12. September 2016

Blick zurück

Wie auf einem Bild von Albert Anker präsentiert sich die historisch eingerichtete Schulstube im Schulhaus Eriswil. Auf dem Harmonium ertönt ein Schullied, gespielt von Kurt Hofer. Als Schulmeister mit weissem Bart und schwarzer Kappe, einem Anzug aus Halbleinen und mit Rohrstock, inszeniert er eine Schulstunde, wie sie Mitte des 20. Jahrhunderts hätte stattfinden ­können.
Lektionen von anno dazumal von Kurt Hofer, Bild: Marcel Bieri
Eine Schiefertafel ist kein iPad, Berner Zeitung, 12.9. von Brigitte Meier

Das ungewohnte Kratzen auf den Schiefertafeln mit dem hellen Tannenholzrahmen löst nostalgische Gefühle aus. Gerührt erinnert sich eine ältere Besucherin an den grünen Caran-d’Ache-Griffel «Heidi».

Für die Lektion von anno dazumal drücken die 4. bis 6.-Klässler von Lehrer Alfred Schär die hölzerne Schulbank. Auf den Zweierpulten entdecken die Schulkinder hübsch genähte Tintenlümpli und eine kleine Weltkugel als Bleistiftspitzer. Bei den Mädchen fallen die kunstvoll geflochtenen Zöpfchen und ungewohnten Schürzen auf. Die Buben tragen Hosenträger und schwere Schuhe mit Holzsohlen.

Sind die Hände sauber?
«Früher fand der Unterricht häufig in den grossen Stuben von Bauernhäusern statt», erklärt Kurt Hofer. «Nach dem Gebet wurde kontrolliert, ob die Hände sauber sind.» Etwas zögerlich halten die Kinder ihre Hände hin. Sein Stock flösst Respekt ein.

Dank seiner sanften Stimme und humorvollen Art gewinnt der bärtige Schulmeister rasch ihr Vertrauen. Er hat als junger Lehrer von 1965 bis 1968 in Eriswil unterrichtet und erinnert sich gerne daran, speziell an die Disziplin der damaligen Schüler. Zuerst steht Rechnen auf dem Stundenplan. Staunend erfahren die Kinder, dass man mit der Kugelrechenmaschine (Abakus) bis zu einer Milliarde rechnen kann. Kurt Hofer fasziniert die Kinder und Zuschauer gleichermassen.

Historische Kunstschrift
«Nun üben wir die deutsche Kurrentschrift, so, wie sie eure Urgrosseltern noch gelernt haben», sagt Kurt Hofer, während er die Buchstaben auf die Wandtafel schreibt. Konzentriert bemühen sich die Schüler, die komplizierten Lettern nachzuschreiben. «Halt, ihr müsst die Schiefertafel quer halten, nicht hochkant, das ist kein iPad», erklärt Hofer. In Windeseile schreibt er ein ganzes Wort auf die Tafel und erntet grosses Gelächter, als die Kinder «Muni» entziffern können.

Vorname auf Buchzeichen
Freudig zieht der zehnjährige Jonas Lanz nach der Lektion ein Heftchen aus der Hosentasche, das alle Kinder zum Andenken an die historische Lektion erhalten haben. Er ist beeindruckt von der Kurrentschrift: «Hier sind die alten Buchstaben geschrieben, und auf dem Buchzeichen steht mein Vorname.»

Von ihrem Grosi weiss Anina Ruch, dass dieses noch einen Zählrahmen im Schulzimmer hatte. Die Elfjährige und ihre Kollegin Sophie Yelin fanden Lehrer Hofer lustig und nett.
Aber beide ziehen die heutige Schule der Schule von gestern vor. Schon wegen der Kleider. «Eine Folter bei diesen sommerlichen Temperaturen», stöhnt Lumo Schnelle und ist froh, als ihm Lehrer Alfred Schär erlaubt, das Gilet abzulegen. Froh ist er auch, dass man heute nicht mehr auf der Schiefertafel schreibt. Spass gemacht hat ihm hingegen das Rechnen mit der Kugel­rechenmaschine.

Das Geburtstagsgeschenk
Die historische Lektion wie vor 75 Jahren ist nur ein Teil des Festprogramms zum runden Geburtstag des Eriswiler Schulhauses. Dieses wird begleitet von strahlendem Spätsommerwetter. Zum Auftakt haben die Schülerinnen und Schüler ihr selbst gestaltetes Wandbild enthüllt – ein Geschenk für das 75-jährige Schulhaus.


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