Kinder werden bei den Hausaufgaben unterschiedlich
unterstützt. Das sei ungerecht, kritisieren die Deutschschweizer
Schulleiterinnen und Schulleiter. Deshalb möchten sie die klassischen «Ufzgi»
gleich ganz abschaffen.
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| Viele Kinder seien mit den Hausaufgaben überfordert, heisst es. Bild: Westend 61
Die Hausaufgaben abschaffen? Migros Magazin, 12.9. von Monica Müller
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Schluss mit Hausaufgaben – das klingt eher nach einem Kinderwunsch als
nach der Forderung eines Lehrerkollektivs. Und doch: Die Deutschschweizer
Schulleiter haben sich gegen die «Ufzgi» ausgesprochen. Weil Kinder dabei
ganz unterschiedlich unterstützt werden, sehen Letztere die Chancengleichheit
gefährdet.
Auch Jürg Brühlmann (62) vom Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz
ist überzeugt, dass die klassischen Hausaufgaben nicht mehr zeitgemäss sind (siehe folgendes Interview). Der Psychologe und
Lerncoach Fabian Grolimund (37) gibt ihm
recht: «Die Konflikte, die viele Familien teils täglich wegen der Hausaufgaben
austragen, belasten die Beziehungen zwischen Eltern und Kindern und rauben
vielen Schülerinnen und Schülern die Lernmotivation.»
Überforderte Kinder – und Eltern
Wie für viele Erwachsene sei es auch für Kinder schwierig, zu Hause zu arbeiten, wo die Ablenkung viel grösser ist. «Kinder, die überfordert sind, sind auf die Hilfe der Eltern angewiesen. Die aber wissen oft nicht, wie sie helfen sollen. Unterforderte Kinder wiederum sehen den Sinn von Hausaufgaben nicht. Und jedem Kind individuell angepasste Aufgaben zu geben, überfordert die Lehrpersonen.»
Wie für viele Erwachsene sei es auch für Kinder schwierig, zu Hause zu arbeiten, wo die Ablenkung viel grösser ist. «Kinder, die überfordert sind, sind auf die Hilfe der Eltern angewiesen. Die aber wissen oft nicht, wie sie helfen sollen. Unterforderte Kinder wiederum sehen den Sinn von Hausaufgaben nicht. Und jedem Kind individuell angepasste Aufgaben zu geben, überfordert die Lehrpersonen.»
Gabriela Heimgartner (50),
Vorstandsmitglied von Elternbildung Schweiz, möchte die Hausaufgaben unbedingt
beibehalten: «Die Kinder wiederholen und vertiefen, was sie in der Schule
gelernt haben, und lernen, selbständig zu werden.»
Zudem würden die Hausaufgaben einen wichtigen Einblick in den Schulalltag geben.
Zudem würden die Hausaufgaben einen wichtigen Einblick in den Schulalltag geben.
Jürg Brühlmann, der Deutschschweizer
Schulleiterverband möchte die Hausaufgaben abschaffen. Was halten Sie davon?
Das muss man tatsächlich diskutieren. Die Lebensumstände haben sich
verändert. Es gibt mehr Eltern, die beide auswärts arbeiten, mehr Kinder, die
allein zu Hause sind, und mehr Tagesschulen. Viele Eltern möchten abends lieber
mit ihren Kindern reden oder spielen, statt Hausaufgaben zu machen. Und es gibt
auch mehr fremdsprachige Eltern. Etwa ein Drittel der Eltern kann zu wenig gut
Deutsch, um helfen zu können. Ein weiteres Drittel der Eltern ist mit dem
Schulstoff zum Teil bereits ab der 3. und 4. Klasse und dann sicher in der
Sekundarschule überfordert.
Nur ein Drittel versteht die «Ufzgi»?
Algebra überfordert die meisten, Englisch können wenige richtig gut,
Französisch haben viele vergessen. Kinder müssen die Möglichkeit haben, ihre
Hausaufgaben betreut zu machen. Sonst sind die Kinder benachteiligt, die zu
Hause nicht unterstützt werden können oder keinen ruhigen Arbeitsplatz haben.
