Wie auf einem Bild von
Albert Anker präsentiert sich die historisch eingerichtete Schulstube im
Schulhaus Eriswil. Auf dem Harmonium ertönt ein Schullied, gespielt von Kurt
Hofer. Als Schulmeister mit weissem Bart und schwarzer Kappe, einem Anzug aus
Halbleinen und mit Rohrstock, inszeniert er eine Schulstunde, wie sie Mitte des
20. Jahrhunderts hätte stattfinden können.
![]() |
| Lektionen von anno dazumal von Kurt Hofer, Bild: Marcel Bieri
Eine Schiefertafel ist kein iPad, Berner Zeitung, 12.9. von Brigitte Meier
|
Das ungewohnte Kratzen
auf den Schiefertafeln mit dem hellen Tannenholzrahmen löst nostalgische
Gefühle aus. Gerührt erinnert sich eine ältere Besucherin an den grünen
Caran-d’Ache-Griffel «Heidi».
Für die Lektion von anno
dazumal drücken die 4. bis 6.-Klässler von Lehrer Alfred Schär die hölzerne
Schulbank. Auf den Zweierpulten entdecken die Schulkinder hübsch genähte
Tintenlümpli und eine kleine Weltkugel als Bleistiftspitzer. Bei den Mädchen
fallen die kunstvoll geflochtenen Zöpfchen und ungewohnten Schürzen auf. Die
Buben tragen Hosenträger und schwere Schuhe mit Holzsohlen.
Sind
die Hände sauber?
«Früher fand der
Unterricht häufig in den grossen Stuben von Bauernhäusern statt», erklärt Kurt
Hofer. «Nach dem Gebet wurde kontrolliert, ob die Hände sauber sind.» Etwas
zögerlich halten die Kinder ihre Hände hin. Sein Stock flösst Respekt ein.
Dank seiner sanften
Stimme und humorvollen Art gewinnt der bärtige Schulmeister rasch ihr
Vertrauen. Er hat als junger Lehrer von 1965 bis 1968 in Eriswil unterrichtet
und erinnert sich gerne daran, speziell an die Disziplin der damaligen Schüler.
Zuerst steht Rechnen auf dem Stundenplan. Staunend erfahren die Kinder, dass
man mit der Kugelrechenmaschine (Abakus) bis zu einer Milliarde rechnen kann.
Kurt Hofer fasziniert die Kinder und Zuschauer gleichermassen.
Historische
Kunstschrift
«Nun üben wir die
deutsche Kurrentschrift, so, wie sie eure Urgrosseltern noch gelernt haben»,
sagt Kurt Hofer, während er die Buchstaben auf die Wandtafel schreibt.
Konzentriert bemühen sich die Schüler, die komplizierten Lettern
nachzuschreiben. «Halt, ihr müsst die Schiefertafel quer halten, nicht
hochkant, das ist kein iPad», erklärt Hofer. In Windeseile schreibt er ein
ganzes Wort auf die Tafel und erntet grosses Gelächter, als die Kinder «Muni»
entziffern können.
Vorname
auf Buchzeichen
Freudig zieht der
zehnjährige Jonas Lanz nach der Lektion ein Heftchen aus der Hosentasche, das
alle Kinder zum Andenken an die historische Lektion erhalten haben. Er ist
beeindruckt von der Kurrentschrift: «Hier sind die alten Buchstaben
geschrieben, und auf dem Buchzeichen steht mein Vorname.»
Von ihrem Grosi weiss
Anina Ruch, dass dieses noch einen Zählrahmen im Schulzimmer hatte. Die
Elfjährige und ihre Kollegin Sophie Yelin fanden Lehrer Hofer lustig und nett.
Aber beide ziehen die
heutige Schule der Schule von gestern vor. Schon wegen der Kleider. «Eine
Folter bei diesen sommerlichen Temperaturen», stöhnt Lumo Schnelle und ist
froh, als ihm Lehrer Alfred Schär erlaubt, das Gilet abzulegen. Froh ist er
auch, dass man heute nicht mehr auf der Schiefertafel schreibt. Spass gemacht
hat ihm hingegen das Rechnen mit der Kugelrechenmaschine.
Das
Geburtstagsgeschenk
Die historische Lektion
wie vor 75 Jahren ist nur ein Teil des Festprogramms zum runden Geburtstag des
Eriswiler Schulhauses. Dieses wird begleitet von strahlendem Spätsommerwetter.
Zum Auftakt haben die Schülerinnen und Schüler ihr selbst gestaltetes Wandbild
enthüllt – ein Geschenk für
das 75-jährige Schulhaus.

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen