wird aus
ihm. Ob es an die Kantonsschule gehen wird. Dass Schulkarrieren, die aus einer
Ansammlung schlechter Noten bestehen, ganze Biographien nachhaltig beschädigen
können, blendet das Bildungsbürgertum gerne aus.
Deshalb die Binsenwahrheit zuerst: Die Bildungslandschaft ist im Wandel.
Neue Erkenntnisse aus den pädagogischen Wissenschaften, in vielen Privatschulen
längst umgesetzt, kommen langsam in der Volksschule an. Dazu gehört der
Gedanke, dass es in einer tauglichen, auf die individuellen Bedürfnisse der
Kinder ausgerichteten Pädagogik eigentlich nicht darum gehen kann, Kinder und
Jugendliche in «gute» und «schlechte» Schüler einzuteilen. Denn wohlgemerkt:
Leistungsvergleiche sind immer nur möglich, wenn es genügend Unterschiede gibt.
Der Leistungssport führt es bis zur Perversion vor: Dort, wo eigentlich alle
gleich schnell sind, wird halt in Hundertstelsekunden gerechnet.
Davon will die Mehrheit derjenigen abkommen, die mit Kindern arbeiten:
die Pädagogen. Interessanterweise stossen sie dabei auf den Widerstand einer
anderen Gruppe, die ebenfalls viel mit Kindern zu tun hat: die Eltern.
Ausgerechnet sie, in deren Obhut und Fürsorge die Kinder sich befinden, sehen
den Nachwuchs oft als verlängerten Arm eigener Bedürfnisse – nach Erfolg, nach
Leistung, nach Ruhm und Ehre. Wunschkinder werden schnell zu Projektkindern.
Die Bildungspolitik befindet sich im Spannungsfeld dieser Weltbilder und
Strömungen. Hier der pädagogische Wandel in einer Volksschule, die gesunde,
starke und lernwillige Kinder hervorbringen soll. Dort ein traditionsverliebtes
Bürgertum, das sich auf den Standpunkt stellt: «Was für uns recht war, soll
unseren Kindern auch gut genug sein. Schliesslich ist aus uns auch etwas
geworden.» Dass unser Bildungssystem messbare Einheiten der
Leistungsbeurteilung braucht, soll hier nicht bestritten werden. Für alles
andere sind weder Wirtschaft noch Gesellschaft bereit. Ob allerdings das
Seelenheil der Kinder auf dem Spiel steht, wenn sie statt halber Noten ganze
plus ein Wortzeugnis bekommen, das auch ihre Sozialkompetenz erwähnt, darf
bezweifelt werden. Weder aus Ländern, die mit den Buchstaben A bis D benoten,
noch aus solchen, die Punktzahlen zwischen eins und 20 vergeben, ist bekannt,
dass die Schüler bessere oder schlechtere Mitglieder des Gesellschaft würden.
Nicht hilfreich ist allerdings, wenn Bildungspolitiker nicht imstande
sind, in diesen Fragen für mehr Gelassenheit zu plädieren. Indem sie
Reglemente, Empfehlungen und Motionen absondern, die sich untereinander auch
noch widersprechen, stiften sie noch mehr Verwirrung. Damit ist weder Kindern,
Eltern noch Lehrern gedient.
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