Alle Schulen müssten also
Hausaufgabenhilfen bieten?
Viele Schulen machen das schon, andere sind gefordert. Hausaufgaben
sollten eigentlich keine Unterstützung von einer Lehrperson erfordern. Aber
viele Kinder brauchen jemanden, der sie anleitet, bei Fragen weiterhilft, sie
motiviert. Diese Aufgabe kann eine Lehrperson, eine Schulassistenz oder auch
ein Elternteil übernehmen.
Und wenn eine Gemeinde sich das nicht
leisten will?
Das muss sie sich gut überlegen, denn dann benachteiligt sie die Kinder.
Man weiss, dass sich Hausaufgabenbetreuung lohnt. Spart eine Gemeinde da, muss
sie damit leben, dass ihre Schülerinnen und Schüler in Tests schlecht
abschneiden. Und dass sie grosse Unterschiede produziert zwischen Kindern mit
unterschiedlichem sozialen Hintergrund.
Die klassischen Hausaufgaben sind also
ein Auslaufmodell?
Es gibt sicher Eltern, die ihren Kindern gern über die Schultern
schauen. Vor allem wenn die Mutter zu Hause ist und nicht arbeitet. Wir
plädieren für ein Modell, das Eltern die Wahl lässt, ob ihre Kinder die
Hausaufgaben an der Schule oder zu Hause lösen. Das wird allen gerecht.
Wir
plädieren für ein Modell, das Eltern die Wahl lässt, ob ihre Kinder die
Hausaufgaben an der Schule oder zu Hause lösen.
Ehrgeizige Eltern werden die
aufgabenlose Zeit mit Vertiefungskursen füllen und so die Chancengleichheit
untergraben.
Das passiert sowieso. Aber man muss bedenken, dass viele Eltern, die
Nachhilfestunden zahlen, das tun, weil sie selbst nicht helfen können. Ich
kenne Leute, die für 25 Franken pro Stunde Wohnungen putzen gehen, um ihren
Kindern Nachhilfestunden für 90 Franken finanzieren zu können – aus dem
schlechten Gewissen heraus, nicht zu Hause zu sein und den Stoff nicht zu
verstehen.
Verschwinden die Hausaufgaben, geht
auch ein wichtiges Bindeglied zwischen Elternhaus und Schule verloren.
Eltern, die eine andere Sprache sprechen oder die Hausaufgaben nicht
verstehen, verpassen das ohnehin. Den Kontakt zu den Eltern muss man nicht über
die Hausaufgaben suchen, sondern über Anlässe an der Schule, wie Elternabende,
Weiterbildungen für Eltern, Leseabende.
Wie lernen Schüler, selbständig zu
arbeiten?
Eine Lehrperson kann die Selbständigkeit ihrer Schüler fördern, indem
sie ihnen Tages-, Wochen- oder Monatsaufträge erteilt.
Sind Tagesschulen die Zukunft?
Ja. Je mehr Eltern arbeiten, desto mehr wird sich der Druck der Wirtschaft
erhöhen. Alle grösseren Städte basteln am Modell Tagesschulen.

Es ist natürlich äusserst unschön, dass es verschiedene Eltern gibt: Solche, die ihr Kind unterstützen (können) und solche, die dies nicht tun. Vom Hörensagen wird nun ein weiterer Notzustand konstruiert, der darauf aufbaut, dass viele Kinder mit den Hausaufgaben überfordert seien. Konkrete Zahlen werden nicht genannt. Was bedeutet es denn konkret, wenn ein Kind die Ufzgi nicht lösen kann? Stoffliche Überforderung? Unklarheiten bei der Ausführung, keine Zeit oder einfach nicht aufgepasst im Unterricht?
AntwortenLöschenWenn ein Kind die Hausaufgaben nicht lösen kann, dann läuft im Unterricht etwas schief. Da sollte sich der Lehrer mal ein paar Fragen stellen.
Tagesschulen sind nicht dazu da, das Hausaufgabenproblem zu lösen. Aber die Hausaufgaben dienen als willkommenes Argument für den Ausbau der Strukturen.