11. September 2016

Selbstgesteuertes Lernen dominiert

«Kanienchenleber» steht auf der Speisekarte. Josef Zahner sieht das –ie–, zieht die Augenbrauen hoch, seufzt. Der Schreibfehler ist der perfekte Einstieg in ein Gespräch darüber, was in der Schule nach Ansicht des Vereins «Starke Volksschule St. Gallen» falsch läuft. Die Grundfertigkeiten wie Lesen, Rechtschreiben und Rechnen gingen verloren, beklagen dessen Anhänger. Auch Josef Zahner und Lisa Leisi sind dieser Ansicht. Beide weibeln zurzeit unermüdlich für die Initiative zum Harmos-Ausstieg, über die am 25. September im Kanton St. Gallen abgestimmt wird. Zahner, Bauer in Kaltbrunn, hört fast täglich Klagen von Lehrmeistern oder Lehrern, dass die Jugendlichen nach der Volksschule nicht mehr richtig schreiben und rechnen könnten. Daran seien die vielen Schulreformen schuld, findet der 48-Jährige. Geführter Klassenunterricht sei heute Mangelware. Stattdessen dominiere das selbstgesteuerte Lernen, das Kinder und Lehrpersonen überfordere.
Kämpfen für den Harmos-Ausstieg: Lisa Leisi und Josef Zahner, Bild: Sabine Rock
Der Harmos-Austritt reicht ihnen nicht, Zürichsee Zeitung, 9.9. von Elvira Jäger

Lehrplan 21 verhindern
Dass ein Austritt aus dem Harmos-Konkordat diese Probleme alle lösen würde, glauben auch Josef Zahner und Lisa Leisi nicht. Ihre Kritik zielt denn auch vor allem auf den Lehrplan 21. Total überfrachtet sei dieser, sagt Leisi, Mutter von vier erwachsenen Kindern aus Dietfurt im Toggenburg. «Den Kindern fehlt schlicht die Zeit zum Üben.» Eigentlich wollte der Verein «Starke Volksschule» von Anfang den Lehrplan 21 im Kanton St. Gallen mit einer Initiative verhindern. Regierung und Verwaltungsgericht erklärten diese aber unter Verweis auf das bindende Harmos-Konkordat für ungültig. Leisi und Zahner verhehlen denn auch nicht, dass der Harmos-Austritt für sie nur ein erster Schritt ist. Stimmt das St. Galler Volk diesem zu, würde eine Neuauflage der Initiative gegen den Lehrplan 21 folgen.

Nur noch eine Fremdsprache
Der mächtigste Stein des Anstosses ist für Leisi wie für Zahner der Fremdsprachenunterricht. Eine Fremdsprache auf Primarstufe genüge völlig, finden sie. Welche das sein soll, darauf wollen sie sich nicht festlegen. Die freiwerdende Unterrichtszeit solle auf jeden Fall für das Üben der Grundfertigkeiten eingesetzt werden.
Das Argument von SVP-Regierungsrat Stefan Kölliker, mindestens 80 Prozent der Schüler hätten keine Probleme mit zwei Fremdsprachen, kontern die beiden Harmos-Gegner mit einem eigenen Zahlenspiel: «Es sind sicher weniger als 20 Prozent aller Kinder, die während der Schulzeit von einem Kanton in einen andern umziehen. Und ihretwegen soll es ein Harmos-Konkordat brauchen?» Auch Köllikers Argument, bei einem Austritt drohe das Bundesdiktat, sticht bei Zahner und Leisi nicht. «Das gäbe einen Aufruhr im Volk, über den sich der Bundesrat nie und nimmer hinwegsetzen könnte», sagt Leisi, welche die St. Galler EDU präsidiert.

Regierungs- und Kantonsrat sowie alle grossen St. Galler Parteien ausser der SVP sind gegen die Initiative. Wie hoch schätzen die beiden Fürsprecher deren Chancen ein? «Fragen Sie Herrn Kölliker», lacht Josef Zahner. «Wenn sich seine Ängste bewahrheiten, sind wir glücklich.» 


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